Die Sorge für die Kohle hatte zunächst das Kriegsamt an sich genommen. Der „Kohlenausgleich“ des Kriegsamts, der zu einer großen Organisation ausgebaut worden war, stand im Februar 1916 vor der Unmöglichkeit, seine Aufgabe zu bewältigen. General Gröner wandte sich an den preußischen Handelsminister und an mich, um mit uns über die zu ergreifenden Maßnahmen zu beraten. Es wurde ein Reichskommissar für Kohle eingesetzt und mit selbständigen und weitgehenden Befugnissen ausgestattet, vor allem mit der Befugnis der Beschlagnahme der Kohle und der Zuteilung an bestimmte Empfänger. Zur Aufrechterhaltung der unbedingt notwendigen engen Fühlung mit den militärischen Stellen wurde der Kohlenkommissar dem Kriegsamt „angegliedert“, blieb jedoch der Aufsicht des Reichskanzlers unterstellt.
Es stellte sich bald heraus, daß die Aufgabe des Kohlenkommissars, für eine ausreichende Deckung des Kohlenbedarfs, vor allem des dringlichen Kohlenbedarfs, zu sorgen, bei den damals obwaltenden Verhältnissen unlösbar war. Zwar war die Kohlenförderung nach dem Rückschlag zu Beginn des Krieges bald wieder in die Höhe gebracht worden. Die Steinkohlenförderung stand nicht mehr weit hinter der Friedensproduktion zurück, und die Braunkohlenförderung hatte die Friedensproduktion sogar überschritten. Aber abgesehen von der schlechteren Qualität der mangelhaft aufbereiteten Kohle waren die Eisenbahnen bis in das Frühjahr 1917 hinein nicht in der Lage, die geförderten Mengen abzutransportieren; Hunderttausende von Tonnen mußten auf die Halde gestürzt werden. Und auch später, als die Wagengestellung wieder ausreichte, um die gesamte Förderung zu bewältigen, zeigte sich, daß allein die Dringlichkeitsliste der militärischen Stellen infolge der enormen Ansprüche des Waffen- und Munitionsprogrammes größere Kohlenmengen umfaßten, als bei damaligem Stand der Belegschaften überhaupt gefördert werden konnten. Die Erhebungen des Kohlenkommissars, der für das Jahr 1917 eine Bilanz aufzustellen versuchte, ergaben bei einer Steinkohlenförderung von rund 160 Millionen Tonnen und einem Bedarf von 183 Millionen Tonnen einen Fehlbetrag von nicht weniger als 23 Millionen Tonnen. Eine Nachprüfung der Ersparnismöglichkeiten ergab, daß die Verwendungszwecke außerhalb der Kriegsindustrie (hauptsächlich für Eisenbahnen, Hausbrand, Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke, Ausfuhr auf Grund abgeschlossener Kompensationsverträge) entweder keine oder nur eine im Verhältnis zu dem Fehlbetrag geringfügige Einschränkung vertrugen. Insbesondere habe ich mich dafür eingesetzt, daß der Hausbrand, der mit 14 Millionen Tonnen ohnedies schon sehr niedrig veranschlagt war, unter allen Umständen sichergestellt werden müsse. Wir standen also vor der Alternative: entweder weitere Einschränkung des Rüstungsprogramms oder Steigerung der Kohlenproduktion, die nur durch die Freigabe einer großen Anzahl von Bergarbeitern aus der Front erzielt werden konnte. Es handelte sich also im wesentlichen darum, den Bedarf an Waffen und Munition und den Bedarf an Mannschaften gegeneinander abzuwägen. Das war Sache der Obersten Heeresleitung, die allein darüber entscheiden konnte, an welchem Punkt diese beiden Interessen ihren Ausgleich finden sollten. Ich mußte mich darauf beschränken, den militärischen Stellen die engen Grenzen der zivilen Ersparnismöglichkeit und die damit unausweichliche Alternative: entweder ausgiebige Freigabe von Mannschaften für den Kohlenbergbau oder weitere empfindliche Einschränkung des Hindenburg-Programms, mit aller Eindringlichkeit klarzumachen. Das ist von mir namentlich auch in einer eingehenden Besprechung mit dem General Ludendorff im Juni 1917 geschehen.
Die Heeresverwaltung hat sich schließlich zu weitgehender Freigabe von Mannschaften auf der einen Seite, zu einer neuen Einschränkung des Hindenburg-Programms auf der andern Seite entschlossen. Der ungeheure Druck der Tatsache, daß jede Tonne Steinkohle, die ohne zwingende Notwendigkeit verbraucht wurde, eine Minderung der Versorgung des kämpfenden Heeres mit Kampfmitteln darstellte, nötigte gleichzeitig zu der äußersten Einschränkung des Kohlenverbrauches auf allen übrigen Gebieten.
Auch unsere finanzielle Kraft wurde durch die Überspannung des Waffen- und Munitionsprogramms über Gebühr in Anspruch genommen. Die monatlichen Kriegsausgaben, die noch im August 1916 sich unter dem Betrag von 2 Milliarden Mark hielten, überschritten im Oktober 1916 bereits den Betrag von 3 Milliarden Mark. Ein Jahr später wuchsen sie über die vierte Milliarde hinaus, und im Oktober 1918 haben sie den Betrag von 4 Milliarden 800 Millionen Mark erreicht. Es ist also auch nach der Einschränkung des Hindenburg-Programms nicht mehr gelungen, den immer stärker anschwellenden Strom der Kriegsausgaben wieder einzudämmen.
Der Reichsfinanzminister Dr. Schiffer hat im Februar 1919 in der Nationalversammlung das Hindenburg-Programm ein „Programm der Verzweiflung“ genannt. Diese Bezeichnung ist nicht zutreffend. Den Herren, in deren Kopf das Programm entstand, das sie mit dem Namen Hindenburgs ausstatteten, war die Verzweiflung fremd. Ihr Programm war ein Programm der Selbstüberschätzung und der Überschätzung der deutschen Volks- und Wirtschaftskraft. Bei ruhiger Überlegung des Notwendigen und sachlicher Prüfung des Möglichen hätte es sich vermeiden lassen, Mengen von wertvollem Material und noch wertvollerer Arbeitskraft in industrielle Ruinen zu stecken, die aus Mangel an Menschen und Kohlen teils nie vollendet, teils nie in vollem Umfang in Betrieb genommen worden sind. Man hätte mit weniger Arbeitskräften und Material erheblich mehr für die Ausrüstung des Heeres geleistet und unserer Wirtschaft Störungen und Erschütterungen erspart, die letzten Endes an die Wurzeln der Widerstandskraft unseres Volkes gingen.
Fußnote:
[3] Für 1917 und 1918 stehen mir die Ziffern nicht zur Verfügung.