Ich habe mich bemüht, im Vorstehenden die verwickelten Zusammenhänge zwischen den Friedensbemühungen, denjenigen der Reichsregierung wie denjenigen Wilsons, und dem U-Bootkrieg zu entwirren und klarzulegen. Nach bestem Wissen und Gewissen habe ich die Vorgänge dargestellt, wie ich sie im Werden gesehen habe. Ich weiß, daß andere, darunter auch solche Persönlichkeiten, die jene tragische Entwicklung handelnd miterlebt haben, nicht in allen Punkten mit meiner Auffassung der Geschehnisse übereinstimmen, ja in wesentlichen Punkten von meiner Auffassung abweichen. Das gilt vor allem von dem Grafen Bernstorff, der als Botschafter in den Vereinigten Staaten auf seinem Posten jenseits des Atlantischen Ozeans die Friedensbemühungen und die zum Krieg mit Amerika führende Entwicklung mitgemacht hat.

Graf Bernstorff war damals und ist wohl heute noch nicht nur davon überzeugt, daß der Präsident Wilson in jener Zeit ehrlich den Frieden wollte, sondern auch daß er den beiden kriegführenden Parteien ohne Voreingenommenheit gegenüberstand und bereit war, einen für uns annehmbaren und erträglichen Frieden durchzusetzen. Die Friedensbemühungen des Präsidenten Wilson hätten nach seiner Überzeugung zum Erfolg geführt, wenn nicht wir, die wir doch selbst den Präsidenten fortgesetzt zur Friedensvermittlung gedrängt hätten, in dem Augenblick, wo der Erfolg reifte, mit dem uneingeschränkten U-Bootkrieg dem Präsidenten geradezu ins Gesicht geschlagen, jede Friedensmöglichkeit zerstört und Amerika zum Krieg gegen uns gezwungen hätten.

Ich selbst habe bis zur letzten Möglichkeit dafür gekämpft, daß die Entscheidung über die Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges vertagt werde, bis sich die Auswirkung unseres Friedensschrittes wie desjenigen des Präsidenten Wilson vollkommen übersehen lasse. Wenn ich der Auffassung des Grafen Bernstorff entgegentrete, so plädiere ich also gewiß nicht in eigener Sache, sondern lediglich im Interesse der Aufklärung und der geschichtlichen Wahrheit.

Ich will dem Präsidenten Wilson den ehrlichen Willen, einen nach seiner Ansicht gerechten Frieden herbeizuführen, nicht abstreiten. Aber ich kann ihm weder zubilligen, daß er in der Herbeiführung des Friedens einen besonderen Eifer an den Tag legte, noch daß er — bei allem subjektiven Bestreben nach Gerechtigkeit — den beiden kriegführenden Gruppen objektiv dasselbe Maß von Verständnis und Wohlwollen entgegenbrachte.

Anfang Mai 1916 hat nach des Botschafters Gerard eigenem Bericht der Reichskanzler von Bethmann Hollweg diesem gegenüber die Hoffnung ausgesprochen, der Präsident Wilson werde nunmehr groß genug sein, sich der Sache des Friedens anzunehmen. Damals war es noch ein halbes Jahr bis zur Präsidentenwahl; das Bevorstehen der Präsidentenwahl konnte also noch kein ernstliches Hindernis für eine Friedensaktion sein. Aber der Präsident tat nichts für den Frieden. Er steckte unser Zugeständnis der Einstellung des uneingeschränkten U-Bootkriegs ein und versuchte nicht einmal irgendeinen ernsthaften Schritt, um England zur Rückkehr auf den Boden der völkerrechtlichen Normen des Seekriegsrechts zu veranlassen. Die deutsche Politik ist dabei gewiß nicht frei von Fehlern gewesen. Präsident Wilson hätte sich vielleicht anders verhalten, wenn die Zurückführung des U-Bootkriegs auf die Formen des Kreuzerkriegs nicht erst im Mai 1916 erfolgt wäre, nachdem die durch die Versenkung der „Lusitania“ geschaffene kritische Lage durch die Torpedierung der „Arabic“ und schließlich der „Sussex“ — um nur die wichtigsten Fälle zu nennen — eine heillose Erschwerung erfahren hatte, sondern nach meinem leider nicht befolgten Vorschlag schon im Juli-August 1915 in Beantwortung des Angebotes des Präsidenten, mit ihm zur Wiederherstellung der Freiheit der Meere noch während des Krieges, gegen wen es auch sei, zusammenzuwirken. Aber sei dem, wie ihm wolle — die Tatsache bleibt bestehen, daß der Präsident Wilson auf die von deutscher Seite schon Anfang Mai 1916 gegebene Anregung, sich der Sache des Friedens anzunehmen, viele Monate hindurch nichts tat, nicht einmal eine Zusage gab, daß er etwas tun werde, daß er schließlich mit einem Friedensschritt erst hervortrat, nachdem Deutschland und seine Verbündeten ihrerseits den Friedensvorschlag vom 12. Dezember 1916 gemacht hatten.

Daß der Präsident Wilson in Sprache, in Lebensauffassung und Weltanschauung dem angelsächsischen Kulturkreis angehört und infolgedessen innerlich unsern Feinden nähersteht als uns, ist kein Vorwurf gegen Herrn Wilson, war aber für uns eine Tatsache, die wir ungestraft nicht übersehen durften. Daß Herr Wilson objektiv nicht mit dem gleichen Maße messen konnte, hatte sich bald nach Kriegsausbruch in dem ersten Depeschenwechsel zwischen dem Kaiser und dem Präsidenten der Vereinigten Staaten gezeigt. Seit den Verhandlungen mit dem Präsidenten vom Oktober-November 1918 über die Herbeiführung eines Waffenstillstandes und die Anbahnung von Friedensverhandlungen sollte auch dem größten deutschen Verehrer Wilsons klar geworden sein, daß dieser Mann nicht imstande ist, sich von Vorurteil und Voreingenommenheit uns gegenüber zu befreien. Was wir von Herrn Wilson an gerechter Würdigung unserer nationalen Ehre und Lebensbedürfnisse zu gewärtigen hatten, war schon geradezu überwältigend zum Ausdruck gekommen in seiner Botschaft an den Senat vom 22. Januar 1917. In dieser Botschaft tat er unsere Bekundung der Bereitwilligkeit zu einem Frieden, der unser Verteidigungsziel verwirklichen und Ehre, Dasein und Entwicklungsfreiheit unserer und unserer Verbündeten Völker sichern sollte, kurzerhand ab mit der Behauptung, wir hätten auf seine Friedensanregung „einfach“ unsere Bereitwilligkeit erklärt, mit unsern Gegnern zu einer Konferenz zusammenzutreten, während er die „viel ausführlichere“ Antwort unserer Gegner, die nichts weniger als die Zerstücklung Österreich-Ungarns und der Türkei und die Verstümmelung Deutschlands verlangte, als einen Schritt bezeichnete, der die endgültige Erörterung des Friedens „so viel näher“ gebracht habe!

Wenn Graf Bernstorff trotz dieser Unzweideutigkeit auch noch in der letzten Januarwoche des Jahres 1917 der Ansicht war und heute noch, wie es den Anschein hat, der Ansicht ist, daß Wilson damals im Begriff gewesen sei, sich für einen für uns annehmbaren und erträglichen Frieden einzusetzen und sich dafür mit Erfolg einzusetzen, so ist das nur erklärlich durch die nachhaltige Wirkung von Suggestionen, denen er seit zwei Jahren ohne das Gegengewicht einer auch nur einigermaßen ausreichenden Fühlung mit der Heimat ausgesetzt war. Der Briefverkehr und jede Art persönlicher Fühlung zwischen Berlin und der deutschen Botschaft in Washington war völlig abgebunden. Die Benutzung unserer eigenen amerikanischen Stationen für drahtlosen Verkehr hatte uns die Regierung der Vereinigten Staaten bald nach Kriegsausbruch für jede Art von Chiffretelegrammen unmöglich gemacht, während die britischen Kabel unbeschränkt unsern Feinden zur Verfügung standen. Die Möglichkeit, durch Vermittlung der amerikanischen Botschaft in Berlin und der amerikanischen Regierung in Washington Chiffretelegramme an unsern Botschafter gelangen zu lassen, wurde nur innerhalb der engsten Grenzen gewährt. So ist es schließlich zu verstehen, daß unserer Vertretung jenseits des großen Wassers der Kontakt mit dem um seine Existenz ringenden deutschen Volke und das Augenmaß für das uns Notwendige und Erträgliche verlorenging.

Jedenfalls stand für uns in der Heimat um die Mitte des Januar 1917 fest, daß sowohl die deutsche wie auch die amerikanische Friedensaktion an dem unerbittlichen Eroberungs- und Vernichtungswillen unserer Feinde gescheitert seien. Den Temperamentvolleren genügten zur Bestätigung dieser Überzeugung bereits die Reden, mit denen die feindlichen Staatsmänner in den unmittelbar auf den 12. Dezember 1916 folgenden Tagen unsern Friedensvorschlag mit Spott und Hohn zurückwiesen, jedenfalls aber die Antwortnote, die uns die Ententemächte am 31. Dezember 1916 überreichen ließen. Für die Vorsichtigeren war jeder Friedensversuch erledigt mit der ungeheuerlichen Antwort, die Herr Briand namens der Ententeregierungen am 10. Januar 1917 auf den Friedensschritt des Präsidenten Wilson dem amerikanischen Botschafter in Paris übergab. Die Senatsbotschaft des Präsidenten Wilson vom 22. Januar 1917 konnte diesseits des Atlantischen Ozeans nicht als eine Fortsetzung der Friedensbemühungen, sondern lediglich als eine nur aus unheilbarer Voreingenommenheit erklärliche Parteinahme des Präsidenten Wilson zugunsten unserer Feinde aufgefaßt werden. Niemand in unseren leitenden Kreisen, auch ich nicht, der ich mich bis zur Entscheidung und über die Entscheidung hinaus gegen die alsbaldige Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs eingesetzt hatte, konnte nach diesen Vorgängen noch der Meinung sein, daß man jenseits des Atlantischen Ozeans die Friedensaktion als noch nicht erledigt ansah und an ihre Fortsetzung dachte.

Erst das am 28. Januar abends hier eingegangene Telegramm des Grafen Bernstorff zeigte, daß Präsident Wilson einen erneuten Friedensschritt zu machen beabsichtigte. Auf dieses Telegramm hin ist, soweit ich es beurteilen kann, von deutscher Seite das nach Lage der Dinge überhaupt noch mögliche geschehen, um dem Präsidenten Wilson freies Feld für diesen neuen Versuch zu geben. Der Präsident hat es aber vorgezogen, trotz der Mitteilung der von uns als Grundlage für die erste Friedensaussprache ausgearbeiteten Bedingungen und trotz unserer Bereitwilligkeit, den uneingeschränkten U-Bootkrieg alsbald wieder einzustellen, wenn es ihm gelungen sei, erfolgversprechende Grundlagen für Friedensverhandlungen zu sichern, brüsk jede weitere Verhandlung abzuschneiden und die diplomatischen Beziehungen mit uns ohne jede weitere Begründung abzubrechen.

Es mag als ein müßiges Fragen erscheinen, ob es dem Präsidenten Wilson, falls die Erklärung des uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht in jenen kritischen Tagen erfolgt wäre, gelungen wäre, den Frieden herbeizuführen, oder ob wenigstens die Vereinigten Staaten in diesem Falle dem Krieg ferngeblieben wären. Aber diese Fragen haben unser ganzes Volk so sehr in seinen Tiefen erregt, daß es mir ein Bedürfnis ist, auch hierüber ein Wort zu sagen.