Um von der Größe der in so kurzer Zeit für das Reich geschaffenen Werke einen Begriff zu geben:
Das Reichswerk Piesteritz bei Wittenberg a. d. Elbe, das für eine Jahresgewinnung von 150000 Tonnen Kalkstickstoff vorgesehen war, umfaßte nach dem ursprünglichen, inzwischen noch erheblich vergrößerten Ausmaß eine bebaute Fläche von 12½ Hektar. Sein jährlicher Elektrizitätsverbrauch war auf 500 Millionen Kilowattstunden berechnet; das ist rund doppelt so viel, wie die gesamte von den Berliner Elektrizitätswerken im Jahre 1914/15 nutzbar abgegebene elektrische Energie. Die Elektrizität wird in dem Bitterfelder Braunkohlenrevier erzeugt, mit einem Tagesverbrauch von 4400 Tonnen Braunkohle, und auf einer 22 km langen Doppelleitung mit einer Spannung von 80000 Volt zum Piesteritzer Werk geleitet, wo der Strom mit den größten Transformatoren, die bis dahin in der ganzen Welt gebaut worden waren, zunächst auf 6000 Volt, dann auf die Betriebsspannung umgeformt wird. Die elektrische Energie wurde den Reichswerken zum Satz von 1 Pfennig auf Grundlage der damaligen Kohlenpreise gesichert. Dieser Satz ist billiger, als er jemals zuvor in Deutschland für aus Kohle gewonnene elektrische Energie gezahlt worden ist. Der tägliche Verbrauch des Werkes an Kalk war auf 300 Tonnen, an Koks auf 180 Tonnen berechnet. Kalk und Koks werden in mächtigen Öfen in starkem elektrischen Strom zu Karbid verarbeitet. Der Kalkstickstoff wird gewonnen durch die Verbindung des Luftstickstoffs mit dem gepulverten Karbid. Die Gewinnung des Luftstickstoffs erfolgt in Piesteritz auf zwei Wegen. Einmal durch Verflüssigung von Luft und Trennung des Sauerstoffs vom Stickstoff nach dem Linde'schen Verfahren; dann in einer Ersatzanlage, in der nach dem Verfahren von Frank-Caro Generatorgas mit Luft verbrannt und das entstehende Gemisch von Kohlensäure und Stickstoff in seine beiden Bestandteile zerlegt wird. Nach dem ursprünglichen Plane lieferte die Linde-Anlage stündlich 90000 Liter flüssige Luft und 9000 Raummeter Stickstoff, die Frank-Caro-Anlage stündlich 3000 Raummeter Stickstoff. An Kühlwasser verbraucht das Werk eine Menge, die dem Wasserverbrauch einer Stadt von 1,7 Millionen Einwohnern entspricht.
Die mit raschem Entschluß in Angriff genommene und über alle Kriegserschwernisse hinaus in so kurzer Zeit durchgeführte Errichtung der Reichswerke, deren Produktion schon der Frühjahrsbestellung des Jahres 1916 zugutekam, hat unsere Ernährungswirtschaft vor einer Katastrophe bewahrt. Aber der Heeresbedarf an Stickstoff wuchs in solchen Progressionen, daß die Reichswerke alsbald auch für die Sprengstoffherstellung herangezogen werden mußten. Ich habe in der ersten Zeit des Krieges Schätzungen gehört, die den militärischen Bedarf an etwa 20%igen Stickstoffverbindungen auf 12000 bis 15000 Tonnen für den Monat bezifferten. Als ich in die Lage kam, über die Stickstoffbeschaffung zu verhandeln, war bereits von erheblich größeren Mengen die Rede. Zu Beginn des Jahres 1916 wurde mir der militärische Monatsbedarf auf etwa 40000 Tonnen beziffert, und schließlich sind wohl 100000 Tonnen im Monat erreicht und überschritten worden. Diese Entwicklung zwang mich und später meinen Nachfolger im Reichsschatzamt, den Grafen Rödern, für immer neue Erweiterungen und Neuanlagen zu sorgen, die leider zum Schaden der Landwirtschaft immer wieder von den alle Erwartungen weit übertreffenden Neuanmeldungen der militärischen Stellen überholt wurden. Soweit meine Kenntnis reicht, ist während des Krieges die deutsche Stickstoffgewinnung auf einen Umfang gebracht worden, der die gesamte Vorkriegsproduktion von Chilesalpeter (2,1 Millionen Tonnen) übersteigt und nahezu das Doppelte des normalen deutschen Jahresverbrauches an Stickstoffverbindungen ausmacht.
Im Reichstag fand ich mit meinem Ermächtigungsgesetz für die Einführung eines Stickstoff-Handelsmonopols wenig Verständnis. Die Kommission, der die Vorlage überwiesen wurde, ließ sich lange und interessante Vorträge von Sachverständigen halten, die in ihrer überwiegenden Mehrzahl gleichzeitig Interessenten und als solche dem Handelsmonopol abgeneigt waren. Sie vertiefte sich in eine unfruchtbare und in der Hauptsache unberechtigte Kritik dessen, was noch in der allerletzten Stunde getan worden war, während eine berechtigte Kritik sich gegen das hätte richten müssen, was lange genug versäumt und unterlassen worden war. Ich wies vergeblich darauf hin, daß die neue, so ungemein wichtige Industrie durch den Zusammenschluß der chemischen Fabriken und die von diesen mit der Ammoniakvereinigung unserer Montanindustrie getroffenen Vereinbarungen auf dem besten Wege zum Privatmonopol war; ferner, daß unter englischer Führung eine Vertrustung sowohl der Chilesalpeter-Gewinnung wie auch der ausländischen Luftstickstoff-Industrie drohte. Die Notwendigkeit, dem Reich in der neuen Industrie eine nach innen und außen hinreichend gesicherte Position zu schaffen, wurde nur von einer Minderheit erkannt. Die Kommission konnte sich schließlich weder zu einer Zustimmung noch zu einer glatten Ablehnung aufschwingen, und ich mußte mich entschließen, den endgültigen Austrag der Frage, der angesichts der unabsehbar gewordenen Verlängerung des Krieges an Dringlichkeit verloren hatte, einer gelegeneren Zeit zu überlassen.
Eine ähnliche Erfahrung habe ich gemacht, als ich bei Gelegenheit des Erwerbs der bisher von dem amerikanischen Tabaktrust abhängigen deutschen Zigarettenfabriken durch ein deutsches Konsortium dem Reich die Option auf diese etwa ein Viertel der deutschen Zigarettenproduktion darstellenden Fabriken zum Einstandspreis mit einem geringfügigen Zuschlag sicherte, und zwar ohne das Reich für den Erwerb dieser Option auch nur mit einem Pfennig zu belasten. Auch hier, wo es sich darum handelte, das Reich in einer für ein ertragreiches Monopol reifen Industrie zunächst einmal Fuß fassen zu lassen, fand ich kein Verständnis, mußte mich vielmehr im Hauptausschuß des Reichstags dafür angreifen lassen, daß ich es vorgezogen hatte, dem Reich die Möglichkeit des billigen Erwerbs dieser Fabriken zu sichern, statt die Fabriken ihrer Konkurrenz auszuliefern.
Heute, im Bann des Schlagworts „Sozialisierung“, denkt man anders, bis zur Übertreibung ins entgegengesetzte Extrem. Man wird wohl gerade auch der Stickstoffindustrie weit radikaler zu Leibe gehen, als das in meinen Plänen lag. Jedenfalls aber glaube ich, daß der Typ des gemischtwirtschaftlichen Betriebs, wie ich ihn bei den Reichswerken für das Zusammenwirken von Reich und privatem Unternehmertum in einem einheitlichen Betrieb geschaffen habe, den Vorzug vor manchen anderen Formen der „Sozialisierung“ verdient. Er sichert dem Reich die Kontrolle des Betriebs und den Vorteil aus Preiserhöhungen, die in den Produktionskosten nicht begründet und nur infolge der monopolartigen Stellung des Unternehmens oder auf Grund von Preiskonventionen erzielbar sind; er läßt auf der andern Seite dem privaten Unternehmer weitgehende Freiheit in der Gestaltung des Betriebs und einen starken Anreiz, durch Vervollkommnung von Technik und Organisation, die ihm allein gestattet, seinen Gewinn zu steigern, die Produktion zu verbilligen.
Ich habe die Stickstoff-Angelegenheit eingehender dargestellt einmal wegen ihrer großen Wichtigkeit für die Kriegführung und die Abwehr der Hungersnot, dann als Beispiel dafür, wie ich die Aufgabe der Reichsfinanzverwaltung auffaßte. In ähnlicher Weise bin ich auf verwandten Gebieten vorgegangen. Das Betätigungsfeld, das ich vorfand, war allerdings dadurch stark eingeengt, daß in den fünf Kriegsmonaten, die vor dem Beginn meiner Amtsführung lagen, die Zivilbehörden, und mehr als alle andern das Reichsschatzamt, die Initiative auf den die Kriegführung berührenden wirtschaftlichen Gebieten der sehr tatkräftigen Kriegsrohstoffabteilung des Kriegsministeriums überlassen hatten, die dann, ohne sich viel um die Zivilressorts zu kümmern, ihren Weg ging. Da außerdem das Kriegsministerium, unbehindert durch irgendwelchen Widerspruch, das Recht für sich in Anspruch genommen hatte, über die vom Reichstag für die Zwecke des Krieges bewilligten Kredite frei zu verfügen, ohne für die einzelnen Ausgaben die Zustimmung der Reichsfinanzverwaltung einzuholen, so fehlte es dem Reichsschatzamt sogar an einer vollständigen Übersicht über das, was im Kriegsministerium auf diesem für die deutsche Volkswirtschaft und die Reichsfinanzen so wichtigen Gebiete unternommen wurde. Der Krieg, der rasches Handeln fordert, duldet keine Verzögerung dringender Entschlüsse durch das Aufwerfen und Durchkämpfen von Kompetenzkonflikten. Ich suchte deshalb die notwendige Fühlung und Zusammenarbeit auf gütlichem Wege und durch die Bereitwilligkeit zu positiver und aktiver Mitarbeit herzustellen, wie sie meine Behörde in der Stickstoff-Angelegenheit geleistet hatte. Ich fand hierfür sowohl bei den Leitern des Kriegsministeriums wie auch bei der Kriegsrohstoffabteilung Verständnis. Von den später im Einvernehmen und Zusammenarbeiten mit der Heeresverwaltung in Angriff genommenen Aufgaben erwähne ich die Schaffung einer großen deutschen Aluminiumindustrie auf Grund der während des Krieges entwickelten neuen Verfahren, die eine wirtschaftliche Herstellung von Aluminium auch aus deutscher Tonerde gestatten, während bis dahin nur das aus dem Ausland, hauptsächlich aus Frankreich, bezogene Bauxit als verwendbar galt. Ich habe den Abschluß der schwierigen Verhandlungen infolge meines Übertritts zum Reichsamt des Innern allerdings meinem Nachfolger im Reichsschatzamt überlassen müssen.
Erwähnen möchte ich ferner die Mitwirkung des Reichsschatzamts bei der Schaffung der Handels-U-Boote, von denen die „Deutschland“ vor dem Ausbruch des Krieges mit den Vereinigten Staaten zwei erfolgreiche Fahrten nach Amerika gemacht hat, während ihr Schwesterschiff, die „Bremen“, auf der ersten Reise verschollen ist.
Die enorme Knappheit und Teuerung von Kautschuk, Nickel und einigen anderen Stoffen, von denen für Kriegszwecke an sich nicht sehr erhebliche Mengen, diese aber unbedingt erforderlich waren, veranlaßten mich, bei der Marine Erkundigungen darüber einzuziehen, ob nicht U-Boote für die Heranführung dieser Stoffe verwendet werden könnten. Ich dachte zunächst an eine Übernahme der Materialien von neutralen Schiffen auf hoher See. Dieser Weg erwies sich technisch und auch in Rücksicht auf die mit allen Mitteln arbeitende englische Überwachung als nicht gangbar. Der vergrößerte Aktionsradius unserer U-Boote, der sich in Fahrten durch die Straße von Gibraltar nach Konstantinopel so glänzend bewährt hatte, ließ mich die Frage aufwerfen, ob nicht ein Anlaufen amerikanischer Häfen, in denen Kautschuk und Nickel bereitgestellt werden konnten, durch U-Boote, die ad hoc zu desarmieren gewesen wären, sich ermöglichen lassen würde. Auch dieser Gedanke stieß auf Schwierigkeiten; einmal war nicht mit Sicherheit vorauszusehen, ob die Vereinigten Staaten ursprünglich als Kriegsfahrzeuge gebaute U-Boote als Handelsschiffe anerkennen und behandeln würden; vor allem aber erklärte Herr von Tirpitz, von den großen und leistungsfähigen U-Booten keines entbehren zu können. Es blieb also nur übrig, U-Boote von vornherein als Handelsschiffe zu bauen.