Ich halte es für ausgeschlossen, daß die von Wilson gegen Ende Januar 1917 ins Auge gefaßte neue Friedensaktion zu einem für uns annehmbaren Frieden hätte führen können. Die von der Entente aufgestellten Bedingungen, an deren Ernsthaftigkeit wir nicht zweifeln können, waren derart, daß nur ein gänzlich niedergebrochenes Deutschland sie annehmen konnte. Wer hätte es damals in Deutschland wagen können, Elsaß-Lothringen mit weiteren Teilen des linken Rheinufers und unsere Ostmarken preiszugeben, dem deutschen Volk eine gewaltige Kriegsentschädigung aufzuladen, uns für die Zukunft unter die Vormundschaft der Entente zu stellen, dazu unsere Bundesgenossen in der schnödesten Weise der Zertrümmerung preiszugeben? Auch nur ein Status-quo-Frieden wäre nur unter den schwersten inneren Kämpfen durchzufechten gewesen; er wäre durchgefochten worden, aber was darüber hinausging, war schlechterdings unmöglich. Nur wenn der Präsident Wilson bereit gewesen wäre, mit dem ganzen Schwergewicht der amerikanischen Macht auf die Ententemächte zu drücken, um sie zu einer völligen Sinnesänderung zu zwingen, und nur wenn er bei einem solchen Vorgehen die Unterstützung des amerikanischen Volkes und seiner Vertretung gefunden hätte, wäre Aussicht gewesen, zum Frieden zu kommen. Dazu war aber Wilson, der in seiner Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917 die unerhörten Kriegsziele der Entente als diskutabel behandelte, ganz offensichtlich nicht bereit, ebensowenig Volk und Kongreß der Vereinigten Staaten. Viel näher lag die Wahrscheinlichkeit eines amerikanischen Druckes auf uns und unsere Verbündeten.

Diese Wahrscheinlichkeit lag um so näher, als sich in der am 21. Dezember 1916 in Berlin überreichten Friedensnote der amerikanischen Regierung der Passus fand, daß die Interessen der Vereinigten Staaten durch den Krieg „ernstlich in Mitleidenschaft gezogen seien“, und daß das Interesse der Union an einer baldigen Beendigung des Krieges sich daraus ergebe, daß „sie offenkundig genötigt wäre, Bestimmungen über den bestmöglichen Schutz ihrer Interessen zu treffen, falls der Krieg fortdauern sollte“. Diese kaum verhüllte Drohung wurde noch deutlicher gemacht durch ein Interview, das der Staatssekretär Lansing bald darauf Vertretern der amerikanischen Presse gewährte und in dem er mit unzweideutigem Hinweis auf Deutschland sagte, Amerika stehe nahe am Krieg.

Es ist also auf der einen Seite so gut wie ausgeschlossen, daß der Präsident Wilson, auch wenn wir damals den uneingeschränkten U-Bootkrieg nicht gemacht hätten, der Welt den Frieden gebracht hätte. Auf der andern Seite ist es nicht völlig ausgeschlossen, daß gerade aus der Fortsetzung der Wilsonschen Friedensaktion der Krieg zwischen Amerika und Deutschland entstanden wäre, der nun aus der Veranlassung des U-Bootkriegs entstanden ist.

Ich bedaure es, daß die Sachlage, die im Januar 1917 zur Klärung drängte, infolge der überstürzten Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs wohl niemals in einer den letzten Zweifel ausschließenden Weise wird aufgehellt werden können. Für mich selbst steht aus dem Miterleben jener kritischen Epoche unerschütterlich fest: Wilsons geschichtliche Mission, der Welt zu einem Frieden unter Gleichen zu verhelfen, ist gescheitert an seiner Verständnislosigkeit für unsere Lebensrechte und Lebensnotwendigkeiten, gescheitert nicht erst in den schwarzen Oktober- und Novemberwochen 1918, sondern schon um die Wende der Jahre 1916 und 1917.

Diese Ausführungen waren niedergeschrieben und gedruckt vor der Bekanntgabe der unter Wilsons Mitwirkung zustandegekommenen Friedensbedingungen der gegen uns verbündeten Mächte. Diese Bedingungen sind eine Bestätigung des oben ausgesprochenen Urteils.

Fußnoten:

[4] Die amerikanische Regierung hat später wiederholt behauptet, ein Verbot der Waffenausfuhr an Kriegführende wäre, da eine Waffenlieferung nach Lage der Verhältnisse ausschließlich für die Entente in Betracht komme, ein Verbot also ausschließlich die Entente schädige, eine unneutrale Handlung. Die deutsche Regierung dagegen konnte sich für ihren Standpunkt, daß die Duldung der Waffenausfuhr gerade weil sie ausschließlich der Entente zugutekomme, ein unneutrales Verhalten sei, auf Präsident Wilson berufen, der im Februar 1914 als Begründung des Verbots der Waffenlieferung für die beiden sich in Mexiko bekämpfenden Parteien erklärt hatte: „Da Carranza keine Häfen hat, Huerta dagegen über Häfen zur Waffeneinfuhr verfügt, ist es unsre Pflicht als Nation, beide auf gleichem Fuße zu behandeln, wenn wir den wahren Geist der Neutralität beobachten wollen und nicht eine reine Papierneutralität.“

[5] Im amtlichen Original gesperrt gedruckt.


Als erster Teil dieses Werkes ist erschienen
Karl Helfferich
Die Vorgeschichte des Weltkrieges
Geh. 5 Mark, geb. 7.50 Mark
Ein dritter Band (Schlußband) erscheint demnächst
Verlag Ullstein & Co, Berlin