Die Aussicht auf einen sich lange hinschleppenden Ermattungskrieg war für uns nichts weniger als günstig. Je länger der Krieg dauerte, desto geringer mußte unser Vorteil der besseren und bereiteren Kriegsorganisation werden, desto stärker und wirksamer konnten unsere Feinde ihr über die Erde zerstreutes und mangelhaft organisiertes Übergewicht an Menschen und Machtmitteln gegen uns ins Spiel werfen, desto schwerer mußte schließlich für uns der Nachteil der wirtschaftlichen Einschnürung ins Gewicht fallen. Wenn also die militärischen Entscheidungen in ungewisse Ferne rückten, wenn wir auf dem Felde des Wirtschaftskriegs durch unsere geographische Lage und die Seeherrschaft des Feindes in die Verteidigung gebannt waren, wenn wir schließlich das einzige Mittel, mit dem wir denkbarerweise der feindlichen Übermacht den Lebensatem abschnüren konnten, aus Zweifeln an seiner durchschlagenden Wirksamkeit und aus Befürchtungen wegen seiner Rückwirkungen auf die Neutralen nicht in Anwendung zu bringen vermochten, so ergab sich daraus die stärkste Nötigung für die Leiter unserer Politik, nach Friedensmöglichkeiten zu suchen.
Der Reichskanzler von Bethmann Hollweg und, ich glaube sagen zu können, auch der Kaiser haben frühzeitig diese Lage erfaßt. Seit ich durch meine amtliche Stellung mit Herrn von Bethmann in nähere Fühlung gekommen war, konnte ich beobachten, wie die eine Frage: Wo ist ein Weg zum Frieden? ihn unausgesetzt und auf das Innerlichste beschäftigte. Seine große Sorge war, es könnte dahin kommen, daß wir erst im Zustand der Erschöpfung unserer Kraft und unserer Hilfsmittel zu Friedensverhandlungen gelangten und dann gezwungen sein würden, die Bedingungen unserer Gegner anzunehmen. Von dieser Sorge hat mir der Kanzler zum ersten Male bereits im April 1915 eingehend gesprochen, und er ist im weiteren Verlaufe des Krieges bei jeder vertrauensvollen Aussprache darauf zurückgekommen. Weder unsere militärischen Erfolge, die er hinsichtlich ihrer kriegsentscheidenden Wirkung immer skeptisch beurteilte, noch die überraschenden Beweise unserer wirtschaftlichen und finanziellen Leistungsfähigkeit vermochten den Druck von ihm zu nehmen. Er war deshalb der Ansicht, daß wir es nicht verantworten könnten, eine Friedensmöglichkeit an übertriebenen Kriegszielen scheitern zu lassen. Das Kriegsziel war für ihn die Erhaltung unseres territorialen und wirtschaftlichen Besitzstandes. Wenn es die Gesamtlage beim Eintritt in Friedensverhandlungen gestattete, darüber hinaus Sicherungen für die Zukunft und eine Stärkung unserer wirtschaftlichen Position zu erreichen, so würde Herr von Bethmann diesen Vorteil wahrgenommen haben. Ich bin aber überzeugt, daß er an keiner einzigen Forderung, die über die Erhaltung unseres vorkriegerischen Besitzstandes hinausging, den Frieden hätte scheitern lassen.
Von dieser Grundauffassung ausgehend hat Herr von Bethmann unablässig ausgespäht, wo sich ein Anknüpfungspunkt biete und wo bei unsern Feinden eine Geneigtheit, vom Frieden zu sprechen, sich zeige. Die Reden und sonstigen Kundgebungen der feindlichen Staatsmänner sah er in allererster Linie daraufhin an, was aus den Worten und zwischen den Worten an Bereitschaft zu einer Verständigung herauszulesen sei. Seine eigenen Kundgebungen waren darauf eingestellt, den Gegnern unsere Bereitschaft zu Verhandlungen zu erkennen zu geben. Den Eroberungs- und Vernichtungszielen der Gegner pflegte er unser Verteidigungs- und Sicherungsziel entgegenzusetzen. „Noch wird der Vernichtungskrieg gegen uns betrieben,“ sagte er am 9. Dezember 1915 in Beantwortung einer sozialdemokratischen Friedensinterpellation unter Hinweis auf kurz vorher gehaltene Kriegsreden der Herren Asquith, Briand und Ssasonoff. „Damit müssen wir rechnen. Mit Theorien, mit Friedensäußerungen von unserer Seite kommen wir nicht vorwärts und nicht zu Ende. Kommen uns unsere Feinde mit Friedensangeboten, die der Würde und Sicherheit Deutschlands entsprechen, so sind wir allezeit bereit, sie zu diskutieren... Für die deutsche Regierung ist dieser Kampf geblieben, was er von Anfang an war und was in allen unsern Kundgebungen unverändert festgehalten wurde: der Verteidigungskrieg des deutschen Volkes.“
Jeder feindliche Staatsmann, der diese und ähnliche Kundgebungen des Reichskanzlers mit dem gleichen heißen Bemühen, einen Weg zum Frieden zu finden, gelesen hätte, wie die Reden der feindlichen Staatsmänner in Berlin unter die Lupe genommen wurden, hätte daraus folgern müssen — und dieser Schluß ist von den feindlichen Staatsmännern sicher auch gezogen worden —: Deutschland ist bereit zu einem Frieden, der seiner Würde und seiner Sicherheit Genüge tut. Das Hindernis für Friedensverhandlungen, ja für eine deutsche Initiative zu Friedensverhandlungen, lag ausschließlich in den Erklärungen der Staatsmänner der Entente, die als Kriegsziel aufstellten: die Vernichtung des sogenannten „preußischen Militarismus“, die Zertrümmerung der deutschen Wirtschaftsmacht, die Abtrennung Elsaß-Lothringens oder gar des ganzen linken Rheinufers und unserer Ostmarken, dazu ähnliche Eroberungs- und Annexionswünsche gegenüber unsern Verbündeten.
Wenn also keine Friedensbesprechung zustandekam, so lag das nicht — die weitere Entwicklung hat das klar erwiesen — an der Schwerhörigkeit der Entente-Staatsmänner, sondern lediglich daran, daß die Entente-Staatsmänner auf ihren mit der Sicherheit, dem Bestand und der Würde Deutschlands nicht zu vereinbarenden Kriegszielen beharrten. Die führenden Staatsmänner der Entente waren und blieben fest entschlossen, den Krieg bis zur Niederwerfung Deutschlands, bis zu dem „knock out blow“ Lloyd Georges durchzuführen, und sie hatten — von vorübergehenden Schwankungen abgesehen — von Anfang bis zum Ende das feste Zutrauen, daß es ihnen gelingen werde, ihre Vernichtungs- und Eroberungsziele zu erreichen. Daran, nicht an mangelnder Friedensbereitschaft der deutschen Regierung oder des deutschen Volkes, nicht an mangelnder Deutlichkeit in der Umschreibung unserer Kriegsziele und nicht an dem Unterlassen von Anknüpfungsversuchen durch unsere Diplomatie, ist das Zustandekommen von Verhandlungen über einen „Verständigungsfrieden“ gescheitert. Daran gescheitert sind auch alle die Sondierungen und Anknüpfungen, die außerhalb der offiziellen Regierungskundgebungen versucht worden sind, durch Staatsoberhäupter und Diplomaten, durch Kaufleute und Industrielle, durch die sozialistischen Parteien der kriegführenden und neutralen Länder.
Der Reichskanzler hatte in der Friedensfrage einen schweren Stand. Daß die Forderungen der Militärs bei Friedensschlüssen meist weiter gehen, als die politischen Staatsleiter durchsetzen und verantworten können, ist eine alte Erfahrung, die sich auch jetzt wieder erneuerte. Zu den „Grenzregulierungen“, die unsere Armeeführer für notwendig erklärten, kamen die Forderungen der Marine auf Sicherung der flandrischen Küste. Aber der Kampf um die Kriegsziele blieb nicht auf die Beratungszimmer der Verantwortlichen beschränkt, er ergriff und zerriß mehr und mehr das ganze Volk.
Die glänzenden Waffentaten unserer Armeen und ihrer Führer, die Eroberung und Besetzung weiter Teile feindlichen Landes in West und Ost bestärkten Volk und Heer in ihrem zuversichtlichen Glauben an einen siegreichen Ausgang des Krieges. Daß trotz aller der großen Erfolge auf den europäischen Kriegsschauplätzen der Krieg für uns nicht nur seinem Ursprung nach ein Verteidigungskrieg war, sondern auch in seiner ganzen militärischen, maritimen und wirtschaftlichen Entwicklung ein harter, in jedem Augenblick schwer umstrittener und in seinem Ausgang unsicherer Verteidigungskrieg geblieben war, darüber täuschten sich weite Volkskreise hinweg. Die Riesenleistungen von Heer und Volk verlangten, so dachten und sprachen viele, einen entsprechend großen Siegespreis und gestatteten gleichzeitig, einen solchen Siegespreis heimzubringen, wenn nur nicht nach dem alten Blücherwort die Feder verderbe, was das Schwert gewonnen habe. In der Haltung des Kanzlers, der sich weigerte, sich auf die großen Kriegsziele festzulegen, der wieder und wieder zu erkennen gab, daß er für einen Frieden, der sich auf den Zweck des Verteidigungskriegs beschränke, zu haben sei, sahen diese Kreise Kleinmütigkeit, Mangel an Siegeswillen und eine für den Ausgang des Kriegs gefährliche Herabstimmung der Zuversicht des deutschen Volkes. Die schweren Angriffe, denen Herr von Bethmann Hollweg in dieser Richtung ausgesetzt war, sind in aller Erinnerung. Von der andern Seite her wurde mit der Dauer des Kriegs ein immer stärkerer Druck auf den Kanzler ausgeübt, klar und deutlich vor aller Welt festzustellen, daß Deutschland sich mit einem Frieden ohne jede Gebietserwerbungen und Entschädigungen begnüge. Man warf ihm vor, daß er durch die Verweigerung einer solchen ganz ausdrücklichen und bindenden Erklärung zur Verlängerung des Krieges beitrage und die Stimmung des Volkes, das zur Verteidigung, nicht aber zu Eroberungen ins Feld gezogen sei, unterwühlen helfe.
Herr von Bethmann selbst hat noch im Mai 1917 seine Stellung zu diesem Ansturm aus zwei entgegengesetzten Richtungen folgendermaßen umschrieben (Reichstagssitzung vom 15. Mai 1917):