Ich habe im ersten Teil dieses Buches die Belastungsproben skizziert, denen die deutsch-türkische Freundschaft seit der jungtürkischen Revolution ausgesetzt war, und denen sie sich gewachsen gezeigt hat. Deutschlands territoriale Uninteressiertheit an den Fragen des näheren Orients, sein positives Interesse an der Aufrechterhaltung der Unversehrtheit, der Unabhängigkeit, der wirtschaftlichen, militärischen und politischen Erstarkung der Türkei war so offenkundig und trat in so konkludenten Handlungen zutage, daß auch die westmächtlich voreingenommenen jungtürkischen Politiker, sobald sie an der Macht und Verantwortung waren, sich wohl oder übel zu Deutschland hingedrängt sahen. Selbst das Vorgehen unseres österreichisch-ungarischen Bundesgenossen in der bosnischen Frage und die tripolitanische Brutalität Italiens hatten die aus den wahren Interessen der Türkei erwachsende Wiederannäherung an Deutschland nicht hindern können.
Als der Krieg ausbrach, konnte in Stambul kein Staatsmann darüber im unklaren sein, daß im Falle eines Sieges der Entente Rußland nach Konstantinopel greifen und daß niemand ihm das verwehren werde. Zu oft und zu deutlich war in den letzten Jahren von Rußland her proklamiert worden, daß der Weg nach Konstantinopel über Berlin und Wien führe. Der Krieg war also von Anfang an, ob die Türkei beiseite stand oder ob sie eingriff, ein Krieg um die Existenz des türkischen Reiches. Die Türkei hatte die Wahl, ob sie durch ein Eingreifen an der Seite der Mittelmächte das ihrige zur Abwendung der Vernichtung tun oder ob sie in willenlosem Geschehenlassen ihr Schicksal hinnehmen wollte.
Die britische Politik versäumte nicht, der türkischen Regierung sofort mit Eindringlichkeit zu zeigen, wo ihr Platz in diesem Völkerringen sei. Schon am 2. August 1914 beschlagnahmte sie zwei von der Türkei auf Drängen des britischen Botschafters in England in Bestellung gegebene und im voraus bezahlte Kriegsschiffe.
Schon in jenen Tagen wurde zwischen dem deutschen Botschafter Freiherrn von Wangenheim und der türkischen Regierung ein Bündnisvertrag vereinbart, für dessen Zustandekommen sich auf türkischer Seite vor allem der Kriegsminister Enver Pascha einsetzte.
Am Abend des 10. August erschienen die beiden deutschen Kriegsschiffe „Göben“ und „Breslau“, die im Mittelmeer der feindlichen Übermacht glücklich entronnen waren, vor den Dardanellen. Sie erhielten die Erlaubnis zur Einfahrt; denn die türkische Regierung hatte die beiden Schiffe in Erwartung ihrer glücklichen Ankunft von der deutschen Regierung gekauft. Entrüsteter Protest der Ententemächte. Zusammenziehung eines Ententegeschwaders vor den Dardanellen. Darauf am 28. September Sperre der Dardanellen.
Für die deutsche Kriegspolitik war schon mit dieser Etappe ein wichtiger Erfolg erzielt. Die Verbindung der Westmächte mit Rußland durch die Ostsee war durch den Krieg zerschnitten. Wenn jetzt auch der Großhandelsweg durch die Dardanellen gesperrt war, so blieb nur noch der für umfangreiche Transporte infolge des Mangels an Eisenbahnen in Nordrußland nicht praktikable Weg über Archangelsk. Die Dardanellensperre machte die Unterstützung der Entente auf dem westlichen Kriegsschauplatz durch russische Mannschaften für lange Zeit unmöglich, sie schränkte die Möglichkeit der Versorgung Rußlands mit westmächtlichem Kriegsmaterial erheblich ein, und sie unterband die Belieferung Frankreichs und Englands mit russischem Getreide.
Es konnte fraglich erscheinen, ob es im deutschen Interesse lag, die durch drei Kriege geschwächte Türkei zu veranlassen, weiter zu gehen und aktiv in den Krieg einzugreifen. Die Möglichkeit, auf dem Wege über die Türkei und mit Hilfe der Türkei das britische Reich an lebenswichtigen Punkten anzugreifen, etwa am Suezkanal oder gar über den Persischen Golf in Indien, hatte zwar in der englischen Agitation gegen die Bagdadbahn und leider auch in gewissen leichtfertigen deutschen Veröffentlichungen eine Rolle gespielt; aber bei nüchterner und sachkundiger Beurteilung mußte man die Durchführbarkeit und die Aussichten auch nur einer Aktion gegen den Suezkanal so lange als äußerst zweifelhaft betrachten, als einmal ein ungehinderter Verkehr zwischen den Mittelmächten und der Türkei nicht gesichert war und als ferner die Eisenbahnverbindung zwischen Konstantinopel und Syrien im Taurus- und Amanusgebirge noch die empfindlichen Lücken aufwies. Im übrigen bot die Türkei sowohl im südlichen Mesopotamien den Engländern als auch in Nordostanatolien den Russen wegen des Fehlens jeder Eisenbahnverbindungen gefährliche Angriffsflächen; ja, es war nicht einmal als unbedingt sicher zu betrachten, ob die Dardanellen, trotz der in den letzten Jahren durchgeführten Modernisierung ihrer inneren Befestigungsanlagen, einem energischen und nachhaltigen Angriff würden standhalten können. Auf den „Heiligen Krieg“, von dem manche die Revolutionierung Ägyptens und Indiens erwarteten, habe ich nach meiner Kenntnis des stumpf und unfanatisch gewordenen Islam niemals große Hoffnungen gesetzt, solange wir nicht selbst die Bewegung in jene Länder tragen konnten.
Diese Ansichten wurden auch in unserem Auswärtigen Amt geteilt, und man hat es deshalb wohl vermieden, die Türken zum Eintritt in den Krieg allzu eifrig zu drängen. Aber die Dinge drängten von selbst in dieser Richtung. Es zeigte sich bald, daß die Ententemächte sich mit der Sperrung der Dardanellen nicht abfinden und der Türkei nur die Wahl lassen würden, sich klipp und klar zu entscheiden. Die Wahl der türkischen Staatslenker war im voraus getroffen. Vergeblich bot die Entente der Türkei die Garantie ihres Besitzstandes; die Türkei hatte mit solchen Garantien zu schlechte Erfahrungen gemacht. Der Druck der Ententemächte verstärkte sich. Ende Oktober kam es bei der Einmündung des Bosporus in das Schwarze Meer, wo russische Kriegsfahrzeuge Minen legten, zu einem Zusammenstoß zwischen türkischen und russischen Seestreitkräften: die Kriegserklärung erfolgte aus dem Munde der Schiffsgeschütze.