Ich hielt es für notwendig, die Ermächtigung für die Verlegung unserer Vertretung von Moskau in diesem Zusammenhang noch einmal ausdrücklich zu erbitten, obwohl mir der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes vor meiner Abreise von Berlin in diesem Punkt freie Hand gegeben hatte. Denn damals wurde in der Besprechung zwischen dem Staatssekretär und mir die Frage der Wegverlegung nur vom Standpunkt der persönlichen Sicherheit des Personals der Mission betrachtet, während nunmehr der politische Zweck eines solchen Schrittes — das demonstrative Abrücken von den Bolschewiki —, der bei den Anträgen der Moskauer Mission in Berlin bisher überhört worden war, wieder in den Vordergrund rückte.
Das Auswärtige Amt erteilte mir die nachgesuchte Ermächtigung zu den von mir empfohlenen Verhandlungen nicht, machte vielmehr das rasche Zustandekommen der Zusatzverträge zum Angelpunkt seiner Politik; ferner wiederholte es das Anheimstellen, Moskau mit dem Personal der Vertretung zu verlassen, wenn mir das aus Sicherheitsgründen angezeigt erscheine.
Ich antwortete, daß nach meiner Ansicht die Zusatzverträge mitsamt dem Brester Friedensvertrag bei der Fortsetzung der von Berlin befohlenen Politik Makulatur werden würden; ein Verlassen Moskaus durch mich und das engere Personal der Mission werde, auch wenn mit Sicherheitsgründen motiviert, als Abrücken von den Bolschewiki wirken; nur aus persönlichen Sicherheitsgründen würde ich deshalb Moskau nicht verlassen.
Auch gegenüber meinen erneuten Vorstellungen beharrte das Auswärtige Amt auf seinem Standpunkt; in der Frage des Wegganges von Moskau erteilte es mir jedoch jetzt die formelle Weisung, im Falle der Lebensgefahr für mich oder das Personal der Mission Moskau zu verlassen und einen gesicherteren Ort aufzusuchen. Schließlich erhielt ich am 5. August die telegraphische Weisung, alsbald zur mündlichen Berichterstattung nach Berlin zu kommen und die Geschäfte an Dr. Riezler zu übertragen, für den hinsichtlich des weiteren Verbleibens oder des Verlassens von Moskau die in dem obenerwähnten Telegramm erteilte Weisung in Kraft bleibe.
Durch meine Berufung nach Berlin war die Frage meiner persönlichen Sicherheit ausgeschaltet. Es blieb mir aber die mir durch das Auswärtige Amt ausdrücklich auferlegte Verantwortung für die Sicherheit meines umfangreichen Personals.
Bisher hätte man mir bei einer Wegverlegung der Mission von Moskau den Vorwurf machen können, daß ich mich bei einem Entschluß von politischer Tragweite durch Gründe meiner persönlichen Sicherheit hätte beeinflussen lassen. Allein schon dieser Gedanke hatte mich bestimmt, dem Drängen meiner Mitarbeiter, sowohl der Offiziere wie auch der Zivilbeamten, ebenso den gutgemeinten Ratschlägen anderer Personen, wie meines mit den Moskauer Verhältnissen gut vertrauten bulgarischen Kollegen Tschapratschikoff, zu widerstehen, obwohl die Dinge, wie sich aus folgender Tagesübersicht ergibt, sich stark zugespitzt hatten.
Am Montag, 29. Juli, dem Tag nach meiner Ankunft in Moskau, beschloß das Zentralkomitee der Linken Sozialrevolutionäre in öffentlicher Versammlung eine Resolution, die die Ermordung des Grafen Mirbach billigte und zur Nachahmung aufforderte; die Resolution wurde am folgenden Tage in dem Moskauer Organ der Linken Sozialrevolutionäre, der „Znamja Borby“, veröffentlicht.
Am Mittwoch, 31. Juli, erhielt ich am frühen Morgen die Nachricht von der Ermordung des Generalfeldmarschalls von Eichhorn in Kiew mit dem Zusatz, daß der unmittelbar nach der Tat festgenommene Mörder angebe, von dem Moskauer Komitee der Linken Sozialrevolutionäre zu der Tat bestimmt worden zu sein.
Ich besuchte am Mittwoch nachmittag Herrn Tschitscherin, um ihn auf den unerhörten Beschluß der Linken Sozialrevolutionäre aufmerksam zu machen sowie um ihm von der Aussage des Mörders Eichhorns Kenntnis zu geben und ihm die notwendigen Konsequenzen anheimzustellen. Herr Tschitscherin sprach zunächst formell sein Bedauern über den Tod des Generalfeldmarschalls aus. Im übrigen hatte er nur ein Achselzucken: Rußland sei ein revolutionärer Staat mit Preß- und Versammlungsfreiheit; er habe keine Mittel, um gegen Resolutionen der Linken Sozialrevolutionäre einzuschreiten. Er konnte sich dabei nicht die Bemerkung versagen, es habe dem Generalfeldmarschall von Eichhorn nichts genützt, daß in Kiew eine große deutsche Garnison stehe; ich könne daraus entnehmen, was das von uns ursprünglich verlangte Bataillon für Moskau bedeute.