Ich konnte Herrn von Bethmann in diesem Entschluß nur bestärken. Man mochte über die sachliche Berechtigung und die Zweckmäßigkeit der Stellungnahme der Herren von der Obersten Heeresleitung gegen Herrn von Bethmann denken, wie man wollte — eine weitere Zusammenarbeit war jetzt in der Tat unmöglich, und einen Rücktritt von Hindenburg und Ludendorff hätte weder die Armee noch das Volk vertragen.
Inzwischen war Herr von Payer im Reichskanzlerhause eingetroffen, um sich des Auftrags der Mehrheitsparteien zu entledigen. Der Kanzler teilte ihm mit, daß die Resolution in der vorliegenden Fassung unannehmbar sei, und daß sich am nächsten Tage Gelegenheit geben werde, die Sache in Berlin unter Mitwirkung von Hindenburg und Ludendorff zu besprechen.
Am nächsten Morgen — Freitag, 13. Juli — übersandte der Kanzler in aller Frühe dem Kaiser sein schriftliches Abschiedsgesuch, ohne die Ankunft der beiden Generale abzuwarten.
Der Kaiser ließ mir im Lauf des Vormittags mitteilen, er habe Hindenburg und Ludendorff ersucht, sich mit mir und dem Chef der Reichskanzlei wegen einer Besprechung mit den führenden Abgeordneten in Verbindung zu setzen. Um 4 Uhr nachmittags besprach ich zusammen mit dem Unterstaatssekretär Wahnschaffe im Generalstabsgebäude mit den beiden Generalen die parlamentarische Lage. Von fünf Uhr ab wurden der Reihe nach die Vertreter der einzelnen Fraktionen empfangen. Der Feldmarschall machte seine Ausstellungen an der Resolution und bezeichnete die Stellen, die nach seiner Ansicht einer Änderung bedurften. Es wurde verabredet, daß bei mir am nächsten Tage weiter verhandelt werden sollte. Der Abgeordnete Scheidemann sagte mir beim Abschied: „Verhandeln können wir, aber geändert kann nichts mehr werden.“ Ich entgegnete: „Das ist nicht das letzte Wort.“
Die Besprechungen dauerten bis neun Uhr abends. Während der Besprechungen war Hindenburg abgerufen worden; er kam nach etwa einer halben Stunde wieder. Er war im Schloß Bellevue gewesen, wo inzwischen über den Kanzlerwechsel entschieden worden war.
Von Herrn von Bethmann, zu dem ich mich vom Generalstab begab, erfuhr ich das Nähere. Der Kaiser hatte seine Entlassung genehmigt und den bisherigen Unterstaatssekretär im preußischen Finanzministerium und preußischen Staatskommissar für Volksernährung Herrn Dr. Georg Michaelis zu seinem Nachfolger ernannt.
Herr Michaelis war mir als vorzüglicher Verwaltungsbeamter bekannt, aber zum Leiter der Reichspolitik, zumal in dieser schwierigen Zeit, fehlten ihm nach meiner Ansicht die wichtigsten Voraussetzungen. Ich fragte Herrn von Bethmann, ob er etwa Herrn Michaelis als seinen Nachfolger vorgeschlagen habe. Herr von Bethmann verneinte und fügte hinzu, er sei über die Nachricht genau so erstaunt gewesen wie ich. Volle Klarheit darüber, wer Herrn Michaelis beim Kaiser in Vorschlag gebracht hat, habe ich nie gewinnen können. Nur so viel steht fest, daß der Kaiser wünschte, in Zukunft die Reibungen zwischen der politischen Leitung und der Obersten Heeresleitung nach Möglichkeit vermieden zu sehen, und infolgedessen Wert darauf legte, einen auch der Obersten Heeresleitung genehmen Mann in das Amt des Reichskanzlers zu berufen.
Ich fand das Vorgehen bei der Berufung des neuen Kanzlers unbegreiflich und brachte dies gegenüber dem Chef des Zivilkabinetts, Herrn von Valentini, der sich noch am späten Abend mit Herrn Michaelis im Reichskanzlerpalais einfand, mit einiger Heftigkeit zum Ausdruck. Ich sagte voraus, daß der neue Kanzler sich nicht bis Weihnachten werde im Amte halten können, und ersuchte Herrn von Valentini, dem Kaiser meine Bitte um Entlassung zu übermitteln. Auch dem neuen Kanzler, der mich bat, ihm meine Mitarbeit zu gewähren, erklärte ich meinen Entschluß, meine Entlassung zu nehmen; auf sein Drängen sagte ich ihm schließlich zu, für eine Übergangszeit, bis er selbst eingearbeitet sei und für mich einen geeigneten Nachfolger gefunden habe, die Geschäfte weiterzuführen.
Unterdessen hatte Wolffs Telegraphisches Bureau der Reichskanzlei telephonisch mitgeteilt, es habe „aus dem Reichstag“ den Wortlaut der „Friedensresolution“ zur sofortigen Verbreitung erhalten. Da mit den Parteien verabredet worden war, daß am nächsten Tag über die Resolution weiter verhandelt werden sollte, lag hier ein offensichtlich illoyaler Akt und Gewaltstreich vor. Der neue Reichskanzler ordnete an, daß Wolff ersucht werden solle, die Verbreitung zu unterlassen und durch Rundruf die Presse zu bitten, von einer Veröffentlichung der Friedensresolution, falls ihr diese von anderer Seite zugehen sollte, Abstand zu nehmen. Trotzdem wurde der Text der Friedensresolution am nächsten Morgen im „Vorwärts“ publiziert.
In der Frühe des 14. Juli teilte mir der neue Kanzler mit, daß er versuchen wolle, die Friedensresolution durch eine eigene Erklärung überflüssig zu machen. Ebenso telephonierte mir der General Ludendorff, daß er trotz der illoyalen Veröffentlichung der Resolution im „Vorwärts“ die für den Nachmittag in Aussicht genommene Besprechung mit den Vertretern der Mehrheitsparteien für zweckmäßig halte, um einige Änderungen durchzusetzen.