Die Propaganda zugunsten des uneingeschränkten U-Bootkrieges war unter dem Eindruck der unmittelbaren Gefahr des Bruches mit Amerika vorübergehend abgeflaut. Im Laufe des Sommers kam sie neu in Gang. Auch die Marine begann, die Frage des U-Bootkrieges wieder aufzunehmen, zumal da der gewaltige Einsatz von Material in der Sommeschlacht die Erwägung nahelegte, ob nicht unseren Feinden die Zuführung dieses Materials durch eine wirksamere Gestaltung des U-Bootkrieges einigermaßen verknappt werden könnte. Auch von dem Admiral von Capelle, der im Frühjahr noch mit aller Entschiedenheit die Meinung vertreten hatte, daß die auf den unbeschränkten U-Bootkrieg gesetzten Hoffnungen seiner Befürworter übertrieben seien und daß angesichts des zweifelhaften Erfolges die politischen Bedenken den Ausschlag geben müßten, hatte ich den Eindruck, daß er mehr und mehr auf den Standpunkt kam, wenn jetzt die Oberste Heeresleitung den unbeschränkten U-Bootkrieg zur Entlastung der schwer kämpfenden Westfront verlange, dann werde die Marine ihre Hilfe nicht verweigern können, auch wenn man diese Hilfe bescheiden veranschlage.

Inzwischen war der U-Boothandelskrieg um England herum gänzlich oder fast gänzlich eingestellt worden, während er im Mittelländischen Meer mit leidlichem Erfolg in den Formen des Kreuzerkrieges fortgesetzt wurde. Die Versenkungen gingen nach den Angaben des Admiralstabs von 225000 Tonnen im Monat April 1916 auf 101000 Tonnen im Juni 1916 zurück.

Gegen Ende August 1916 nahm der Chef des Admiralstabs die U-Bootfrage offiziell wieder auf. Er teilte dem Reichskanzler mit, daß er nach genauer Prüfung der Verhältnisse die Überzeugung gewonnen habe, daß jetzt der Zeitpunkt für die Aufnahme des uneingeschränkten U-Bootkriegs gekommen sei, und beantragte eine alsbaldige Beratung der Angelegenheit.

Diese Beratung fand am 31. August 1916 im Großen Hauptquartier zu Pleß statt. Es nahmen an ihr teil der Reichskanzler, der neuernannte Chef des Generalstabs Generalfeldmarschall von Hindenburg, General Ludendorff, der Chef des Admiralstabs Admiral von Holtzendorff, Admiral von Koch, der Kriegsminister General Wild von Hohenborn, der Staatssekretär des Auswärtigen Amts von Jagow und ich als Staatssekretär des Innern und Stellvertreter des Reichskanzlers. Die gesamte politische, militärische und wirtschaftliche Lage wurde auf das genaueste durchgesprochen, ebenso die technischen Möglichkeiten und die militärischen und wirtschaftlichen Wirkungen des U-Bootkrieges. Die Lage wurde in erster Linie beherrscht durch die rumänische Kriegserklärung und den Einmarsch starker rumänischer Truppen nach Siebenbürgen. Alle Truppen, die wir irgendwo verfügbar machen konnten, mußten gegen Rumänien geworfen werden. Gegenüber Eventualitäten, wie sie ein Bruch mit Amerika und ein starker kombinierter Druck der Entente und der Vereinigten Staaten auf die uns benachbarten Neutralen hervorrufen konnten, war nichts vorgekehrt und konnte in der nächsten Zeit nichts vorgekehrt werden. Unter diesen Umständen sprachen sich die Generale von Hindenburg und Ludendorff dahin aus, daß bis zur Erledigung der rumänischen Gefahr die Oberste Heeresleitung eine Verantwortung für die Einleitung des uneingeschränkten U-Bootkrieges nicht übernehmen könne.

Der Verlauf der Beratung ließ keinen Zweifel daran bestehen, daß die beiden Generale an sich dem uneingeschränkten U-Bootkrieg zuneigten. Es war zu erwarten, daß sie auf die Frage zurückkommen würden, sobald dies der Verlauf der militärischen Operationen in Rumänien gestattete. Die öffentliche Meinung war durch die unausgesetzte Bearbeitung seitens der Befürworter des uneingeschränkten U-Bootkrieges immer mehr für die Überzeugung gewonnen worden, daß wir mit den U-Booten eine Waffe in der Hand hätten, die uns bei richtiger Anwendung gestatte, binnen weniger Monate England auf die Knie zu zwingen und damit allen den Opfern und Leiden des Krieges ein Ende zu machen. Auch in den Reichstagsparteien, die bisher in der U-Bootfrage Zurückhaltung gezeigt hatten, so im Zentrum und bei den Freisinnigen, blieb die U-Bootkrieg-Propaganda nicht ohne Wirkung.

Dies zeigte sich, als Anfang Oktober 1916 der Hauptausschuß des Reichstages sich erneut mit der U-Bootfrage befaßte.

Die Stimmung des Ausschusses war gegenüber dem Monat März, in dem die letzte U-Bootdiskussion stattgefunden hatte, merkbar verändert. Zudem glaubte der Ausschuß aus der Rede, mit der Herr von Bethmann die Erörterung einleitete, und noch mehr aus der Rede des Admirals von Capelle, die auf die Kanzlerrede folgte, eine Verminderung des Widerstandes gegen den uneingeschränkten U-Bootkrieg herauslesen zu können. Auch wirkten auf die Urteilsbildung der Abgeordneten einige sachliche Momente stark ein, die zweifellos die Aussichten eines Erfolges des uneingeschränkten U-Bootkrieges verbessert hatten, so die wesentliche Vermehrung der Anzahl und die erhebliche Verbesserung der Leistungsfähigkeit der U-Boote seit Jahresbeginn, ferner die Bedrohung der Versorgung Englands mit Brotgetreide durch eine mäßige Ernte im eigenen Lande und eine maßlos schlechte Ernte in den Vereinigten Staaten und Kanada. Dazu kam die wachsende Erbitterung gegen die Vereinigten Staaten, die unsere Gegner in immer größerem Umfang mit Kriegsmaterial unterstützten, ja ihnen dadurch die Sommeschlacht in ihren ungeheuren Abmessungen überhaupt erst möglich machten, und die, nachdem wir uns ihrem Druck in der U-Bootfrage gefügt hatten, augenscheinlich keinen Finger rührten, um England, das seinen Hungerkrieg gegen uns und die uns benachbarten Neutralen immer mehr verschärfte, auf den Boden des Völkerrechts zurückzuführen. Ich hatte einen schweren Stand, gegenüber der hierdurch erzeugten Stimmung für Besonnenheit und Erwägung der uns aus einem Übergang zum uneingeschränkten U-Bootkrieg drohenden Gefahren einzutreten.

In meinen Erwiderungen auf Ausführungen aus der Mitte der Kommission bemühte ich mich, die Sachlage mit aller Ruhe und Objektivität darzustellen. Ich gab ohne weiteres zu, daß durch die Gestaltung der Welternte des Jahres 1916 die Möglichkeit gewachsen sei, Englands Ernährung durch den U-Bootkrieg zu erschweren, vielleicht sogar zu gefährden. Englands eigene Ernte an Brotgetreide hatte im Jahre 1916 nur 6 Millionen Quarters, gegen 8,7 Millionen Quarters im Vorjahre ergeben. Die Weizenernte der Vereinigten Staaten und Kanadas wurde für 1916 auf nur 21½ Millionen Tonnen geschätzt gegen 37½ Millionen Tonnen im Vorjahre. Dabei hatte England im abgelaufenen Erntejahre aus diesen beiden zunächst gelegenen Gebieten nicht weniger als 88% seines Einfuhrbedarfs gedeckt. Ein Zurückgreifen auf Argentinien oder gar auf Indien und Australien war angesichts des fühlbaren Mangels an Frachtraum außerordentlich erschwert; denn der Frachtweg aus diesen Gebieten nach England war zwei- bis dreimal so lang wie der Frachtweg aus Nordamerika, die Heranführung derselben Getreidemenge erforderte also den zwei- bis dreifachen Schiffsraum. Die sichtbaren Getreidevorräte Englands waren in der zweiten Septemberhälfte 1916, nach Einbringung der englischen Ernte, zum erstenmal niedriger als zur gleichen Zeit des Vorjahres; sie betrugen 8,6 gegen 10,6 Millionen Quarters, während sie sich zu Anfang Mai 1916 um 1,8 Millionen Quarters höher gestellt hatten als Anfang Mai 1915.

Aber ich konnte nicht umhin, diesem für den Erfolg des uneingeschränkten U-Bootkrieges günstiger gewordenen Moment gewichtige Zweifel entgegenzustellen.

Schon auf dem Gebiet der Brotgetreideversorgung Englands durften die großen amerikanischen Bestände aus der vorjährigen Ernte nicht vernachlässigt werden. Ob es möglich sein würde, die Zufuhren aus diesen Beständen und der allerdings knappen neuen Ernte im Wege des uneingeschränkten U-Bootkrieges so weit zu verringern, daß sie zur Ergänzung des in England liegenden, für mindestens 4½ Monate genügenden Bestandes nicht ausreichen würden, war zum mindesten eine offene Frage.