Am Vormittag des gleichen Tages hatte ich meinen türkischen Kollegen Ghalib Kemal Bey besucht und ihm zugesagt, daß ich den Abend bei ihm in einem kleineren Kreise verbringen werde. Wir hatten auf seinen Vorschlag verabredet, die Tatsache, daß ich zu ihm kommen würde, geheimzuhalten. Kurz vor der verabredeten Zeit erhielt ich von einer russischen Seite die Mitteilung, es sei bekannt, daß ich zur türkischen Gesandtschaft fahren wolle; unterwegs werde ein Anschlag auf mich verübt werden. Die Herren meiner Umgebung baten mich dringend, die Warnung ernst zu nehmen. Ich fügte mich widerstrebend und blieb zu Hause. Gleich nach elf Uhr knallten Gewehrschüsse und wurde Alarm geschlagen. Es war ein Überfall auf den Lettenposten am Garteneingang unseres Gebäudes versucht worden. Etwa eine Stunde später wurde aus der gleichen Ursache nochmals alarmiert.

In den nächsten Tagen häuften sich die Mitteilungen, daß ein Anschlag auf mich persönlich und auf das Gebäude der deutschen Vertretung geplant sei. Die Sowjetregierung verstärkte nicht nur ihre Wachen — allerdings durch zweifelhafte Rotgardisten, da die Lettenregimenter nach der Front abgezogen wurden —, sondern entzog mir auch mit peinlicher Sorgfalt jede Veranlassung, dienstlich meinen Bau zu verlassen. Herr Tschitscherin besuchte mich, sooft ein Anlaß zu einer Besprechung vorlag, statt — wie es der Übung entspricht — meinen Besuch zu erwarten oder zu erbitten. Als ich ihm vorstellte, daß mir dies nicht konveniere, entgegnete er: „Ich denke, Sie sind gewarnt worden.“ Die Überreichung meines Beglaubigungsschreibens an den Vorsitzenden des Vollzugsausschusses der Sowjets, Swerdloff, sollte nach der bei meinem ersten Besuch getroffenen Verabredung im Kreml in Gegenwart der sämtlichen Volksbeauftragten stattfinden. Die Zeremonie wurde schließlich auf Montag, 5. August, verschoben; im letzten Augenblick jedoch ließ mich Herr Tschitscherin bitten, mich mit der Überreichung noch weiter zu gedulden. Die Sowjetregierung getraue sich nicht, die Verantwortung zu übernehmen, daß ich von meiner Wohnung nach dem Kreml führe!

Die Lage fing an, unwürdig und unmöglich zu werden.

Sie wurde verschärft dadurch, daß die „Znamja Borby“ ungehindert die Ermordung des Feldmarschalls von Eichhorn in fetten Lettern als eine Großtat der Moskauer Linken Sozialrevolutionäre feiern konnte. Ich remonstrierte bei Herrn Tschitscherin gegen diesen Zustand auf das nachdrücklichste. Ich tat dies auf meine eigene Initiative und Verantwortung; denn von Berlin erhielt ich trotz meiner Berichte keinerlei Auftrag, wegen der auf Moskau zurückweisenden Bluttat und ihrer offenen Glorifikation irgendwelche Schritte zu unternehmen. Die Ermordung eines österreichischen Erzherzogs hatte die Veranlassung zu dem Krieg gegeben. Der Ermordung eines deutschen Feldmarschalls durften sich jetzt die Täter ungestraft rühmen!

Wenn ich jetzt nach Berlin berufen wurde, so vermochte ich nicht den von allen meinen Beratern als notwendig erachteten Entschluß der Verlegung unserer diplomatischen Vertretung meinem Vertreter zu überlassen. Ich wäre mir vor mir selbst als Feigling erschienen, wenn ich die Verantwortung für diesen Entschluß nicht auf mich selbst genommen hätte, gerade weil für mich persönlich jetzt mit meiner Abreise das Moment der persönlichen Sicherheit wegfiel. Ich habe später in Berlin mit einigem Erstaunen den Vorwurf gehört: „Nachdem Sie nach Berlin gerufen waren, hätten Sie die Sache doch ruhig in Schwebe lassen können.“ Ich habe darauf geantwortet, daß ich nicht gewohnt sei, nach dem Vers zu handeln: „Wär' ich mit guter Art davon, könnt' Euch der Teufel holen.“

Ich betrachtete es allerdings nicht nur als meine Pflicht, entsprechend der mir vom Auswärtigen Amt ausdrücklich erteilten Weisung für die Sicherheit meines Personals zu sorgen, sondern es kam mir auch darauf an, unserer Regierung für alle etwa von ihr zu fassenden Entschlüsse dadurch freie Hand zu schaffen, daß ich die zahlreichen bei unserer Vertretung beschäftigten Personen aus der Moskauer Mausefalle, in der sie einfach Geiseln der Bolschewiki waren und aus der es im Ernstfall kein Entrinnen gab, rechtzeitig entfernte.

Dagegen lag mir der mir später vielfach zugeschriebene Gedanke fern, einen „Staatsstreich“ zu machen und den Entschlüssen meiner Regierung durch die Schaffung der vollendeten Tatsache eines Bruches mit der Sowjetregierung vorzugreifen. Ich einigte mich deshalb mit Herrn Tschitscherin in aller Güte über die Verlegung der Mission nach Petersburg, die ich mit der offenkundigen Unhaltbarkeit der Situation des deutschen Vertreters in Moskau begründete; auch wies ich auf die Tatsache hin, daß die sämtlichen Botschafter und Gesandten der neutralen Mächte nach wie vor ihren Sitz in Petersburg hätten. Ich verständigte mich ferner mit ihm über die zur Erleichterung des Geschäftsverkehrs zwischen Petersburg und Moskau zu treffenden Maßnahmen und Einrichtungen. Herr Tschitscherin nahm meine Eröffnung ohne Überraschung auf und äußerte nur einigen Zweifel, ob die Sicherheitsverhältnisse in Petersburg besser seien als in Moskau. Darin mag er recht gehabt haben, soweit die Attentatsgefahr für einen Einzelnen in Betracht kam; dagegen war für die Gesamtheit des Personals die unmittelbare Nähe unserer Grenzposten an der auf eine Autostunde an Petersburg heranreichenden finnischen und estländischen Grenze gegenüber der sechshundert Kilometer langen Entfernung, die Moskau von der deutschen Militärgrenze trennte, eine entschiedene Erleichterung.

Ich reiste am Abend des 6. August von Moskau mit dem Kurierzug ab. Es war mir ein besonderer Wagen zur Verfügung gestellt und ein Kommando von Rotgardisten beigegeben worden.

Die Reise verlief nicht ganz programmgemäß. Am Nachmittag des 7. August hatte der Zug in Jarzewo, der Station vor Smolensk, einen langen Aufenthalt. Plötzlich machten sich Eisenbahnarbeiter daran, meinen Wagen, den Wagen der Bedeckungsmannschaft und den Kurierwagen, die als letzte dem langen Zug angehängt waren, abzukoppeln. Auf meine Anfrage erhielt ich vom Stationsvorstand die Antwort, es sei aus Smolensk der Befehl gekommen, diese Wagen zurückzuhalten. Als ich über die Gründe keine Auskunft erhielt, erhob ich Einspruch. Der Kommandant meiner Wache stellte sich auf meine Seite und erklärte, er werde das Abkoppeln der Wagen mit Gewalt verhindern. Nach längerem Parlamentieren und einer telegraphischen Anfrage in Moskau erhielt der Stationsvorstand ein Telegramm des Volkskommissars für Eisenbahnen, die Wagen seien abzukoppeln und nach Wiasma zurückzubringen; dort würden sie weitere Befehle zu erwarten haben. Ich bestand nun darauf, durch den Bahntelegraphen mit dem Volkskommissar für das Auswärtige in Verbindung gesetzt zu werden. Nach längerem Warten erschien der Stellvertreter Tschitscherins, Herr Karachan, am Telegraphen und teilte mir mit: der Befehl zur Zurückführung der Wagen sei im Einverständnis mit dem deutschen Geschäftsträger erteilt worden, da in Orscha, der Grenzstation, Militärunruhen ausgebrochen seien, die eine Weiterfahrt gefährlich erscheinen ließen; in Wiasma werde mich Radek erwarten, mit dem ich das Weitere besprechen könne.