Der Bericht über die Rede lag in Berlin am 25. Oktober vor. Der Kanzler war durch die Rede stark beeindruckt. Er fand sie sehr geschickt auf die Mentalität der Neutralen, insbesondere der Amerikaner, zugeschnitten, aber auch auf die Stimmung der kriegführenden Völker, die sich aus dem Zerstören und Morden nach einem besseren Zustand des Zusammenlebens der Völker sehnten. Der Krieg habe die Idee eines Völkerbundes und der Schiedsgerichte ohne Zweifel mächtig gestärkt. Auch nach seiner Ansicht gehöre dieser Idee die Zukunft. Er habe das Gefühl, daß in dieser Sache die deutsche Politik nicht beiseite stehen dürfe. Er müsse jedenfalls in diesem Sinn auf die Rede Greys antworten.

Mir schien die Frage der Verhinderung künftiger Kriege so lange im zweiten Rang zu stehen, als die Frage der Beendigung des jetzigen Krieges noch nicht gelöst sei. Die beste Antwort auf Grey schien mir eine solche zu sein, die Grey auf diese praktische Frage stellte. Zwei Tage zuvor war Constantza von unsern Truppen genommen worden; am Vormittag hatte ein Telegramm die Einnahme von Cernavoda gemeldet. Der rumänische Feldzug näherte sich seinem Ende. Unsere Feinde waren im Begriff, abermals eine Hoffnung zu verlieren. Der Winter, und damit der dritte Winterfeldzug, stand vor der Tür. Wenn irgendein Zeitpunkt seit Beginn des Krieges die Regierungen und die Völker zum Nachdenken stimmen mußte, ob es sich lohne, den Krieg fortzusetzen, so war es der jetzige. Ich empfahl, zu überlegen, ob die Gesamtlage uns nicht das Recht und die Pflicht gebe, ein offenes Friedenswort zu sprechen, auf das unsere Feinde antworten müßten; etwa die Aufforderung an die Kriegführenden, zu einer Besprechung über die Möglichkeit eines Friedens zusammenzutreten, der Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit aller wahre.

Der Kanzler erwärmte sich für den Gedanken und entschloß sich, sofort zum Kaiser zu fahren, der damals in Potsdam weilte. Im Begriff ins Auto zu steigen, erhielt er die Nachricht von dem erfolgreichen Vorstoß der Franzosen vor Verdun auf das Fort Douaumont. Das war ein Dämpfer auf die rumänische Freude, aber mit solchen Zwischenfällen muß man im Kriege immer rechnen.

Der Kaiser war sofort einverstanden. Der Kanzler reiste noch am gleichen Abend nach dem Großen Hauptquartier, um sich mit dem Generalfeldmarschall von Hindenburg zu besprechen. Der Feldmarschall wollte sich nicht gegen die Anregung stellen und erklärte, er könne jedenfalls keine Aussicht eröffnen, daß nach Beendigung des rumänischen Feldzugs, die in einigen Wochen zu erwarten sei, im Winter oder im nächsten Frühjahr ein entscheidender, den Frieden militärisch erzwingender Schlag geführt werden könne.

Nun wurde der Gesandte von Stumm nach Wien geschickt, um das Einverständnis unseres österreichisch-ungarischen Bundesgenossen zu sichern. An der grundsätzlichen Zustimmung war um so weniger zu zweifeln, als Baron Burian, wie mir der Kanzler sagte, selbst schon bei früheren Gelegenheiten ein ähnliches Vorgehen angeregt hatte.

Nachdem auf dieser Grundlage der Kanzler dem Kaiser nochmals vorgetragen hatte, schrieb der Kaiser an den Kanzler nachstehenden eigenhändigen Brief:

„Neues Palais, 31. 10. 16.

Mein lieber Bethmann!