Zunächst wurde von österreichischer Seite die Ernennung des Erzherzogs Karl Stephan zum Regenten und späterhin zum König von Polen eifrig propagiert.
Über diesen Gedanken wurde in den ersten Apriltagen 1917 im deutschen Hauptquartier zwischen den beiden Kaisern eine Unterhaltung geführt. Nach Wien zurückgekehrt, suchte Kaiser Karl auf dem Wege telegraphischer Korrespondenz den Kaiser Wilhelm auf die alsbaldige Ernennung des Erzherzogs zum Regenten und seine Designation zum König von Polen festzulegen. Kaiser Wilhelm wiegelte jedoch ab mit dem Hinweis, daß nach seiner Ansicht jeder weitere Schritt vermieden werden müsse, der eine Verständigung mit dem neuen Rußland erschweren könne.
Späterhin wurde von österreichischer Seite die sogenannte „austro-polnische Lösung“ angeregt, nach der das neue aus Russisch-Polen und Galizien bestehende Königreich zum mindesten durch Personalunion mit der österreichisch-ungarischen Monarchie verbunden werden sollte; nachdem die österreichische Regierung das Gefühl gewonnen hatte, daß die deutsche Regierung diesen Gedanken nicht a limine abweisen würde, ging sie weiter und verlangte auch die wirtschaftliche, insbesondere die zollpolitische Angliederung Polens an die österreichisch-ungarische Monarchie. Die großen deutschen Interessen, die in der polnischen Frage auf dem Spiel standen, konnten bei aller Geneigtheit, dem Bundesgenossen in einer so tief in seine staatlichen Verhältnisse einschneidenden Frage Verständnis und Entgegenkommen zu zeigen, nicht mit einer leichten Handbewegung zur Seite geschoben werden.
Österreich suchte seinen Wünschen den Boden zu bereiten vor allem durch eine eifrige Unterstützung der polnischen Forderungen auf einen beschleunigten Ausbau des polnischen Staatswesens.
Wir hatten klüglich das entgegengesetzte Interesse. Nicht nur, daß wir uns die Möglichkeit einer Verständigung mit Rußland über Polen auch jetzt noch offenhalten mußten — wir durften auch nicht übersehen, daß Polen, das für Österreich abseits seiner Etappenstraßen lag, für uns Etappengebiet war, das, solange der Krieg mit Rußland dauerte, im Interesse des Zentrums unserer Ostfront unter allen Umständen fest in unserer Hand bleiben mußte; wir durften ebensowenig übersehen, daß die Gesinnung der Polen gegenüber ihren deutschen „Befreiern“ auch nach der Zwei-Kaiser-Proklamation keineswegs eine solche war, daß wir unser Haupt ruhig in ihren Schoß legen konnten. Die Werbung des Generals von Beseler war mehr als kläglich gescheitert; die große Masse der polnischen Bevölkerung sah in uns nach wie vor den Feind.
Trotzdem fand das polnische und österreichische Drängen auf einen beschleunigten Ausbau des polnischen Staates im deutschen Reichstag eifrige Befürworter. Im August 1917, in einem Augenblick, in dem der polnische Staatsrat sich demonstrativ aufgelöst hatte, weil die zu mehr als drei Vierteln aus österreichischen Staatsangehörigen bestehende „Polnische Legion“ Befehl zum Abmarsch an die russische Front erhalten hatte, brachten Zentrum, Freisinnige und Sozialdemokraten im Hauptausschuß des Reichstags einen Antrag ein, der u. a. die sofortige Schaffung eines polnischen Ministeriums und die unverzügliche Umwandlung des Staatsrates in eine Volksvertretung verlangte. Einer der Herren Antragsteller verlangte in seiner Begründung sogar die Übertragung der Polizei an die Polen; ein anderer, der heute ein hohes Staatsamt bekleidet, hatte sogar die Naivität, uns vorzuhalten, ein hervorragendes Mitglied des polnischen Staatsrates habe ihm gesagt, Graf Czernin habe erklärt, die Wiener Regierung sei zur Erfüllung der polnischen Wünsche bereit, wenn nur die deutsche Regierung nicht Widerstand leiste — das alles noch dazu in Gegenwart der führenden Mitglieder der polnischen Fraktion des Reichstages!
Eine Einigung zwischen Berlin und Wien über die polnische Frage wurde auch späterhin nicht erzielt. Die Meinungsverschiedenheiten erfuhren vielmehr in der kritischen Zeit des Krieges, wie ich weiter unten darstellen werde, eine erneute Zuspitzung.
Die Bestrebungen auf wirtschaftliche Annäherung zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn
Während die unselige polnische Frage eine Quelle von Reibungen und Verstimmungen zwischen den beiden Verbündeten war, schienen die Bestrebungen nach einem wirtschaftlichen Zusammenschluß ein neues und starkes Band um Deutschland und Österreich schlingen zu wollen. Das Naumannsche Buch über Mitteleuropa fand nicht nur in Deutschland, sondern wohl noch mehr in Österreich eine begeisterte Leserschaft. Als Naumann in Wien in einer großen Versammlung persönlich seine Gedanken entwickelte, wurde er von den Zuhörern wie der Künder einer neuen Zeit gefeiert.