Das alles erzeugte den verhängnisvollen Wahn, daß wir uns nur zur deutschen „Schuld“ zu bekennen, die Hand gegen die „Schuldigen“ zu erheben und die Waffen niederzulegen brauchten, um unsere Feinde zu versöhnen und einen gerechten Frieden herbeizuführen.

Die feindlichen Staatsmänner und die feindliche Presse wußten diesen Wahn vortrefflich zu nähren und zu züchten. Vor allem waren die Worte des Präsidenten Wilson raffiniert darauf berechnet, das deutsche Volk gegen seine „Machthaber“ aufzureizen und ihm den Frieden der Völkerversöhnung zu verheißen, wenn es sich nur seiner „militärischen Herren und monarchischen Autokraten“ entledigen, seine Waffen niederlegen und seine Sache vertrauensvoll dem hohen Gerechtigkeitssinn seiner Feinde übergeben wollte. Es verschlug nichts, daß die Taten mit diesen gleißenden Worten nicht im Einklang standen; es verschlug nichts, daß seit unserem Ersuchen um Waffenstillstand vom 5. Oktober Woche auf Woche verging, ohne daß unsere Feinde sich beeilten, dem sinnlos gewordenen Morden ein Ende zu machen; es verschlug nichts, daß jene edlen Menschenfreunde das deutsche Heer, dessen kampfloser Rückzug hinter die Reichsgrenze ihnen angeboten war, Stunde für Stunde mit einem unaufhörlich niederprasselnden Hagel von Geschossen aller Kaliber überschütteten, daß sie Woche auf Woche durch hinhaltende Rückfragen den Zeitpunkt hinausschoben, der den verderbenspeienden Feuerschlünden Einhalt gebieten sollte. Unser Volk war in seinen blind gewordenen Massen auch durch diesen handgreiflichen Beweis des Kriegs- und Vernichtungswillens unserer Feinde nicht mehr zu belehren. Im Gegenteil, statt daß jenes Hinauszögern von Waffenstillstand und Friedensverhandlungen und die offenbar absichtliche Verlängerung des Menschenmordens unserem Volk die Augen über die wahre Gesinnung und die wahren Pläne unserer Feinde geöffnet hätte, vollendete der über Heimat und Heer verhängte Druck der Ungewißheit im Verein mit der hilflosen und jammervollen Haltung unserer „Volksregierung“ gegenüber den uns von Herrn Wilson mit jeder seiner Noten angesonnenen Demütigungen das Werk der Zermürbung und des Zusammenbruchs.

Der Kaiser, der alsbald nach der Verabschiedung des Grafen Hertling zur Beratung des Weiteren in Berlin eingetroffen war, hatte gegenüber dem stürmischen Verlangen der Mehrheitsparteien und ihrer Regierung nach Änderungen der Verfassung, die den größten und wichtigsten Teil der Kronrechte auf die Volksvertretung übertrugen und das Deutsche Reich aus einem konstitutionell-monarchischen Staate zu einer radikal-demokratischen Schattenmonarchie machten, keinerlei Widerstand geleistet. Er hatte die Verfassungsänderungen nicht nur hingenommen und gebilligt, er war auch — niemand zweifelte daran — gewillt und entschlossen, sie loyal durchzuführen und sich ehrlich und aufrichtig dem neuen Zustand anzupassen. Bei der Vollziehung der Reformgesetze am 28. Oktober richtete er an den Prinzen Max einen Erlaß, in dem er dies zum Ausdruck brachte. In diesem Erlaß sagte er:

„Vorbereitet durch eine Reihe von Regierungsakten tritt jetzt eine neue Ordnung in Kraft, welche grundlegende Rechte von der Person des Kaisers auf das Volk überträgt. Damit wird eine Periode abgeschlossen, die vor den Augen künftiger Geschlechter in Ehren bestehen wird. Trotz aller Kämpfe zwischen überkommenen Gewalten und emporstrebenden Kräften hat sie unserem Volke jene gewaltige Entwicklung ermöglicht, die sich in den wunderbaren Leistungen dieses Krieges unvergänglich offenbart. In den furchtbaren Stürmen der vier Kriegsjahre aber sind alte Formen zerbrochen, nicht um Trümmer zu hinterlassen, sondern um neuen Lebensgestaltungen Platz zu machen. Nach dem Vollbringen dieser Zeit hat das deutsche Volk den Anspruch, daß ihm kein Recht vorenthalten wird, das ihm eine freie und glückliche Zukunft verbürgt. Dieser Überzeugung verdanken die jetzt vom Reichstag angenommenen und erweiterten Vorlagen der verbündeten Regierungen ihre Entstehung. Ich aber trete diesen Beschlüssen der Volksvertretung mit meinen hohen Verbündeten bei, in dem festen Willen, was an mir liegt, an ihrer vollen Auswirkung mitzuarbeiten, überzeugt, daß ich damit dem Wohle des deutschen Volkes diene. Das Kaiseramt ist Dienst am Volke.“

Dieser am 28. Oktober vom Kaiser unterzeichnete Erlaß ist aus Gründen, die noch der Aufklärung bedürfen, erst fünf Tage später, am 2. November, veröffentlicht worden, in einem Zeitpunkt, zu dem sich der Kaiser wieder in das Große Hauptquartier begeben hatte und zu dem im Anschluß an die nicht mehr verhüllten Ausführungen der Wilsonschen Note vom 23. Oktober die Frage der Abdankung des Kaisers unter Duldung der Reichsregierung bereits zum Gegenstand einer heftigen Erörterung in voller Öffentlichkeit geworden war. Die Abdankung des Kaisers und der Thronverzicht des Kronprinzen wurden mit der Begründung verlangt, daß durch einen solchen Schritt die dem deutschen Volke drohenden Friedensbedingungen erleichtert werden würden. Die Frage der Staatsform wurde geflissentlich beiseitegelassen; ja die Befürworter der Abdankung des Kaisers behaupteten, daß allein die Erfüllung ihrer Forderung die Dynastie der Hohenzollern und die Monarchie retten könne.

Es waren nicht einmal die Sozialdemokraten gewesen, die mit der öffentlichen Behandlung der Kaiserfrage vorangegangen waren, sondern demokratische Blätter, wie die „Frankfurter Zeitung“ und das „Berliner Tageblatt“. Die Mehrheitssozialisten scheinen sogar anfänglich geschwankt zu haben, ob eine Abdankung des Kaisers unter den obwaltenden Verhältnissen erwünscht und nützlich sei. Erst nachdem bürgerlich-demokratische Blätter und bürgerlich-demokratische Versammlungen — so am 31. Oktober in München — laut und ungestraft nach der Abdankung des Kaisers und des Kronprinzen gerufen hatten, scheint der Sozialdemokratie voll zum Bewußtsein gekommen zu sein, was sie jetzt wagen könne. Sie übernahm nun in dieser neuen Umsturzbewegung die Führung. Herr Scheidemann brachte die Abdankungsfrage vor das Kriegskabinett.

Ehe noch das Kriegskabinett zu einem Entschluß kam, vollzogen sich in der Flotte die Ereignisse, die zur offenen Revolution führten.

In den letzten Oktobertagen sollte die Hochseeflotte auslaufen, um die durch die Einstellung des U-Bootkriegs gegen Handelsschiffe für rein militärische Zwecke freigewordene Tauchbootflotte bei einer Aktion gegen die britische Kriegsflotte zu unterstützen. Auf einem Teil der Schiffe verweigerten die durch die revolutionäre Propaganda aufgewiegelten Mannschaften die Ausfahrt. Es war die Ausführung des Programms, das schon dem Komplott vom Sommer 1917 zugrundegelegen hatte. Der Versuch, gegen die meuternden Mannschaften vorzugehen, führte zu dem Aufruhr in Kiel, der alsbald auch auf andere Seestädte, vor allem auf Hamburg und Bremen, übersprang. Nach russischem Muster wurden Soldaten- und Arbeiterräte gebildet, die sich der politischen Gewalt bemächtigten. Auch die in jenen Städten garnisonierenden Landtruppen erwiesen sich als unzuverlässig. Die Regierung verlegte sich gegenüber den Meuterern und Aufständischen auf das Verhandeln; sie wählte damit den sichersten Weg, um aus Revolten die Revolution entstehen zu lassen.

Am 7. November kam es in München zum gewaltsamen Umsturz. Soldaten-, Arbeiter- und Bauernräte proklamierten die Absetzung des Königs und die Errichtung einer demokratisch-sozialistischen Republik. Auch aus anderen Städten des Reiches kamen Nachrichten von Tumulten und Revolten.

Berlin selbst war verhältnismäßig ruhig. Der Oberstkommandierende in den Marken suchte die Bewegung durch seine Maßnahmen — Verbot der für den 7. November von den Unabhängigen Sozialdemokraten angekündigten Massenversammlung und Verbot der Bildung von Arbeiterräten — im Keim zu ersticken. Die Zivilregierung, der er seit Inkraftsetzung der neuen Ordnung unterstellt war, desavouierte ihn jedoch.