Die angebliche englische Friedensaktion steht im engsten Zusammenhang mit der vom 1. August 1917 datierten, an alle kriegführenden Mächte gerichteten Friedensnote des Papstes und kann nur im Zusammenhang mit der päpstlichen Friedensaktion betrachtet und verstanden werden.

Die Anfänge der päpstlichen Friedensaktion reichen in den Monat Juni 1917 zurück. Die Seite 147 von mir erwähnten Besprechungen des apostolischen Nuntius Pacelli mit dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg, denen eine Audienz des Nuntius beim Kaiser im Großen Hauptquartier folgte, dienten offensichtlich dem Zweck, den Boden für die damals schon geplante päpstliche Friedensaktion zu sondieren. Es kann nicht zweifelhaft sein, daß um die gleiche Zeit ähnliche Sondierungen von vatikanischer Seite auch bei unsern Gegnern vorgenommen wurden.

Das Ergebnis seiner Sondierung bei den für die deutsche Politik maßgebenden Männern beurteilte der Nuntius Pacelli günstig; er selbst hat sich mir gegenüber, wie oben (S. [147]) erwähnt, in hohem Maße befriedigt über seine Unterhaltungen mit Herrn von Bethmann ausgesprochen und hat späterhin, wie gleichfalls oben (S. [149]) erwähnt, sich dahin geäußert, daß ohne den — durch die Erzbergersche Aktion herbeigeführten — Abgang des Herrn von Bethmann die Friedensaussichten gute gewesen seien.

Es ist anzunehmen, daß auch die Sondierungen des Vatikans bei unsern Gegnern damals ein günstiges Ergebnis hatten; andernfalls wäre der päpstliche Friedensschritt wohl unterblieben. Es deckt sich auch ganz mit meiner Auffassung über die damals bei unsern Feinden aufkeimende Friedensneigung, daß die Ende Juni erfolgenden päpstlichen Sondierungen auch bei unsern Gegnern auf Ermunterung stoßen mußten.

Vom Ende des Monats Juni bis zu dem offiziellen Vorgehen des Papstes mit seiner Friedensnote ist dann ein längerer Zeitraum vergangen. Die päpstliche Note ist vom 1. August datiert und ist am 14. August in Berlin und um dieselbe Zeit in sämtlichen Hauptstädten der kriegführenden Großmächte überreicht worden. Der Aufschub dürfte seine Erklärung wohl in der durch den Erzbergerschen Vorstoß vom 6. Juli heraufbeschworenen inneren Krisis in Deutschland und dem Kanzlerwechsel finden. Die Kurie mußte sich nun erst darüber vergewissern, ob auch unter der Kanzlerschaft des Herrn Michaelis in Deutschland dieselbe Friedensbereitschaft wie unter Herrn von Bethmann fortbestehe.

Das war der Fall.

Aber inzwischen hatte sich gerade infolge der krisenhaften Vorgänge in Deutschland und infolge der Erzbergerschen Indiskretion mit dem Geheimbericht des Grafen Czernin bei unsern westlichen Feinden die Auffassung geändert: Als die päpstliche Note Mitte August überreicht wurde, war die Verhandlungsbereitschaft, die einige Wochen vorher bei der vorbereitenden Sondierung noch bestanden hatte, infolge der Erzbergerschen Aktion verschwunden.

Es läßt sich denken, daß die britische Regierung bei dieser veränderten Sachlage durch den offiziellen Friedensschritt des Papstes in eine gewisse Verlegenheit gesetzt wurde: sie hatte vor wenigen Wochen zu einem solchen Schritt ermuntert oder sich jedenfalls nicht abgeneigt gezeigt, ihn mit Sympathie aufzunehmen; jetzt war sie entschlossen, an ihren alten, nur von einem niedergeworfenen Deutschland erzwingbaren Kriegszielen festzuhalten und infolgedessen dem päpstlichen Schritt keine Folge zu geben.

Diese Verlegenheit der britischen Regierung hat die Mitteilung des Foreign Office an den britischen Gesandten beim Vatikan, den Grafen Salis, vom 21. August 1917, die später als „Friedensangebot“ ausgegeben worden ist, offensichtlich diktiert. Hier der Wortlaut:[7]