Die militärische Kraft der Monarchie gehe ihrem Ende entgegen. Die Rohmaterialien für die Munitionserzeugung gingen zur Neige. Dumpfe Verzweiflung habe sich aller Volksschichten bemächtigt. Im Spätsommer oder Herbst müsse um jeden Preis Schluß gemacht werden. Der Krieg, der in der Weltgeschichte ohne Vorbild sei, habe für ganz Europa die revolutionäre Gefahr heraufbeschworen. Auf die österreichischen Slawen wirke die russische Revolution stärker als auf die Reichsdeutschen; aber auch die innere Situation Deutschlands sei nicht wesentlich anders als diejenige Österreich-Ungarns. Eine weitere Winterkampagne werde auch in Deutschland Umwälzungen hervorrufen, die dem verantwortlichen Verteidiger des dynastischen Prinzips viel ärger erscheinen müßten als ein von den Monarchen geschlossener schlechter Friede. Die amerikanische Kriegserklärung habe die Situation zweifellos wesentlich verschärft. Der Fortgang der russischen Ereignisse lasse sich noch nicht übersehen. Eine französisch-englische, wahrscheinlich auch eine italienische Offensive ständen unmittelbar bevor. Wenn es gelungen sei, in etwa zwei bis drei Monaten diese Angriffe abzuschlagen, „dann müssen wir, bevor Amerika das militärische Bild neuerdings zu unseren Ungunsten verschiebt, einen weitergehenden detaillierten Friedensvorschlag machen und uns nicht davor scheuen, eventuell große und schwere Opfer zu bringen“. Die deutschen Hoffnungen auf den U-Bootkrieg halte er für trügerisch. Admiral von Holtzendorff habe vorausgesagt, der verschärfte U-Bootkrieg werde England binnen sechs Monaten mattsetzen. Es seien seither zweieinhalb Monate vergangen, und an einen Niederbruch Englands sei auch nicht einmal zu denken. Auch in einigen Monaten werde England nicht gezwungen sein, die Waffen niederzulegen, aber es werde sich dann vielleicht die Rechnung stellen, „ob es klug und vernünftig sei, diesen Krieg à outrance zu führen, oder ob es nicht staatsmännischer sei, goldene Brücken zu betreten, wenn ihm dieselben von den Zentralmächten gebaut werden; dann wäre der Augenblick gekommen für weitgehende schmerzliche Opfer der Zentralmächte“. Der Kaiser Karl habe die wiederholten Versuche der Feinde, ihn von seinem Bundesgenossen zu trennen, abgelehnt; aber gleichzeitig habe der Kaiser ihn, den Grafen Czernin, beauftragt, den deutschen Staatsmännern zu sagen, daß Österreich-Ungarn am Ende seiner Kräfte sei und daß Deutschland über den Sommer hinaus nicht mehr auf Österreich-Ungarn werde rechnen können. Er habe diesen Befehl ausgeführt, und die deutschen Staatsmänner hätten ihm keinen Zweifel darüber gelassen, daß auch für Deutschland eine weitere Winterkampagne ein Ding der Unmöglichkeit sei. Wenn sich nicht in einigen Wochen die Möglichkeit ergäbe, mit Paris oder Petersburg zu sprechen, dann müsse noch rechtzeitig die letzte Karte ausgespielt und die angedeutete äußerste Proposition gemacht werden.

Dieser Schritt des österreichischen Kaisers und des Grafen Czernin, der wie die Drohung einer befristeten Aufkündigung der Waffenbrüderschaft aussah, überraschte um so mehr, als die Befürwortung „weitgehender schmerzlicher Opfer“ Hand in Hand ging mit den österreichischen Aspirationen auf Polen. Bei demselben Besuch im deutschen Großen Hauptquartier, bei dem Kaiser Karl den Deutschen Kaiser auf die sofortige Ernennung des Erzherzogs Karl Stephan zum Regenten und seine Designierung zum König von Polen festzulegen suchte, machte er uns mit dem Grafen Czernin die Zumutung, daß wir Elsaß-Lothringen herausgeben sollten. Und an demselben 13. April, an dem der Kaiser Karl die Denkschrift des Grafen Czernin an Kaiser Wilhelm abschickte, sandte er ihm ein Telegramm, in dem er die Zustimmung des Deutschen Kaisers erbat, dem Erzherzog Karl Stephan Mitteilung von den ihn betreffenden Absichten machen zu dürfen!

Bekannt war uns ferner, daß seit einiger Zeit der frühere österreichisch-ungarische Botschafter in London, Graf Mensdorff, in der Schweiz weilte, um dort mit Vertrauensleuten der Entente Fühlung zu nehmen.

Nicht bekannt dagegen war uns damals der im Frühjahr 1918 von der französischen Regierung veröffentlichte Brief des Kaisers Karl an seinen Schwager, den Prinzen Sixtus von Parma. In diesem Briefe hieß es nach der französischen Version, die zunächst von der Wiener Regierung als „verfälscht“ bezeichnet worden ist, an deren Richtigkeit aber nach dem Verlauf der Auseinandersetzung zwischen Herrn Clemenceau und dem Grafen Czernin ein Zweifel wohl kaum mehr möglich ist:

„Mein lieber Sixtus! — Das Ende des dritten Jahres des Krieges, der so viel Trauer und so viel Schmerzen in die Welt brachte, rückt heran. Alle Völker meines Reiches sind enger als je vereint im gemeinsamen Willen, die Integrität der Monarchie selbst um den Preis der schwersten Opfer zu erhalten... Niemand dürfte die von meinen Truppen davongetragenen militärischen Vorteile bestreiten, besonders die auf dem Balkankriegsschauplatz. Seinerseits hat Frankreich eine prächtige Widerstandskraft und Begeisterung gezeigt. Wir alle bewundern rückhaltlos die wunderbare traditionelle Tapferkeit seiner Armeen und den Opfergeist des ganzen französischen Volkes. Deshalb ist es mir besonders angenehm, zu sehen, daß, obwohl wir augenblicklich Gegner sind, kein Auseinandergehen der Gesichtspunkte oder Aspirationen mein Reich von Frankreich trennt. Ich bin berechtigt, hoffen zu dürfen, daß meine lebhaften Sympathien für Frankreich, vereint mit jenen, die in der Monarchie herrschen, auf immerdar die Rückkehr eines Kriegszustandes vermeiden werden, für den mir keine Verantwortung zufällt. Zu diesem Zweck und um die Echtheit dieser Gefühle auf bestimmte Art kundzutun, bitte ich Dich, geheim und inoffiziell Herrn Poincaré, dem Präsidenten der französischen Republik, mitzuteilen, daß ich mit allen Mitteln und unter Aufbietung alles meines persönlichen Einflusses bei meinem Verbündeten die gerechten französischen Ansprüche hinsichtlich Elsaß-Lothringens unterstützen werde.“

Der Brief sprach dann über Belgien, das wiederhergestellt und entschädigt werden müsse, und über Serbien, das gleichfalls wiederhergestellt werden und einen Ausgang nach der Adria erhalten solle, allerdings unter der Bedingung, daß es sich unter Garantie der Ententemächte zur Unterdrückung jeder gegen Österreich-Ungarn gerichteten Agitation verpflichte. Vorschläge über Rußland müßten bis zur Konstituierung einer gesetzlichen und endgültigen Regierung vorbehalten bleiben. Der Brief schloß:

„Nachdem ich meine Gedanken dargelegt habe, bitte ich Dich, mir Deinerseits nach Besprechung mit den beiden Mächten zuerst die Meinung Frankreichs, dann diejenige Englands auseinanderzusetzen, um dergestalt eine Grundlage vorzubereiten, auf der offizielle Besprechungen begonnen werden können.“

Dieser Brief wurde von dem Prinzen Sixtus dem Präsidenten Poincaré in Urschrift vorgelegt; mit Zustimmung des Prinzen wurde eine Abschrift an den französischen Ministerpräsidenten und Minister des Äußeren Herrn Ribot weitergegeben; er war vom 31. März 1917 datiert, war also geschrieben und abgesandt wenige Tage vor dem Besuch des österreichischen Kaiserpaares im deutschen Hauptquartier, bei dem die polnische Krone für den Erzherzog Karl Stephan gesichert werden sollte und bei dem Kaiser Karl und Graf Czernin beiläufig die Abtretung Elsaß-Lothringens als Mittel zur Beendigung des Krieges empfahlen; zwölf Tage vor der Übersendung der Denkschrift des Grafen Czernin, in der von „weitgehenden schmerzlichen Opfern“ zwecks Herbeiführung des Friedens gesprochen wurde.

Der Brief des Kaisers Karl läßt erkennen, daß dieser für sich die „Integrität der Monarchie“ erhalten wollte, „selbst um den Preis der schwersten Opfer“; daß er sich andererseits gegenüber den Franzosen bereit erklärte, auf uns wegen der Herausgabe Elsaß-Lothringens den stärksten Druck auszuüben; dies, nachdem unsere Truppen ihm die Monarchie vor den Russen und Rumänen gerettet, Galizien und Siebenbürgen wiedererobert hatten!