Deutschland hatte einen politischen Sieg erfochten; es hatte zu einer Zeit, in der es in West und Ost in die schwersten Kämpfe gegen eine erdrückende Übermacht verstrickt war, einen Bundesgenossen gewonnen, dessen nicht zu unterschätzendes Gewicht auf der Wage des Völkerschicksals vielleicht den entscheidenden Ausschlag geben konnte.

Nun hieß es, das Gewicht des neuen Bundesgenossen in Wirkung setzen.

Der neue Bundesgenosse stand, von uns getrennt, auf einem ebenso wichtigen wie bedrohten Außenposten. Wenn dieser Außenposten gesichert und die militärische wie die wirtschaftliche Kraft der Türkei für uns nutzbar gemacht werden sollte, dann mußten alsbald die Brücken zu dem neuen Mitkämpfer geschlagen werden. Der Weg zur Türkei führte, solange der Engländer das Mittelmeer, der Russe das Schwarze Meer beherrschte, in jedem Fall über Bulgarien, außerdem entweder über Rumänien oder über Serbien. Bulgarien stand uns mit wohlwollender Neutralität gegenüber. Aber Serbien stand mit noch ungebrochener Kraft gegen uns im Feld, und Rumänien nahm trotz seines Bündnisvertrages mit uns damals schon in so ungenierter Weise für die Entente Partei, daß es auch den völkerrechtlich durchaus einwandfreien Durchfuhren von uns zur Türkei und von der Türkei zu uns die unerhörtesten Schwierigkeiten in den Weg legte. Da ohne Krieg mit Rumänien die Überwindung des rumänischen Hindernisses unmöglich erschien und da niemand bei uns das Bedürfnis nach einem weiteren Kriegsgegner hatte, da ferner der serbische Landesteil, der den Donauweg zwischen Ungarn und Bulgarien blockierte, der sogenannte Negotiner Zipfel, eine Tiefenausdehnung von nur 50–60 Kilometern hatte, erschien der Weg vorgezeichnet: die Forcierung des unterhalb des Eisernen Tores gelegenen serbischen Donaukreises.

Für diese Lösung setzten sich Kanzler und Auswärtiges Amt bei der Obersten Heeresleitung, an deren Spitze damals bereits in Vertretung des schwer erkrankten Generalobersten von Moltke der General von Falkenhayn stand, mit allem Nachdruck ein; es wurde jedoch stets die militärische Unmöglichkeit der Erfüllung dieser Forderung geltend gemacht. Als die Türkei, die damals schon an Munitionsmangel litt, immer stärker drängte, machte das Auswärtige Amt einen erneuten Versuch, zu dem auch meine Mitwirkung auf Grund meiner Kenntnis der Verhältnisse des näheren Orients herangeholt wurde. In Brüssel, wohin ich gerade von einem Besuch im Großen Hauptquartier zurückgekehrt war, erhielt ich am 28. November ein Telegramm des Unterstaatssekretärs Zimmermann, das mich ersuchte, beim Reichskanzler, beim Generalstabschef und nötigenfalls beim Kaiser selbst mit den stärksten Argumenten für eine sofortige Aktion zur Besetzung des Negotiner Kreises und Freimachung des Donauweges einzutreten. Ich entschloß mich, sofort wieder nach Charleville zu fahren. Als ich am Abend des 29. November dort ankam, stellte sich heraus, daß am Vormittag der Reichskanzler nach Berlin, der Kaiser und General von Falkenhayn nach dem östlichen Kriegsschauplatz abgereist waren. Ich wandte mich an den General Wild von Hohenborn, der damals den Generalquartiermeister vertrat. Er sagte mir, daß beim Generalstab wenig Neigung für die serbische Operation bestehe, da auf den Hauptkriegsschauplätzen jeder Mann gebraucht würde. Aus diesem Grund habe sich der General von Falkenhayn bisher gegenüber den Wünschen des Auswärtigen Amts ablehnend verhalten und zunächst nur einmal den Obersten Hentsch zur Prüfung der Verhältnisse an Ort und Stelle nach dem Eisernen Tor geschickt. Aus den Darlegungen des Generals von Wild entnahm ich, daß man in den leitenden militärischen Kreisen die Voraussetzungen, unter denen allein die Türkei überhaupt erst aus einem stark exponierten Angriffspunkt zu einem wertvollen Verbündeten gemacht werden und außerdem Bulgarien für den Anschluß an uns gewonnen werden könne, nicht genügend würdigte. General von Wild versprach mir, meine Gesichtspunkte alsbald an den General von Falkenhayn zu telegraphieren. Es blieb aber bei der Ablehnung.

Es war für mich schmerzlich, zu sehen, wie statt dieser so dringlichen Öffnung des Donauweges, der uns in der Folgezeit viel schwere Sorgen erspart und unserer Gesamtaktion eine so viel wuchtigere Schlagkraft gegeben hätte, die österreichisch-ungarischen Truppen mit starkem Kräfteeinsatz Serbien am andern Ende anpackten. Von Bosnien aus rückte gegen Ende November eine starke Armee in Serbien ein und erzielte in heftigen Kämpfen gute Fortschritte. Am 2. Dezember, dem 66. Jahrestag der Thronbesteigung des Kaisers Franz Joseph, wurde Belgrad angegriffen und genommen. Aber bald stießen die österreichisch-ungarischen Truppen in dem unwegsamen westserbischen Gebirgsland auf große Schwierigkeiten. Schon am 9. Dezember waren sie gezwungen, den Rückzug unter Preisgabe vielen Materials und zahlreicher Gefangener anzutreten. Am 15. Dezember mußte auch Belgrad wieder geräumt werden. Ich kann als Laie die Frage nicht entscheiden, ob nicht der gleiche Kraftaufwand, der hier nutzlos verpufft wurde, am Negotiner Donaubogen eingesetzt genügt hätte, um die Verbindung mit Bulgarien und der Türkei damals schon herzustellen und zu sichern. Zunächst war durch den österreichischen Mißerfolg diese Möglichkeit auf absehbare Zeit verschlossen. Erst zehn Monate später ist die damals schon so dringend empfohlene Aktion in Angriff genommen und durchgeführt worden.

In der Zwischenzeit mußte sich die Türkei, so gut es ging, behelfen, ohne uns über die Sperrung der Dardanellen hinaus einen wesentlichen Vorteil bringen zu können.

Ein Versuch Envers, im armenischen Hochland gegen das russische Kaukasusgebiet vorzustoßen, blieb mangels genügender rückwärtiger Verbindungen in den Anfängen stecken und führte schließlich infolge der feindlichen Haltung der armenischen Bevölkerung zu schweren Rückschlägen. An dem türkischen Ufer des Persischen Golfs setzten sich die Engländer mit indischen Truppen fest und bereiteten eine Operationsbasis für die Eroberung Mesopotamiens vor, ohne daß die Türken sie aus einer durch keine Eisenbahn überbrückten Entfernung von mehr als tausend Kilometern ernstlich daran hindern konnten. Ägypten wurde im Dezember 1914 zum britischen Protektorat erklärt, nachdem schon vor dem Eintritt des Kriegszustandes zwischen England und der Türkei die britische Regierung die ägyptische Regierung gezwungen hatte, den Kriegszustand gegenüber den Mittelmächten zu proklamieren. Mehr als gelegentliche Patrouillen- und Bandenvorstöße gegen den Suezkanal, die keinerlei nachhaltigen Erfolg hatten, vermochten die Türken im Winter 1914/15 nicht zu unternehmen.

Dagegen machten die Verbündeten vom Februar 1915 an außerordentliche Anstrengungen, die Dardanellen zu bezwingen und so einen entscheidenden Stoß zu führen, der sowohl die Türkei ins Herz treffen, wie auch die unterbrochene Verbindung zwischen Rußland und den Westmächten wiederherstellen sollte. Letzteres erschien um so notwendiger, als die Russen gerade damals in der „Winterschlacht in den Masuren“ eine Niederlage erlitten, in der ihre Verluste an Menschen und namentlich Material so gewaltige waren, daß es in Frage gestellt schien, ob die russische „Dampfwalze“ sich ohne ausgiebige Nachhilfe von außen werde wiederherstellen lassen.

In England waren die Meinungen über die Zweckmäßigkeit des Dardanellenunternehmens geteilt. Churchill setzte es gegen allen Widerspruch durch, insbesondere auch gegen den Widerspruch des Lord John Fisher, des Ersten Lords der Admiralität.

Am 19. Februar begann eine mächtige Schlachtflotte die Außenforts der Dardanellen zu bombardieren. Damit war das Signal zu dem gewaltigsten Ringen gegeben, das diese seit dem Trojanischen Krieg so viel und heiß umstrittenen Meerengen je gesehen hatten. Die veralteten und schwachen Forts am Dardanelleneingang wurden niedergelegt, und Anfang März konnte der Versuch, die starken Innenforts zu bezwingen, ins Werk gesetzt werden. Der Versuch scheiterte. Am 18. März büßten die Angreifer drei Schlachtschiffe ein, zwei englische und ein französisches. Man sah ein, daß ohne ein starkes Landungskorps nicht vorwärts zu kommen sei.