Unser Gespräch habe ich noch nachher gründlich überdacht. Es ist klar, die in Kriegspsychose befangenen, von Lug und Trug im Wahne des Kampfes und im Haß gehaltenen Völker unserer Feinde haben keine Männer, die imstande wären, die den moralischen Mut besäßen, das befreiende Wort zu sprechen. Den Vorschlag zum Frieden zu machen, ist eine sittliche Tat, die notwendig ist, um die Welt — auch die Neutralen — von dem auf allen lastenden Druck zu befreien. Zu einer solchen Tat gehört ein Herrscher, der ein Gewissen hat und sich Gott verantwortlich fühlt, und ein Herz für seine und die feindlichen Menschen, der unbekümmert um die eventuellen absichtlichen Mißdeutungen seines Schrittes den Willen hat, die Welt von ihren Leiden zu befreien. Ich habe den Mut dazu, ich will es auf Gott wagen. Legen Sie mir bald die Noten vor und machen Sie alles bereit.
Wilhelm I. R.“
Die folgenden Wochen waren ausgefüllt mit Verhandlungen mit unseren Verbündeten über die Grundlinien der bei einer Friedensbesprechung zu erstrebenden Ziele, über die Art des gemeinschaftlichen Vorgehens, über den Text der über unsere Friedensbereitschaft zu erlassenden Kundmachung oder der an die Alliierten zu übergebenden Note.
In der Zwischenzeit antwortete der Reichskanzler im Hauptausschuß des Reichstags am 9. November 1916 auf die Rede Greys. Er widerlegte Greys Darstellung der Schuldfrage und stellte sich mit viel bemerktem Nachdruck auf den Boden des Völkerbundes und der Schiedsgerichte. Von dem geplanten Vorschlag zu Friedensverhandlungen sprach er noch nicht. Mit unseren Verbündeten hatte man sich dahin geeinigt, daß der Friedensschritt unternommen werden sollte, sobald durch den in kurzem zu erwartenden Fall von Bukarest die Abwendung der rumänischen Gefahr für jedermann offenkundig geworden sei.
Daß irgendwelche Rücksichten auf den Präsidenten Wilson ein Hindernis für einen unmittelbaren Friedensschritt sein könnten, ist mir gegenüber in den vielfachen Besprechungen, die in dieser Angelegenheit stattfanden, von keinem der Herren, die an der Sondierung Wilsons beteiligt waren, jemals erwähnt worden. Bisher war auf die schon Anfang Mai von Herrn von Bethmann gegenüber Herrn Gerard gemachte Andeutung keinerlei Antwort erfolgt. Das Anfang September an den Grafen Bernstorff gerichtete Telegramm hatte diesen auch nicht etwa beauftragt, bei Herrn Wilson oder der amerikanischen Regierung irgendeinen Schritt zu unternehmen, der die deutsche Regierung in ihrer eigenen Bewegungsfreiheit hätte binden können, sondern ihn nur um eine persönliche Meinungsäußerung über Wilsons Geneigtheit zu einem Friedensschritt ersucht. Die Möglichkeit, daß Wilson nach seiner am 6. November 1916 erfolgten Neuwahl zum Präsidenten irgend etwas zugunsten des Friedens tun werde, konnte uns, solange mit uns keine Vereinbarungen darüber getroffen oder uns nicht wenigstens die bestimmte Absicht eines Vorgehens mitgeteilt war, nicht das Recht der eigenen Initiative beschränken noch uns der Verpflichtung überheben, nach anderen Wegen, die zum Frieden führen konnten, Ausschau zu halten und einen uns geeignet erscheinenden Zeitpunkt unsererseits für eine Friedensaktion zu benutzen.
In der Tat geht aus der oben wiedergegebenen Stelle des Gerardschen Buches hervor, daß Herr Wilson am 4. Dezember, also vier Wochen nach seiner Wiederwahl, jedenfalls noch keinen bestimmten Schritt zugunsten des Friedens ins Auge gefaßt hatte und sich seinerseits uns gegenüber in der Friedensfrage in keiner Weise gebunden fühlte.
Ich erwähne dies ausdrücklich, weil späterhin bei uns in Deutschland behauptet worden ist, die deutsche Politik habe dem Präsidenten Wilson gegenüber ein doppeltes Spiel gespielt, indem sie ihn zuerst um eine Friedensvermittlung ersucht habe, und dann, nachdem Herr Wilson sich hierzu bereitgefunden, mit einer eigenen Aktion vorgegangen sei.
Persönlich erschien es mir für die deutsche Regierung durchaus erwünscht, die Initiative zum Frieden in der eigenen Hand zu behalten; denn ich konnte das Unbehagen gegenüber dem Gedanken einer Führung Wilsons in den Friedensangelegenheiten nicht überwinden. Außerdem konnte ich mir, so wenig es mir lag, im Strom der öffentlichen Meinung zu schwimmen, nicht verhehlen, daß die Stimmung in Heer und Volk gegen Amerika ein immer ernstlicheres Hindernis für eine amerikanische Friedensaktion geworden war. Es kam schließlich doch auch darauf an, daß der erste Schritt zum Frieden vom eigenen Volk möglichst einmütig unterstützt und nicht von vornherein aus Gefühlen heraus, deren Berechtigung nicht abzustreiten war, einer starken Anfeindung ausgesetzt wurde. Die Tatsache, daß Amerikas Verhalten gegenüber dem deutschen Volke in dem Kampf um sein Dasein nur eine formelle Neutralität, in der Sache aber eine starke Begünstigung unserer Gegner war, lag klar vor jedermanns Augen. Wilson war uns bei der Ausnutzung unserer U-Bootwaffe gegen England in den Weg getreten. Das war sein formelles Recht; aber die Ausübung dieses Rechtes uns gegenüber involvierte zum mindesten die moralische Verpflichtung, auch England gegenüber mit gleich scharfen Mitteln auf der strengen Beobachtung des Völkerrechtes zu bestehen. Seit länger als sechs Monaten hatten wir in der U-Bootfrage nachgegeben; aber die amerikanische Regierung hatte noch keinerlei Anstalten gemacht, nun auch England auf den Boden des Völkerrechtes zurückzuführen. Die Erbitterung bei uns wurde gesteigert durch immerzu wachsende Mengen von Kriegsgerät und Munition, die Amerika der Entente lieferte. Die Gerechtigkeit, die Herr Wilson noch im Februar 1914 dem Mexikaner Carranza hatte zuteil werden lassen, indem er angesichts der materiellen Unmöglichkeit der Waffenlieferung an den von der Küste abgeschnittenen Carranza auch die Waffenlieferung an dessen Gegner Huerta verbot, enthielt er Deutschland und seinen Verbündeten vor. Die völkerrechtliche Sophistik, mit der die Regierung der Vereinigten Staaten diese „Papierneutralität“ begründete, wollte unserem Volke nicht in den Kopf. Zumal der Feldgraue, den amerikanische Geschosse überschütteten, sah nur die gewaltige Unterstützung, die Amerika einseitig unseren Feinden gewährte.
Am 6. Dezember 1916 fiel Bukarest. Damit war der Zeitpunkt für die Friedensaktion gekommen.