Ebenso mußte ich den Berechnungen entgegentreten, die beweisen sollten, daß eine monatliche Versenkung von 600000 Tonnen Handelsschiffsraum genügen werde, um England innerhalb einer bestimmten Zeit — es wurde von 6 bis 8 Monaten gesprochen — auf die Knie zu zwingen oder wenigstens mürbe zu machen. Ich stellte fest, daß die britische Handelsflotte (ohne diejenige der Dominions und Besitzungen) nach den letzten Ausweisen im Juni 1916 noch 18825000 Bruttotonnen stark war. Ich gab zu, daß davon etwa 7 Millionen für militärische Zwecke in Anspruch genommen seien und daß die für den privaten Handelsverkehr verbleibenden rund 12 Millionen im Laufe von 6 bis 8 Monaten durch den uneingeschränkten U-Bootkrieg auf 8 Millionen Tonnen verringert werden könnten. Aber ich gab zu bedenken, daß die britische Handelsflotte vor dem Kriege fast die Hälfte der gesamten Handelsflotte der Welt ausgemacht hatte, daß sie nicht nur für England, sondern für die halbe Welt die Seefrachten besorgt hatte, daß Deutschlands Handelsflotte, nach England die größte der Welt, vor dem Kriege gerade erst über 5 Millionen Bruttotonnen hinausgewachsen war und daß wir mit diesen 5 Millionen Tonnen über unsere eigene Versorgung hinaus uns gleichfalls einen ansehnlichen Anteil am internationalen Frachtverkehr hatten sichern können. Dazu kam für England die Möglichkeit, im Notfall auf den für militärische Zwecke in Anspruch genommenen Frachtraum zurückzugreifen. Ich zog daraus die Folgerung: „Niemand in der ganzen Welt wird mit Sicherheit behaupten können, England werde nach sechs oder acht Monaten wegen Frachtraummangels nicht mehr in der Lage sein, weiterzukämpfen.“
Ferner warnte ich davor, die britische Zähigkeit, die Möglichkeit für die Engländer, sich in ähnlicher Weise einzuschränken, wie wir es hatten tun müssen, schließlich die britische Fähigkeit, zu organisieren, allzu niedrig einzuschätzen.
Vor allem aber hob ich die Gefahren eines Bruches und Krieges mit den Vereinigten Staaten hervor. Aus der Mitte des Ausschusses wurde die Ansicht geäußert, daß Amerika wegen des U-Bootkrieges nicht mit uns brechen oder jedenfalls nicht Krieg mit uns machen werde. Demgegenüber führte ich aus: „Ich habe im Laufe der Zeit von allen den Leuten, die aus Amerika herübergekommen sind und die ich gesehen habe, nie eine andere Ansicht gehört als die: Wenn ihr den rücksichtslosen U-Bootkrieg anfangt, dann habt ihr den Bruch und den Krieg mit Amerika.“
Den immer wieder hervortretenden Zweifeln, ob Amerika, wenn es uns den Krieg erkläre, der Entente erheblich mehr nutzen und uns erheblich mehr schaden könne wie jetzt schon im Zustand der sogenannten Neutralität, konnte ich nicht beitreten. Ich legte dar, daß die finanzielle Hilfe, die von den Amerikanern den Ententemächten bisher nur in verhältnismäßig engen Grenzen und zu recht schweren Bedingungen gewährt worden war, ohne weiteres einer ganz erheblichen Steigerung fähig sei; daß ferner die amerikanische Stahlproduktion, die mit 40 Millionen Tonnen jährlich fast dreimal so groß war wie die unserige, den Amerikanern im Falle ihres Eintritts in den Krieg eine gewaltige Steigerung ihrer Erzeugung von Kriegsgerät und Material ermögliche; daß schließlich die Gefahr der Unterstützung der Entente durch Truppensendungen kein Hirngespinst sei. „Die Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben,“ so führte ich aus, „liegen doch zum großen Teil darin, daß die andern die große Überlegenheit an Menschenmaterial haben. Glauben Sie unsere Position dadurch zu verbessern, wenn Sie ein kultiviertes Land mit einer starken, kräftigen Rasse, mit mehr als 100 Millionen Einwohnern auf die andere Seite werfen?“ Auch die Hoffnung, daß es unsern U-Booten gelingen werde, Munitions- und Mannschaftstransporte von Amerika nach dem westlichen Kriegsschauplatz zu verhindern, konnte ich nicht ohne Widerspruch lassen, obwohl ich wußte, daß diese Hoffnung von maßgebenden Persönlichkeiten in der Marine geteilt wurde. „Mein Optimismus geht jedenfalls nicht so weit, zu bezweifeln, daß Amerika im Kriegsfall beträchtliche Mengen von Truppen herüberschaffen kann, auch angenommen, daß wir manchen Transportdampfer versenken. In Saloniki sollen noch 400000 Mann und mehr stehen. Diese ganze Armee ist antransportiert worden und erhält ihren Nachschub an Ersatz, Munition und Proviant, trotzdem unsere U-Boote ihre Tätigkeit im Mittelmeer ausüben. Die Truppentransportdampfer sind eben auf ihrer Fahrt viel besser gesichert als andere Dampfer.“
Auch die Wirkungen eines Krieges mit Amerika auf unsern späteren Wiederaufbau bat ich zu berücksichtigen. Die Wiederherstellung unserer Außenbeziehungen nach dem Krieg sei viel schwerer, als die meisten es sich denken. „Wenn aber die Neutralität überhaupt aufgehört hat, dann kann dasjenige, was heute die Entente träumt, Wirklichkeit werden, nämlich der Wirtschaftskrieg nach dem Krieg; dann mögen wir noch für Jahre der boykottierte Hund sein, dem kein Mensch auf der ganzen Welt ein Stück Brot gibt.“
Vor allem aber müßten wir uns eines vor Augen halten: „Wenn die Karte des rücksichtslosen U-Bootkriegs ausgespielt wird und sie sticht nicht, dann sind wir verloren, dann sind wir auf Jahrhunderte hinaus verloren.“
Meine Ausführungen machten wohl einigen Eindruck, vermochten aber nicht, einen entscheidenden Erfolg zu erzielen. Ich hatte Veranlassung, in der Diskussion mehrfach auf meine Bedenken zurückzukommen und den eifrigen Verfechtern des uneingeschränkten U-Bootkriegs zu sagen: „Wir wollen doch klar sehen, wir wollen doch genau wissen, wie die Dinge liegen; und sollte der U-Bootkrieg gemacht werden, so soll niemand da sein, der nachher, wenn die Sache etwa schief geht, sagen kann: Ja, wenn man dies und jenes uns gesagt hätte, wenn diejenigen, die an verantwortlicher Stelle stehen, auf dies und jenes hingewiesen hätten.“
Der Kanzler konnte sich darauf berufen, er befinde sich in der Beurteilung der Sachlage in Übereinstimmung mit der Obersten Heeresleitung. Diesem Umstand war es mehr als allen Gründen zu verdanken, daß im Hauptausschuß ein ausdrücklicher Mehrheitsbeschluß zugunsten des uneingeschränkten U-Bootkrieges verhindert werden konnte. Aber wenn auch kein förmlicher Beschluß zustande kam, so konnte doch der Verlauf der Debatte keine Zweifel daran lassen, wie die Mehrheit der Kommission zu dem U-Bootkrieg stand. Vor allem fiel ins Gewicht, daß die Zentrumsfraktion, die bisher in ihrer großen Mehrheit den Kanzler in seiner Stellungnahme zum U-Bootkrieg gedeckt hatte, folgende Erklärung am 7. Oktober 1916 zu den Akten des Hauptausschusses gab:
„Namens sämtlicher[5] Fraktionsmitglieder der Zentrumsfraktion im Ausschuß für den Reichshaushalt ist folgende Erklärung abgegeben worden:
„Für die politische Entscheidung über die Kriegführung ist dem Reichstag gegenüber der Reichskanzler allein verantwortlich. Die Entscheidung des Reichskanzlers wird sich dabei wesentlich auf die Entschließung der Obersten Heeresleitung zu stützen haben. Fällt die Entscheidung für die Führung des rücksichtslosen Unterseebootkrieges aus, so darf der Reichskanzler des Einverständnisses des Reichstags sicher sein.“