Zunächst drängte er darauf, daß der „verschärfte U-Bootkrieg“, d. i. der uneingeschränkte U-Bootkrieg gegen die bewaffneten feindlichen Handelsschiffe wieder aufgenommen werde. Er wußte für diesen Gedanken auch die Oberste Heeresleitung zu gewinnen, die mit ihrer Forderung dringend wurde, nachdem die leitenden Staatsmänner der Entente sich in ihren unmittelbar auf unsern Friedensvorschlag folgenden Reden scharf ablehnend ausgesprochen hatten. Eine amtliche Antwort der Ententemächte auf unsern Vorschlag lag noch nicht vor; der Friedensschritt des Präsidenten Wilson war gerade erst erfolgt. Die elementarste politische Klugheit gebot, einstweilen noch stillzuhalten, auch wenn man sich nach den Reden der feindlichen Staatsmänner damit abfinden mußte, daß es nicht zu Friedensverhandlungen kommen werde.
Am Abend des 28. Dezember 1916 reiste der Kanzler mit dem Staatssekretär Zimmermann und mir nach dem Großen Hauptquartier. Wir besprachen auf der Fahrt die U-Bootfrage. Die Oberste Heeresleitung hatte die sofortige Absendung einer Note an die Vereinigten Staaten über die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs gegen die bewaffneten Handelsschiffe ohne jede Rücksicht auf irgendwelche Friedensaktionen verlangt. Nun stellte sich auch Zimmermann auf den Standpunkt, daß ein solcher Schritt nicht länger verschoben werden dürfe; er schlug vor, höchstens bis zum 2. Januar 1917 zu warten. Ich setzte mich auf das entschiedenste zur Wehr. Die Wirkung des vorgeschlagenen Schrittes auf Amerika mußte nach allem, was vorangegangen war, dieselbe sein, wie diejenige einer Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges überhaupt. Wir zerschlugen mit eigenen Händen den letzten Rest einer Aussicht unserer eigenen und der Wilsonschen Friedensaktion; wir setzten uns darüber hinaus dem Verdacht aus, daß es uns mit unserm Friedensvorschlage gar nicht ernst gewesen sei und daß wir einen Erfolg des Wilsonschen Schrittes verhindern wollten, wenn wir jetzt, ohne eine Antwort abzuwarten und die Friedensaktion sich auswirken zu lassen, eine Maßnahme ergriffen, von der wir uns sagen mußten, daß sie jede Friedensmöglichkeit vernichten und gerade unter diesen Begleitumständen mit Sicherheit nicht nur den Bruch, sondern den Krieg mit Amerika herbeiführen mußte. Der Kanzler stimmte mir bei, und auch Zimmermann schien überzeugt.
In Pleß fanden wir bei dem Feldmarschall und dem General Ludendorff — der Kaiser war nicht anwesend — einen Empfang, der mit dem Worte „eiskalt“ noch milde bezeichnet ist. Die Differenzen der letzten Zeit — was mich betrifft vor allem über die Behandlung des Hilfsdienstgesetzes — hatten offenbar eine starke Verstimmung hinterlassen. In der Sache erkannten die beiden Generale unsern Standpunkt in der Frage der bewaffneten Handelsschiffe nach kurzer Erörterung als berechtigt an. Ich hatte den Eindruck, daß sie auf dieses Zwischenstadium keinen allzu großen Wert legten, daß es ihnen vielmehr auf die baldige Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges ankomme. In dieser Frage erklärte der Kanzler, seine Haltung von der endgültigen Stellungnahme der Entente zu dem Friedensschritt der Mittelmächte und Wilsons sowie von der weiteren Entwicklung der Gesamtlage abhängig machen zu müssen. Er könne sich jetzt noch nicht festlegen. Die Sache werde im gegebenen Moment zu prüfen sein, und wenn dann eine Übereinstimmung zwischen der Obersten Heeresleitung und ihm nicht zu erzielen sei, werde der Kaiser zu entscheiden haben. Materiell wurde diese Frage nicht eingehend behandelt. Ich begnügte mich auszuführen, daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg sicherlich England erheblich schädigen werde, daß aber niemand mit Sicherheit behaupten könne, daß England innerhalb einer bestimmten Zeit zum Frieden gezwungen werde; trotz der schlechten Welternte bleibe das Risiko für uns enorm.
Wenige Tage nach unsrer Rückkehr nach Berlin traf die Antwort der Entente auf unsern Friedensvorschlag ein. Der Kanzler hatte das berechtigte Gefühl, daß diese Antwort trotz aller ihrer Schroffheit eine vorsichtige Behandlung erfordere. Wenn schon unsere Bemühungen um den Frieden scheiterten, so mußte wenigstens vor aller Welt klargestellt werden, daß die Verantwortung für die Fortsetzung des Krieges ausschließlich auf die Entente falle. Ich habe Grund zur Annahme, daß der neue österreichisch-ungarische Minister Graf Czernin, der kurz zuvor Herrn von Burian ersetzt hatte und der am 8. Januar gleichzeitig mit dem Staatssekretär Zimmermann im Großen Hauptquartier weilte, derselben Ansicht war. Zu einer vorsichtigen Behandlung mahnte, abgesehen von allen andern gewichtigen Gründen, auch die Haltung Bulgariens, das sich wegen einer Differenz mit unserer Obersten Heeresleitung über die Dobrudscha verstimmt zeigte und dessen Ministerpräsident sich beeilt hatte, auf die Antwort der Entente in der Sobranje zu erklären, Bulgariens Ansprüche seien bescheiden und würden von der Entente — die Bulgarien in ihrer Antwort nicht erwähnt hatte — als legitim anerkannt.
In dieser schwierigen und aufs äußerste gespannten Lage fand am Abend des 6. Januar 1917 im Hotel Adlon das später vielbesprochene Festmahl der amerikanischen Handelskammer zu Berlin zu Ehren des aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrten Botschafters Gerard statt. Das Festmahl war seit längerer Zeit angesagt, und der Staatssekretär Zimmermann hatte es übernommen, bei dieser Gelegenheit eine Ansprache zu halten. Da jedoch Graf Czernin mit Zimmermann am Morgen des 6. Januar aus dem Großen Hauptquartier nach Berlin gekommen war und Zimmermann denselben Abend mit dem Grafen Czernin bei dem österreichisch-ungarischen Botschafter zubringen mußte, ersuchte mich der Reichskanzler, an Stelle Zimmermanns bei der Begrüßungsfeier der amerikanischen Handelskammer zu sprechen. Ich entledigte mich dieser Aufgabe in einer mit dem Reichskanzler und Zimmermann vereinbarten Ansprache, in der ich nach einigen höflichen Wendungen für die Bemühungen des Botschafters, mit dem Studium der deutschen Sprache auch in den Geist des deutschen Wesens einzudringen, die meist seit langen Jahren in Deutschland ansässigen Mitglieder der amerikanischen Handelskammer als Zeugen dafür anrief, „daß unser einziger Ehrgeiz war, im friedlichen Wettbewerb der Völker durch Arbeit und Tüchtigkeit uns emporzuringen, durch Hebung unseres geistigen, sittlichen und wirtschaftlichen Standes uns unsern Platz in der Welt zu gewinnen und zu behaupten“. Nach einigen Worten über den „Militarismus“ Deutschlands und seiner Feinde fuhr ich fort:
„Ich hätte noch manches hinzuzufügen, was Ihr und unser Herz bewegt. Aber als Gast an einem neutralen Tische will ich nicht über Dinge reden, die die Welt entzweien. Ich will nicht den Eindruck erwecken, als wollte ich Ihrer Neutralität zu nahe treten, als wollte ich bei Ihnen für unsere Sache werben. Sie wissen, wir verlangen von den Neutralen nichts, keine Hilfe, keine Begünstigung, nichts als Neutralität. Freilich eine Neutralität, die beide Parteien mit gleichem Maße mißt, beiden Parteien in gleichem Maße Achtung erweist angesichts eines Völkerringens auf Leben und Tod, wie es die Welt noch nicht gesehen. Als Kaufleute, die seit langen Jahren unter uns leben, haben Sie Verständnis für unsere Sinnesart und unsere Lebensnotwendigkeiten. Sie bilden für dieses Verständnis eine Brücke über den Ozean. Ich bin überzeugt, daß diese Brücke von Nutzen sein wird jetzt bei der Fortdauer des Krieges, wie sie durch die Zurückweisung der vorgeschlagenen Friedensverhandlungen notwendig wird, und auch späterhin, wenn es gilt, die Fäden des geistigen und wirtschaftlichen Verkehrs zwischen unsern Ländern wieder aufzunehmen und fortzuspinnen.“
Ich schloß mit dem Wunsche, daß die friedlichen Schiffe des Kaufmannes bald wieder zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten das jetzt gefesselte, künftighin freie Meer befahren möchten zum Wohle der beiden Länder und Völker.
Auf diese jedenfalls nicht überschwengliche Begrüßung, die einen ernsten Hinweis auf die dunkle Wolke enthielt, die seit langer Zeit über dem Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika lag, antwortete Herr Gerard in einem auffallend herzlichen und freundschaftlichen Tone. Seine Ansprache gipfelte in der Versicherung, daß die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland niemals besser gewesen seien, als in diesem Augenblick, und daß die Fortdauer dieser ausgezeichneten Beziehungen gewährleistet sei, solange Männer wie Bethmann Hollweg, Helfferich, Zimmermann, Hindenburg, Ludendorff und Holtzendorff die Geschicke Deutschlands leiteten.
Noch am späten Abend erschien der Staatssekretär Zimmermann. In kurzer Rede sprach er die Überzeugung aus, daß die freundschaftlichen und vertrauensvollen Beziehungen, die ihn mit dem amerikanischen Botschafter schon vor dessen Reise verbunden hätten, sich weiter so freundlich gestalten würden, wie der Botschafter es ausgedrückt habe.
Die Veranstaltung und die bei ihr gehaltenen Reden haben damals großes Aufsehen erregt. Ich bin in der Presse und später auch im Hauptausschuß des Reichstags heftig angegriffen worden, daß ich überhaupt bei der Empfangsfeier für Herrn Gerard erschienen sei, und wenn schon — daß ich mich dem Ehrengast gegenüber höflich und nicht wie ein Hausknecht benommen habe. Der politische Unverstand, der uns Deutsche auszeichnet, ist mir selten klarer zum Bewußtsein gekommen als bei dieser Gelegenheit. Jedermann mußte fühlen, daß es in jener Zeit um die letzte Entscheidung darüber ging, ob es gelingen würde, Amerika aus dem Krieg zu halten. Und wenn auch mit einem „after dinner speech“ keine großen Wirkungen erzielt werden können, so wäre eine so offenkundige Brüskierung des amerikanischen Botschafters wie das Fernbleiben von jener Veranstaltung oder das gegen jede amerikanische Auffassung verstoßende Stummbleiben das sicherste Gegenteil der Wahrung unserer Interessen gewesen. Es kam nur darauf an, mit der gebotenen Courtoisie die Wahrung unseres Standpunktes und unserer Würde zu verbinden. Ich glaube, diesem Gebot der Lage gerecht geworden zu sein.