Auf der Grundlage dieser kaiserlichen Entscheidung ist der spanische Vertrauensmann des Herrn von Kühlmann informiert worden. Es wurde ihm weiter mitgeteilt, daß unsrerseits Voraussetzung für Verhandlungen sei:
1. die Erhaltung unsres vorkriegerischen Besitzstandes einschließlich der Kolonien,
2. der Verzicht auf Entschädigungen,
3. die Abstandnahme von dem Wirtschaftskrieg nach dem Krieg.
Der später von der Reichsregierung veröffentlichte Briefwechsel zwischen dem Reichskanzler Michaelis und dem Feldmarschall von Hindenburg vom 12. und 15. September 1917 ist eine innere deutsche Angelegenheit, die mit den Aufträgen des spanischen Vertrauensmanns und der ihm gegebenen Information nicht das mindeste zu tun hatte. Es handelte sich hierbei um militärische Wünsche, die ebenso wie die wirtschaftlichen Wünsche, die hinsichtlich Belgiens bestanden, nicht als Vorbehalte gegenüber England in Betracht kamen, sondern lediglich als Ziele, die in Verhandlungen mit Belgien angestrebt werden sollten. Die Aktion des neutralen Vertrauensmanns bei der britischen Regierung ist jedenfalls durch diese Wünsche in keiner Weise eingeengt oder erschwert worden.
Dagegen stellten sich dieser Aktion andere Hindernisse in den Weg, die außerhalb des guten Willens der deutschen Stellen lagen und die entgegen der ursprünglichen Absicht dazu führten, daß die Sondierung des britischen Kabinetts nicht unmittelbar erfolgte, sondern ihren Weg über Madrid nahm. Wir wissen aus dem durch die Sowjetregierung veröffentlichten Geheimbericht des russischen Geschäftsträgers in London vom 6. Oktober 1917, daß damals der spanische Minister des Auswärtigen dem britischen Botschafter in Madrid Eröffnungen über Deutschlands Geneigtheit zu Friedensverhandlungen machte und daß Balfour diese Eröffnung am 6. Oktober den diplomatischen Vertretern der verbündeten Großmächte zur Kenntnis brachte. Die Eröffnung des spanischen Ministers wurde dabei als eine deutsche Friedens-Initiative — um nicht zu sagen „Friedens-Offensive“ — aufgefaßt, in einer Weise, die jeden Gedanken an eine wenige Wochen zuvor versuchte englische Friedens-Initiative vollkommen ausschließt. Der Bericht des russischen Geschäftsträgers ergibt weiter, daß man dem deutschen Schritt mit großem Unbehagen und starkem Mißtrauen gegenüberstand. Man stand unter dem Eindruck, Deutschlands Absicht sei, „die Alliierten in eine Prüfung der Friedensbedingungen Deutschlands hineinzuziehen“. Das wollte man vermeiden. Auf der andern Seite glaubte man, „die deutsche Anfrage nicht gänzlich unbeantwortet lassen zu können, da man befürchtete, dadurch die Stellung der deutschen Regierung im eignen Lande zu befestigen und, was noch wichtiger ist, die schon ohnehin reichlich verwerfliche Agitation in Rußland zu stärken, in dem Sinn, daß England direkt die völlige Vernichtung Deutschlands wünsche und Rußland und die andern Verbündeten mitziehe“. Aus diesen taktischen Erwägungen heraus wurde beschlossen, daß die englische Regierung durch ihren Botschafter in Madrid folgende Antwort geben solle:
„Die Regierung Seiner Majestät wäre bereit, eine Mitteilung entgegenzunehmen, welche die deutsche Regierung ihr über den Frieden abzugeben wünsche, und diese Mitteilung mit ihren Verbündeten zu beraten.“
Das war weniger als nichts. Es war die Bestätigung dafür, daß auf der Seite Englands und seiner Verbündeten keine Geneigtheit bestand, in zweiseitige Verhandlungen einzutreten oder irgendwelche Bedingungen zu präzisieren, unter denen es zu solchen zweiseitigen Verhandlungen, die allein Aussicht auf Erfolg boten, bereit sei.
Auch auf spanischer Seite hatte man offenbar sehr stark diesen Eindruck. Die britische Antwort auf die spanische Eröffnung wurde dort so wenig als eine Antwort empfunden, daß später, als Balfour im Unterhaus auf eine Anfrage des Abgeordneten King diese Antwort bekanntgab, Herr von Kühlmann erklären mußte, die deutsche Reichsregierung habe von der Bereitwilligkeit des britischen Kabinetts, eine deutsche Mitteilung über den Frieden entgegenzunehmen, überhaupt erst durch die Erklärung Balfours im Unterhaus Kenntnis erhalten. Der spanische Vertrauensmann hatte sich darauf beschränkt, Herrn von Kühlmann wissen zu lassen, daß seine Sondierung des britischen Kabinetts auf die vermutete Bereitschaft zu Friedensverhandlungen ein gänzlich negatives Ergebnis gehabt habe.
Damit steht fest, daß die von Herrn Erzberger späterhin konstruierte englische „Friedensaktion“, die mit Ermächtigung der französischen Regierung und durch Vermittlung des Heiligen Stuhles eingeleitet worden sein soll, mit den wirklichen Vorgängen in vollendetem Widerspruch steht. Auch der Vatikan hat in der bereits erwähnten Veröffentlichung in der „Unità Cattolica“ ausdrücklich festgestellt, daß es sich damals nicht um „von England oder anderen Ententestaaten ausgehende Friedensvorschläge“ handelte. Eine Bereitschaft Englands, mit uns auf der Grundlage der Freigabe Belgiens von gleich zu gleich in Verhandlungen über einen „Verständigungsfrieden“ einzutreten, war in jener Zeit nicht mehr vorhanden. Die im Frühsommer 1917 möglicherweise vorhandene Friedensbereitschaft Englands war kurz zuvor durch die habsburgisch-bourbonisch beeinflußten Quertreibereien des Herrn Erzberger im Keime erstickt worden. Seit dieser Zeit rechnete England auf den Sieg, wollte England den Sieg und war England entschlossen, allen Verhandlungen aus dem Wege zu gehen, die ihm die Früchte des Sieges hätten verkümmern können. Und seine Verbündeten dachten und handelten genau ebenso.