„Ich habe keinen Offizier beauftragt, einem Abgeordneten zu übermitteln, daß ich mit dem Herrn Reichskanzler von Bethmann Hollweg nicht weiterarbeiten könne.“
Das Dementi bezog sich jedoch nur auf die Beauftragung eines Offiziers mit einer solchen Mitteilung, nicht auf die Sache selbst. Denn zu der Stunde, als dieses Telegramm an die Reichskanzlei abgesandt wurde, war in der Sache der entscheidende Schritt bereits geschehen und Herrn von Bethmann bekannt: Generalfeldmarschall von Hindenburg und General Ludendorff hatten den Kaiser für den Fall des Verbleibens des Herrn von Bethmann im Laufe des Nachmittags telegraphisch um ihre Entlassung gebeten. Der unheilvolle Gegensatz, in den die beiden Generale, je länger desto mehr, zu Herrn von Bethmann geraten waren, kam so im ungeeignetsten Augenblick zur Explosion.
Ohne Kenntnis von diesem Vorgang zu haben, verhandelte ich an demselben Nachmittag im Reichstag über die „Friedensresolution“.
Dort erhielt ich ein Schreiben des Herrn Dr. Stresemann, der mir unter Bezugnahme auf die Unterhaltung vom Vormittag mitteilte, daß die nationalliberale Fraktion beschlossen habe, durch ihren stellvertretenden Vorsitzenden, den Prinzen Schönaich-Carolath, dem Chef des Zivilkabinetts des Kaisers mitteilen zu lassen, daß nach ihrer Ansicht eine Lösung der Krisis ohne den Rücktritt des Reichskanzlers nicht denkbar sei.
Dann wurde mir durch den Abgeordneten Fehrenbach mitgeteilt, das Zentrum habe seine Stellung von gestern unter der Einwirkung gewisser Mitteilungen aus dem Großen Hauptquartier geändert und sich gegen eine kleine Minderheit dahin ausgesprochen, der Kanzler sei ein Friedenshindernis und müsse gehen. Der Fraktionsvorsitzende Dr. Spahn hatte während der Sitzung einen schweren Ohnmachtsanfall erlitten und mußte in ein Krankenhaus transportiert werden.
Die inzwischen in der interfraktionellen Fraktion fertiggestellte Friedensresolution schickte ich an den Kanzler, der im Schloß Bellevue beim Kaiser zum Vortrag war, mit der dringenden Bitte, sich nicht auf diese Resolution festzulegen.
Der Abgeordnete von Payer, der von den Mehrheitsparteien beauftragt war, die Resolution dem Kanzler zu überreichen, erklärte mir, es sei an der Resolution kein Wort zu ändern. Auch habe er den Auftrag, vom Kanzler zu verlangen, daß er in seiner im Reichstag abzugebenden Erklärung die Resolution glatt annehme, ohne irgendeinen erklärenden oder umschreibenden Zusatz, auch ohne jede Berufung auf seine bisherige Politik. Ich antwortete Herrn von Payer: „Wenn ich Kanzler wäre, würde ich unter keinen Umständen unter ein solches kaudinisches Joch gehen; da ich nur Stellvertreter des Kanzlers bin, werde ich meinen ganzen Einfluß bei dem Kanzler aufbieten, um ihn zu veranlassen, ein solches Ansinnen kategorisch zurückzuweisen.“
Der Kanzler hatte sich Herrn von Payer für neun Uhr abends zur Verfügung gestellt. Es war halb neun Uhr, als meine Unterhaltung mit Herrn von Payer zu Ende war. Ich fuhr zum Kanzler. Dieser war gerade vom Kaiser zurückgekommen. Er teilte mir mit: Der Kaiser habe den Wortlaut der „Friedensresolution“ an den Feldmarschall telephoniert. Dieser habe geantwortet, die Oberste Heeresleitung müsse von dieser Resolution eine Schädigung der Schlagkraft des Heeres befürchten, für die sie die Verantwortung nicht übernehmen könne. Der Kaiser habe ihn, den Kanzler, beauftragt, Herrn von Payer zu erklären, in der vorliegenden Fassung sei die Resolution aus den von der Obersten Heeresleitung angegebenen Gründen unannehmbar. Im übrigen habe der Kaiser Hindenburg und Ludendorff zu weiteren Besprechungen nach Berlin befohlen; sie würden am nächsten Vormittag eintreffen.
Der Kanzler fügte hinzu, er habe dem Kaiser die Unhaltbarkeit seiner Stellung zu den Parteien und zur Obersten Heeresleitung auseinandergesetzt und erneut um seine Entlassung gebeten. Während des Vortrags habe der Chef des Militärkabinetts General von Lyncker bestätigt, daß Hindenburg und Ludendorff telegraphisch um ihre Entlassung nachgesucht hätten. Der Kaiser habe ihn zwar seines ungeminderten Vertrauens versichert und erklärt, gegenüber den beiden Generalen werde er die Sache am nächsten Tage in Ordnung bringen. Er sei aber unbedingt entschlossen, auf seinem Rücktritt zu bestehen.