Die Parteileitung der Mehrheitssozialisten fürchtete jetzt offenbar, den Anschluß an die Revolution zu versäumen. Sie beauftragte am 7. November den Staatssekretär Scheidemann, im Kriegskabinett zu fordern, daß die Versammlungsverbote aufgehoben und daß Polizei und Militär zur äußersten Zurückhaltung angehalten würden; ferner verlangte sie die sofortige Umbildung der preußischen Regierung im Sinne der Reichstagsmehrheit, die Verstärkung des sozialdemokratischen Einflusses in der Reichsregierung und die Abdankung des Kaisers sowie den Thronverzicht des Kronprinzen bis zum nächsten Mittag. Dieses Ultimatum, bei dessen Nichterfüllung die Mehrheitssozialisten mit ihrem „Austritt aus der Regierung“, d. h. ihrem Übergang zur Revolution drohten, wurde am folgenden Tage verlängert, und zwar bis zum Abschluß des Waffenstillstandes, dessen Unterzeichnung für die nächsten Tage erwartet wurde und dessen Zustandekommen die Sozialdemokraten durch ihren Austritt aus der Regierung zu gefährden fürchteten.

Ein Zufall ließ mich dem Staatssekretär Scheidemann am Abend des 8. November im Vestibül des Reichskanzlerhauses begegnen. In sichtlicher Erregung sagte er mir: „Wenn nur der Kaiser endlich einen Entschluß faßt und abdankt — heute noch! Sonst kann ich keine Garantie übernehmen.“ Auf meine Frage: „Und wenn der Kaiser abdankt, welche Garantie können Sie dann übernehmen?“ — war ein Achselzucken die einzige Antwort.

Der nächste Tag brachte die Revolution in Berlin.

Als am Vormittag des 9. November die Nachricht an das unter dem Vorsitz des Prinzen Max im Reichskanzlerhaus versammelte Kriegskabinett gelangte, daß sich demonstrierende Arbeiterzüge nach dem Innern der Stadt bewegten und daß ein Teil der in Berlin garnisonierenden Truppen, vorwiegend Ersatzbataillone, sich der revolutionären Bewegung angeschlossen habe, da ließ der Reichskanzler Prinz Max von Baden die Abdankung des Kaisers und Königs und den Thronverzicht des Kronprinzen öffentlich bekanntmachen, obwohl die Verhandlungen mit dem Kaiser über seine Abdankung noch nicht abgeschlossen waren und eine Abdankungserklärung noch nicht vorlag, und obwohl mit dem Kronprinzen wegen eines Thronverzichtes überhaupt noch nicht Fühlung genommen worden war. Gleichzeitig faßte das Kriegskabinett, wie mir von einem seiner Mitglieder am Nachmittag mitgeteilt worden ist, den später angezweifelten Beschluß, daß den Demonstranten und Aufrührern kein bewaffneter Widerstand entgegengesetzt werden dürfe. Schon vorher hatte der Oberstkommandierende in den Marken aus eigener Initiative einen ähnlichen Befehl ausgegeben.

So kapitulierten die bürgerlichen und militärischen Behörden kampflos, ja ohne jeden Versuch eines Widerstandes.

Prinz Max hatte noch in seiner Bekanntmachung über die angebliche Verzichtleistung des Kaisers und des Kronprinzen erklärt, er werde als Reichskanzler so lange im Amte bleiben, bis die mit dieser Verzichtleistung und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt seien; er beabsichtige, dem Regenten die Ernennung des Abgeordneten Ebert zum Reichskanzler und die Vorlage eines Gesetzentwurfs wegen der sofortigen Ausschreibung allgemeiner Wahlen für eine verfassunggebende deutsche Nationalversammlung vorzuschlagen, der es obliegen würde, die künftige Staatsform des Deutschen Reiches endgültig festzustellen. Der Vizekanzler von Payer, den ich am Nachmittag besuchte, sprach sich mir gegenüber dahin aus, daß eine Änderung der Reichsverfassung nicht beabsichtigt sei und nur die Ernennung eines Regenten und die Bildung eines neuen Reichskabinetts unter sozialdemokratischer Führung in Frage komme; es sei nur noch die Frage offen, ob in dem neuen Kabinett auch die Unabhängigen Sozialdemokraten vertreten sein würden, die ihren Eintritt von der Bedingung abhängig zu machen schienen, daß die Regierung unter Ausschluß aller bürgerlichen Elemente lediglich aus Sozialdemokraten zusammengesetzt werden solle.

Inzwischen aber hatte Herr Scheidemann um zwei Uhr nachmittags von der großen Freitreppe des Reichstags herab die Republik proklamiert. Prinz Max hatte die Wahrnehmung der Geschäfte des Reichskanzlers, ohne die Einsetzung der am Vormittag von ihm angekündigten Regentschaft zu betreiben, dem Abgeordneten Ebert übertragen und schickte sich an, Berlin zu verlassen, um sich nach seiner badischen Heimat zu begeben. Die beiden sozialdemokratischen Gruppen einigten sich und bildeten für die Regierung des Reiches einen „Rat der Volksbeauftragten“, der aus je drei Mehrheitssozialisten und Unabhängigen zusammengesetzt wurde.

Der „Sieg der Revolution“ wurde durch den offiziellen Telegraphen alsbald der Welt mitgeteilt; vor allem dem deutschen Heer in der Heimat, in den Etappen und an der Front, und zwar mit der Aufforderung, sofort überall Soldatenräte zu bilden. Während die Fronttruppen in ihrer überwiegenden Mehrzahl den Nachrichten aus der Heimat verständnislos gegenüberstanden und sich gegenüber der Aufforderung zur Zertrümmerung der militärischen Organisation und Disziplin ablehnend verhielten, gingen die in den Etappen stehenden, durch die sozialistische und bolschewistische Agitation zersetzten Verbände alsbald mit fliegenden Fahnen zur Revolution über. Was in jenen Tagen in den besetzten Gebieten des Ostens und Westens angesichts von Polen, Belgiern und Franzosen an Kopflosigkeit, an Feigheit, an nationaler Gesinnungs- und Würdelosigkeit geleistet worden ist, wird für alle Zeiten ein Schandfleck auf dem deutschen Namen sein.