I. V.--
(Unterschrift.)

An die Königl. Intendantur
-des XV. Armeekorps.

Das Armee-Verwaltungs-Departement des Preußischen Kriegsministeriums hat also noch elf Tage nach dem Attentat von Serajewo und vier Tage nach dem angeblichen Kronrat, der den Krieg beschlossen haben soll, die Verproviantierungsfristen der elsässischen Festungen, vorläufig und auf Widerruf um eine Woche verlängert! Ein stärkerer Beweis dafür ist kaum möglich, daß unsern leitenden Kreisen der Gedanke, einen Krieg heraufzubeschwören, gänzlich fernlag, ja daß sie im Vertrauen auf die Erhaltung des Friedens Maßnahmen guthießen, die das Gegenteil der an sich durch die Lage gebotenen Vorbereitungen für die Möglichkeit des Krieges waren.

Auf diplomatischem Gebiet muß es jedem tiefer in die Dinge eintretenden Beobachter auffallen, daß bei unserm italienischen Verbündeten vor der Überreichung des Ultimatums in Belgrad offenbar keinerlei Versuche gemacht worden sind, ihn auf eine Mitwirkung oder wenigstens eine wohlwollende Neutralität durch bindende Abmachungen festzulegen. Wenigstens ergibt sich aus den italienischen Veröffentlichungen zur Vorgeschichte des Kriegs dafür nicht nur kein positiver Anhalt; vielmehr läßt sich aus der Beschwerde darüber, daß Italien von den österreichisch-ungarischen Absichten entgegen früheren Zusagen nicht rechtzeitig unterrichtet worden sei, nur der Schluß ziehen, daß die beiden Mittelmächte in der Tat an Italien nicht herangetreten sind. Bei den bekannten Empfindlichkeiten und Aspirationen Italiens wäre, falls die Mittelmächte einen Krieg hätten heraufbeschwören wollen oder falls sie auch nur ernstlich die Möglichkeit des Krieges aus der serbischen Veranlassung heraus ins Auge gefaßt hätten, der Versuch der grundsätzlichen Verständigung mit Italien über das geplante Vorgehen eine elementare Notwendigkeit gewesen. An Kompensationsobjekten fehlte es nicht; man braucht nur an die albanische Frage zu denken. Und der Vorteil eines von vornherein sich klar und unzweideutig auf die Seite der Mittelmächte stellenden Italien wäre, wenn man den Kriegsfall ernstlich ins Auge faßte oder gar den Kriegsfall herbeiführen wollte, eine Kompensation wert gewesen. Es scheint mir hier in der diplomatischen Vorbereitung des Krieges eine Unterlassung vorzuliegen, die nur erklärlich ist aus dem festen Vertrauen der deutschen Staatsmänner in die Erhaltung des Friedens.

Auch wirtschaftlich ist in jener Zeit nichts geschehen, was nach Vorbereitung für einen Krieg ausgesehen hätte. Man hat nichts getan, um unsere Bestände an Nahrungsmitteln und kriegsnotwendigen Rohstoffen, wie Stickstoff, Wolle und Baumwolle, Kupfer, Nickel, Kautschuk usw. aufzufüllen; man hat keinen Finger gerührt, um auch nur die Einfuhr der in Antwerpen und Rotterdam mit Bestimmung für Deutschland lagernden Waren einigermaßen zu beschleunigen. Man hat im Gegenteil geduldet, daß noch kurz vor Kriegsausbruch Nahrungsmittel und kriegswichtige Stoffe unsern Gegnern zugeführt worden sind, insbesondere daß noch im Monat Juli große Quantitäten von Brotgetreide aus dem Reichsgebiet nach Frankreich ausgeführt wurden.

Ist ein solches Verhalten denkbar bei einer Regierung, die einen Krieg herbeiführen will? — Die Frage beantwortet sich von selbst. Nur die felsenfeste Überzeugung, daß es gelingen werde, den Frieden zu erhalten — eine Überzeugung, die jede Absicht, auf den Krieg loszusteuern, unbedingt ausschließt —, läßt das Unterlassen aller militärischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Kriegsvorbereitungen überhaupt erklärlich erscheinen. —

Die Aufnahme, die das österreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien bei Rußland fand, mußte sofort erkennen lassen, daß die Hoffnung auf Erhaltung des Friedens an einem schwachen Faden hing. Die Lokalisierung des österreichisch-serbischen Konflikts war die Voraussetzung aller Friedenshoffnungen. Die russische Regierung ließ jedoch bereits am Tage nach der Überreichung des Ultimatums, am 24. Juli 1914, bekanntgeben, daß der österreichisch-serbische Konflikt Rußland „nicht indifferent lassen“ könne. Durch spätere Veröffentlichungen[7] wissen wir, daß an demselben 24. Juli der russische Minister des Auswärtigen dem serbischen Gesandten in Petersburg erklärte, daß Rußland in keinem Fall aggressive Handlungen Österreich-Ungarns gegen Serbien zulassen werde. Das war eine Ermunterung Serbiens zum Widerstand gegen die österreichisch-ungarischen Forderungen, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Gedeckt durch Rußland gab Serbien auf das Ultimatum am 25. Juli eine Antwort, die bei scheinbar weitem Entgegenkommen in wesentlichen Punkten die österreichisch-ungarischen Forderungen umging oder ablehnte. Der österreichisch-ungarische Gesandte forderte daraufhin alsbald seine Pässe und verließ Belgrad. Schon vor der Übergabe ihrer Antwortnote hatte die serbische Regierung die Mobilmachung verfügt.

Damit war der bewaffnete Zusammenstoß zwischen Österreich-Ungarn und Serbien so gut wie unabwendbar geworden, der Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Rußland war vor aller Welt erklärt.

Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, alle die Phasen darzustellen, die der russisch-österreichische Konflikt in den acht Tagen bis zum Kriegsausbruch durchlaufen hat. Die Vorgänge sind von den verschiedensten Seiten eingehend geschildert worden, auch von mir in meiner Arbeit über „Die Entstehung des Weltkriegs im Lichte der Veröffentlichungen der Dreiverbandsmächte“. An dieser Stelle steht im Vordergrund, was ich aus persönlichen Wahrnehmungen zur Bestätigung und Aufhellung der Vorgänge beitragen kann.

Es fügte sich, daß ich Gelegenheit hatte, am Abend des 26. Juli, also am Abend nach der Überreichung der von Österreich-Ungarn als Ablehnung behandelten serbischen Antwortnote, mich mit einer russischen Persönlichkeit, die enge Beziehungen zu den maßgebenden Regierungskreisen hatte, über die politische Lage eingehend unterhalten zu können.