Der alte Kaiser Franz Joseph hat mir damals, im Februar 1916, über das Wirtschaftsbündnis ein nachdenkliches Wort gesagt: „Es wird über die Sache zu viel geredet, und das ist schade.“ Das war in der Tat schade; denn die großen Schwierigkeiten, die in der Sache lagen, konnten mit den Mitteln der Beredsamkeit nicht überwunden, wohl aber gelegentlich noch vergrößert werden.

Diese Schwierigkeiten erhellten schon aus der Tatsache, daß von dem gesamten Außenhandel Deutschlands nur etwa 9 Prozent auf den Handel mit Österreich-Ungarn kamen, von dem österreichisch-ungarischen Außenhandel dagegen nicht weniger als 42 Prozent auf den Handel mit Deutschland. Eine handelspolitische Einigung zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn ließ also für Deutschland die Sorge für neun Zehntel seines Außenhandels offen, für Österreich-Ungarn dagegen nur für zwei Fünftel. Für Deutschland war infolgedessen eine Einigung auf Grundlagen, die seine Handelsbeziehungen mit den übrigen Ländern erschweren mußten, also vor allem eine Einigung auf Grund eines Systems von Vorzugszöllen, schlechthin unannehmbar, während die österreichischen und ungarischen Anhänger des Gedankens der wirtschaftlichen Annäherung gerade auf ein System gegenseitiger Vorzugszölle hinarbeiteten.

Mein eigener Gedanke, den ich den österreichisch-ungarischen Präferenzideen gegenüberstellte, kam hinaus auf die Schaffung einer weitgehenden wirtschaftlichen Gemeinschaft zwischen den beiden Reichen, die nicht nur das Zollwesen, sondern auch das Niederlassungsrecht, das Handelsrecht (einschließlich des Rechtes der Handelsgesellschaften) und das Verkehrswesen (Eisenbahnen und Binnenwasserstraßen) umfassen sollte. Speziell auf dem Gebiet des Zollwesens erstrebte ich ein einheitliches Zolltarifgesetz mit einem einheitlichen Zolltarifschema und mit im großen ganzen einheitlichen Zollsätzen nach außen und wenigen Ausgleichszöllen im Innern. Den starken Widerstand der österreichischen und der mit künstlichen Mitteln großgezogenen ungarischen Industrie hoffte ich durch Maßnahmen auf dem Gebiete der Syndizierung und Kartellierung überwinden zu können. Es ist mir schließlich auch gelungen, den Grafen Tisza, der vorher dem Gedanken der wirtschaftlichen Annäherung durchaus ablehnend gegenübergestanden hatte, für Verhandlungen auf dieser Grundlage zu gewinnen.

Die Verhandlungen, bei denen die österreichischen und ungarischen Kommissare mit großer Hartnäckigkeit immer wieder auf das für uns schlechterdings unannehmbare Präferenzsystem zurückkamen, zogen sich lange über mein Ausscheiden aus meinen Ämtern hin und waren noch nicht abgeschlossen, als im Herbst 1918 die Katastrophe eintrat.

Die österreichisch-ungarischen Friedensbestrebungen

In diesem Nebeneinander von Interessengemeinschaften und Interessengegensätzen trat eines immer klarer zutage: die zunehmende Kriegsmüdigkeit unseres Verbündeten. Die Völker der österreichisch-ungarischen Monarchie litten infolge der laxeren Verwaltung und schlechteren Organisation noch stärker unter dem Druck des Krieges als das deutsche Volk. Ihre moralische Widerstandskraft gegenüber diesem Druck war geringer; denn für den Tschechen, Polen, Slowaken, Rumänen war der Krieg nicht, wie für das deutsche Volk, ein Kampf um das nationale Dasein. Dazu kam für die leitenden Kreise der Monarchie zweifellos das durch die Entwicklung des Krieges ausgelöste drückende Gefühl der Abhängigkeit von Deutschland. Der durch den U-Bootkrieg veranlaßte Eintritt Amerikas in den Kampf gegen die Mittelmächte, ferner die russische Revolution, die auf die österreichischen Slawen unmittelbarer einwirkte als auf die deutschen Massen, mußten die Kriegsmüdigkeit unseres Bundesgenossen noch steigern.

Gegen Ende März 1917 war Graf Czernin für zwei Tage in Berlin. Er sprach bei dieser Gelegenheit sehr offen aus, daß Österreich-Ungarn den Krieg nicht mehr lange werde fortsetzen können; ein weiterer Winterfeldzug sei jedenfalls eine Unmöglichkeit.

In den ersten Apriltagen kam Graf Czernin in Begleitung des Kaisers Karl und der Kaiserin Zita nach dem deutschen Hauptquartier, wohin sich auch der Kanzler und der Staatssekretär Zimmermann begaben. Kaiser Karl gab eine ähnliche Schilderung der Lage, wie sie Graf Czernin in Berlin gegeben hatte. Bestimmte Vorschläge machte er jedoch ebensowenig wie sein Minister des Äußern. Soweit ich unterrichtet bin, fiel nur in Form einer sondierenden Andeutung die Bemerkung: am besten wäre es, wenn wir Elsaß-Lothringen den Franzosen anböten, um auf diese Weise zum Frieden zu kommen; Österreich-Ungarn sei an sich bereit, ganz Galizien und auch das Trentino herzugeben, das habe aber keinen praktischen Zweck, denn der Friede könne nur im Westen gemacht werden. Die Kriegslage wurde bei uns, zumal da die russische Revolution uns die Befreiung von unserm großen östlichen Feinde in Aussicht stellte, in keiner Weise als derartig angesehen, daß die Preisgabe der Reichslande auch nur hätte in Erwägung gezogen werden können.

Am 14. April ließ Kaiser Karl durch einen persönlichen Adjutanten an Kaiser Wilhelm ein Handschreiben überbringen, dem ein Bericht des Grafen Czernin vom 12. April beigefügt war.

In diesem Berichte führte Graf Czernin im wesentlichen aus: