Diese Erklärung der bei den Parteiverhältnissen des Reichstags ausschlaggebenden Fraktion war nicht nur eine Blankovollmacht, sondern geradezu eine Aufforderung an den Reichskanzler, in der U-Bootfrage den Entschließungen der Obersten Heeresleitung zu folgen. Die Oberste Heeresleitung, der natürlich der Gang der Verhandlungen im Hauptausschuß und die Zentrumserklärung nicht verborgen blieben, wußte nunmehr, daß der Reichskanzler, wenn er einem Verlangen der Obersten Heeresleitung nach Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges künftighin sich widersetzen sollte, nicht mehr auf die Deckung durch den Reichstag würde rechnen können.

In der für die weitere Entwicklung des Krieges entscheidenden Frage war damit die Stellung des verantwortlichen Leiters der deutschen Politik gegenüber der Obersten Heeresleitung in einer geradezu verhängnisvollen Weise geschwächt.

Jeder Krieg birgt den Keim von Konflikten zwischen der militärischen Gewalt und der politischen Leitung in sich. Der Krieg als „Mittel der Politik“ ist ein gewaltsames und herrschsüchtiges Mittel, das, einmal in Wirkung gesetzt, eigenen Gesetzen zu folgen sucht. Es bedarf einer starken Willenskraft und einer starken Autorität der politischen Leitung, um Herr über den ungebärdigen Diener zu bleiben und zu verhindern, daß das Mittel den Platz des Zweckes usurpiert. Wenn die Gefahr solcher Konflikte in irgendeinem Lande besonders groß war, dann in Deutschland. Eine eiserne militärische Erziehung hatte unser Volk aus Zerrissenheit, Ohnmacht und Elend zu Einheit, Macht und Wohlstand emporgeführt, hatte unser Land, das Jahrhunderte hindurch das Schlachtfeld fremder Völker gewesen war, befreit und gesichert, hatte die Grundlagen geschaffen, auf denen unser Volk in friedlicher Arbeit sich ein wohnliches Haus bauen konnte. Die Leidensgeschichte von Jahrhunderten war es, die unserm Volk die Achtung vor der militärischen Macht und ihren Vertretern anerzogen hatte. Mehr noch als unser Volk stand die Hohenzollerndynastie, deren Oberhaupt uns die Reichseinheit verkörperte, auf der militärischen Tradition. Auch ein an sich durchaus friedlich gerichteter Charakter wie Wilhelm II. war in den großen militärischen Überlieferungen seines Hauses befangen; ja man kann sagen, je weniger er innerlich Krieger und Feldherr war, desto stärker stand er unter dem Bann derjenigen, die Soldatengeist und Feldherrntum kraftvoll verkörperten.

Die schweren Konflikte, die ein Bismarck, trotz seiner überragenden Persönlichkeit und seiner bei König und Volk fest begründeten Autorität, im Deutsch-Französischen Krieg mit den militärischen Gewalthabern durchzukämpfen hatte, sind bekannt. Dabei dauerte dieser Krieg knapp neun Monate. In dem von Jahr zu Jahr sich hinziehenden Weltkrieg verfügten wir über keinen Staatsmann, dessen Autorität auf dem festen Fundament politischer Großtaten begründet war und dessen Persönlichkeit auf Volk und Kaiser eine bismarckische Wirkung auszuüben vermochte. Dagegen erstrahlte seit der Tannenberger Schlacht das militärische Doppelgestirn Hindenburg und Ludendorff in vollstem Glanz. Das deutsche Volk ist, trotz all des Schrecklichen, das wir jetzt erleben, im Grunde seines Wesens autoritätsbedürftig. Seine ganze Hingabe und seine ganze Hoffnung setzte es auf die beiden Generale, die gleich zu Anfang des Krieges in einer Waffentat ohnegleichen das ostpreußische Land von den russischen Horden befreit hatten und die im weiteren Gang des Krieges mehr als alle andern Feldherrn durch ihre gewaltigen Schläge die Begeisterung des deutschen Volkes an sich fesselten. Dazu kam der Eindruck der menschlich großen Persönlichkeit des Feldmarschalls und der eisernen Willenskraft wie des lodernden Temperaments des Generals Ludendorff. Als der Kaiser Hindenburg den „Heros des deutschen Volkes“ nannte, da sprach er aus aller Herzen und vor allem aus seinem eigenen. Gegen Ludendorff hatte er eine gefühlsmäßige Abneigung, aus der heraus er sich ursprünglich gegen die Berufung der beiden an die Spitze der Obersten Heeresleitung sträubte. Auch späterhin ist er mit Ludendorff nie warm geworden, ja er hat mitunter bei vertraulichen Unterhaltungen in heftiger Aufwallung seinem Unmut über Ludendorff Luft gemacht; aber gleichwohl stand er im Banne von Ludendorffs Willensstärke, und vor allem unterwarf er sich der Überzeugung, daß Hindenburg und Ludendorff, die untrennbar waren, in der Leitung der militärischen Operationen unersetzlich seien.

Es war eine Wirkung und gleichzeitig eine Verstärkung des Übergewichts der Heeresleitung über die politische Leitung, wenn jetzt die stärkste Fraktion des Reichstags eine Erklärung abgab, die unzweideutig die Entscheidung über die Schicksalsfrage des U-Bootkriegs in die Hände von Hindenburg und Ludendorff legte.

Wer Ludendorffs Persönlichkeit kannte, der mußte wissen, daß die Forderung der Obersten Heeresleitung auf Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht lange auf sich warten lassen würde. Und dann wurde, das stand jetzt, wo der Kanzler auch des parlamentarischen Rückhaltes beraubt war, für jeden Kenner der Persönlichkeiten und Verhältnisse so gut wie unumstößlich fest, der U-Bootkrieg gemacht. Nichts war mehr stark genug, dies zu verhindern. Der ganze Ingrimm darüber, daß wir seit mehr als zwei Jahren ohne Gegenwehr den schändlichen Hungerkrieg Englands über uns hatten ergehen lassen müssen, während wir nach den Erklärungen der höchsten Marine-Autoritäten über ein sicheres Mittel verfügten, den Hungerkrieg zu brechen, auf einen Schelmen anderthalb zu setzen und dem Kriegsjammer in kurzer Zeit ein Ende zu machen — der ganze Ingrimm darüber, daß Amerika uns den Gebrauch dieser Waffe verwehrte, während es den Hungerkrieg des Feindes gewähren ließ und die Ententearmeen zu ihren furchtbaren Offensiven mit Kriegsgerät und Munition ausstattete — dieser Ingrimm war nicht mehr zu bändigen und zu halten in dem Augenblick, wo Hindenburg und Ludendorff den von der Reichstagsmehrheit im voraus gebilligten uneingeschränkten U-Bootkrieg vom Kanzler verlangten.

Es gab nur einen Ausweg, und das war die Herbeiführung von Friedensverhandlungen; ein Ausweg, den auch — wie oben dargestellt — in jener Zeit die Entwicklung der gesamten Kriegslage nahelegte und für den es gelang, sowohl die Oberste Heeresleitung wie vor allem auch den Kaiser zu gewinnen.

In der Zwischenzeit konnten die Wirkungen des U-Bootkriegs auch innerhalb der in den Formen des Kreuzerkriegs gegebenen Beschränkung wesentlich gesteigert werden. Der Admiralstab hatte — wie oben erwähnt — nach dem Abschluß der Verhandlungen mit Amerika über den Sussex-Fall den U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe in den britischen Gewässern gänzlich eingestellt und die U-Boote in der Nordsee nur noch zu rein militärischen Zwecken verwendet. Im Oktober 1916 entschloß sich der Admiralstab trotz der Erschwerungen, die der Kreuzerkrieg für U-Boote gerade in den britischen Gewässern wegen der vervollkommneten Abwehrmaßnahmen bot, auch dort den U-Bootkrieg gegen Handelsschiffe in den Formen des Kreuzerkrieges wieder aufzunehmen. Der Erfolg war ansehnlich. Die im U-Bootkrieg versenkte Tonnage stieg von 101000 Tonnen im Juni und 103000 Tonnen im Juli auf 394000 im Oktober und 416000 im Dezember 1916.

Aber der Admiralstab ließ sich mit diesen Erfolgen nicht genügen.