In der Tat hatte die russische Garnison von Orscha, die Befehl zum Abmarsch nach der Tschecho-Slowaken-Front erhalten hatte, gemeutert, die bolschewistischen Behörden teils erschossen, teils verjagt, eine sozialrevolutionäre Republik erklärt und den deutschen Grenztruppen mitgeteilt, sie betrachte sich als mit Deutschland im Kriegszustand befindlich. Die Sowjetregierung sandte sofort Truppen aus Smolensk und Witebsk, um die Ordnung wiederherzustellen. Über die weitere Entwicklung der Dinge lagen angeblich Nachrichten noch nicht vor. Ich verlangte von Herrn Radek, gleichwohl nach Orscha gebracht zu werden. Bei unserer Ankunft hatten sich die meuternden Truppen aus der Stadt zurückgezogen und auf einer benachbarten Höhe eingegraben. Auf der deutschen Seite hatte man sich über mein Verbleiben beunruhigt und bereits Vorkehrungen getroffen, um mich nötigenfalls herauszuhauen.

Als ich am Morgen des 10. August in Berlin eintraf, erfuhr ich zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, ohne meine Ankunft abzuwarten, die Weiterverlegung unserer Vertretung von Petersburg nach dem hinter der deutschen Militärgrenze liegenden und von unseren Truppen besetzten Pleskau angeordnet hatte, da nach seiner Ansicht auch Petersburg keine Gewähr für größere Sicherheit als Moskau biete. Auf meine Meldung ließ mir der Staatssekretär sagen, daß er mich, da er unwohl sei, erst am nächsten Nachmittag um fünf Uhr empfangen könne. Im Amt erfuhr ich, daß der Staatssekretär beabsichtigte, am nächsten Abend nach Spa zum Vortrag beim Kaiser und Reichskanzler zu reisen. Ich teilte daraufhin dem Staatssekretär mit, daß ich mich gleichfalls nach Spa begeben würde.

Ich erfuhr ferner, daß die Zusatzverträge fertiggestellt seien und daß Herr Kriege beabsichtige, sie im Laufe des Nachmittags mit Herrn Joffe zu paraphieren. Der Weggang der deutschen Vertretung von Moskau hatte offenbar die russische Delegation stark beunruhigt und sie bestimmt, alles zu tun, um durch das sofortige Zustandekommen der Zusatzverträge den anscheinend wankenden Rückhalt bei der deutschen Regierung neu zu befestigen. Herr Joffe übernahm es, alsbald nach der Paraphierung mit den Verträgen nach Moskau zu reisen, um dort ihre sofortige und unveränderte Annahme durchzusetzen. Auch der Sowjetregierung in Moskau, die ursprünglich den Weggang der deutschen Vertretung von Moskau ruhig aufgenommen hatte, kamen die ernstlichsten Sorgen wegen der Aufrechterhaltung der damals für sie unentbehrlichen Rückendeckung durch die deutsche Politik. Sie entschloß sich, Herrn Radek in besonderer Mission nach Berlin zu entsenden, um jedes etwa mögliche Mißverständnis zu beseitigen. Nachdem jedoch Herr Radek auf der Fahrt nach Berlin in Orscha mit Herrn Joffe zusammengetroffen war, der mit den paraphierten Zusatzverträgen in der Tasche seine Besorgnisse ohne weiteres zerstreuen konnte, brauchte sich Herr Radek nicht weiter zu bemühen und konnte mit Herrn Joffe nach Moskau zurückreisen. Mein Einspruch gegen die Paraphierung, ehe ich Gelegenheit gehabt hätte, meinen Standpunkt zu vertreten, war vergeblich gewesen. Die Verträge waren in der Tat am Abend des 10. August paraphiert worden.

Meine Unterhaltung mit Herrn von Hintze am nächsten Nachmittag war gleichfalls ergebnislos. Der Staatssekretär blieb auf seinem Standpunkt, daß die Zusatzverträge unter allen Umständen zustandekommen und daß wir uns mit den Bolschewiki verhalten müßten. Dieses „Verhalten mit den Bolschewiki“ ging so weit, daß das Auswärtige Amt Berichte deutscher Korrespondenten über die Zustände in Rußland und über das wahre Gesicht des Bolschewismus unterdrückte.

Ebensowenig gelang es mir, im Großen Hauptquartier meinen Standpunkt durchzusetzen, obwohl der General Ludendorff erklärte, er nehme an dem Zustandekommen der Zusatzverträge und insbesondere auch an der Abtrennung Estlands und Livlands nach der Entwicklung der Gesamtlage kein Interesse mehr. Der Kanzler behielt sich formell seine Entscheidung vor bis zu seiner für den 26. August in Aussicht genommenen Rückkehr nach Berlin. Ich ließ keinen Zweifel daran, daß ich bei der — kaum mehr zweifelhaften — Entscheidung gegen mich meinen Abschied nehmen würde. Den Kaiser bat ich, eine schriftliche Darlegung meiner Gesichtspunkte geben zu dürfen. Ich sandte diese Denkschrift am 20. August an den Kanzler mit der Bitte um Weitergabe an Seine Majestät, habe aber Grund zu der Annahme, daß die Denkschrift dem Kaiser niemals vorgelegt worden ist.

Der Kanzler kam erst am 29. August nach Berlin zurück. Am Tage vorher waren die am 10. August paraphierten Verträge unterschrieben worden. Ich übergab dem Kanzler am 30. August mein eingehend begründetes Abschiedsgesuch. In diesem hob ich noch einmal die Gefahren hervor, die ich in wichtigen Punkten der entgegen meinem dringenden Abraten unterzeichneten Zusatzverträge für die Gestaltung unseres künftigen Verhältnisses zu Rußland und für unser eigenes Bündnissystem erblicken müsse. Ich begründete ferner die Unmöglichkeit eines gedeihlichen, uns tatsächliche Entlastung und Erleichterung verschaffenden Zusammengehens mit der Bolschewikiherrschaft und fügte hinzu:

„Ich sehe die Rückschläge kommen, nicht nur in außenpolitischer Beziehung, sondern auch innerpolitisch. Die systematisch-schönfärberischen Darstellungen des in seinen Ausschreitungen kaum von den Jakobinern übertroffenen Bolschewistenregimes in der deutschen Presse, die ostensible Behandlung dieses Regimes auf gleichem Fuße, die Solidarisierung oder mindestens der Anschein der Solidarisierung mit diesem Regime bis zur Duldung der laxen Verfolgung, richtiger Nichtverfolgung der an der Ermordung des Grafen Mirbach und des Feldmarschalls von Eichhorn beteiligten Personen und Gruppen, — das alles kann auf die deutsche Volksseele und unsere eigenen innerpolitischen Verhältnisse nicht ohne gefährlichen Einfluß bleiben.“

Die Genehmigung meines am 30. August eingereichten Entlassungsgesuchs wurde mir erst am 22. September zugestellt. Aus bestimmten Andeutungen hatte ich den Eindruck, daß man es für zweckmäßig hielt, mich solange wie möglich unter dem Druck des „Arnim-Paragraphen“ zu halten, um mir eine öffentliche Bekämpfung der von mir für verhängnisvoll gehaltenen Regierungspolitik unmöglich zu machen. Meinem Wunsch, daß bei der Veröffentlichung meiner Verabschiedung offen die unüberbrückbare Meinungsverschiedenheit über die Fragen unserer Ostpolitik als Grund angegeben werden möchte, wurde nicht entsprochen.

Gleichzeitig wurden vom Auswärtigen Amt den führenden Reichstagsabgeordneten und der Presse Informationen über die Vorgänge in Moskau erteilt, die geeignet waren, mein Verhalten in ein falsches Licht zu setzen. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes äußerte in einer Besprechung mit Journalisten unter anderem, ich hätte ihn zum „Verrat“ an der Bolschewikiregierung anstiften wollen! In einer Anzahl von Zeitungen, die sich offen auf Mitteilungen der zuständigen Stelle beriefen, wurde mir vorgeworfen, ich hätte aus Gründen meiner persönlichen Sicherheit den Moskauer „Schützengraben“ verlassen. Das Stichwort wurde von Blättern, die mir von meiner früheren Tätigkeit her ihr Wohlwollen bewahrt hatten, mit Behagen aufgenommen.

Die persönlichen Angriffe berührten mich nicht; ich war abgebrüht. Aber ich litt auf das schwerste unter dem Verhängnis, das ich kommen sah und das ich mit allen meinen Warnungen nicht abwenden konnte.