Herr Poincaré hatte über den Inhalt des Briefes mit dem Prinzen eine Aussprache, über die er brieflich an den Ministerpräsidenten und Minister des Äußern Herrn Ribot Mitteilung machte. Danach hat Herr Poincaré den Prinzen ersucht, dem Kaiser Karl mitzuteilen, daß es sich für Frankreich nicht um das Elsaß-Lothringen mit den Grenzen von 1870 handle, sondern um das Elsaß-Lothringen von 1814, d. h. Elsaß-Lothringen einschließlich des Saargebiets. Letzteres hatte im Lauf der letzten tausend Jahre nur während zweier ganz kurzer Episoden zu Frankreich gehört, nämlich zur Zeit des Hochstandes der französischen Eroberungspolitik Ludwigs XIV. von 1680 bis 1697 und Napoleons I. von 1801 bis 1815. Außerdem verlange Frankreich Wiedergutmachung und Entschädigungen, ferner Garantien auf dem linken Rheinufer.
Von Paris reiste Prinz Sixtus nach London. Lloyd George erschienen seine Mitteilungen in hohem Maße beachtenswert, und er empfahl der französischen Regierung, sie in wohlwollende Erwägung zu ziehen. Es kam darüber zu Meinungsverschiedenheiten zwischen dem englischen Premier und dem französischen Präsidenten. Die Angelegenheit wurde am 17. April in der Konferenz der Ententemächte in St. Jean de Maurienne in persönlicher Aussprache behandelt. An dieser Aussprache nahm auch der auswärtige Minister Italiens, Herr Sonnino, teil. Er widersetzte sich auf das äußerste einem Friedensschluß, der nicht die italienischen Wünsche auf dem Boden der Londoner Abmachungen befriedige. Lloyd George vertrat die Ansicht, daß in diesem Augenblick eine Diskussion der österreichisch-italienischen Territorialfragen vermieden werden müsse, weil sich sonst unvermeidlich die Verhandlungen zerschlagen würden. Die Hauptsache sei, Deutschland zu erledigen; alles andere werde sich dann schon finden. Schließlich aber gab Lloyd George dem Verlangen Frankreichs auf Einbeziehung des Saargebiets und dem Drängen Italiens nach. Ob dann Herr Poincaré, wie der „Manchester Guardian“ nach anscheinend guten Informationen später erzählte, dem österreichischen Kaiser in der Tat vorgeschlagen hat, das Trentino und Triest an Italien abzutreten und sich dafür an Schlesien schadlos zu halten, lasse ich dahingestellt; ebenso die dem Kaiser Karl zugeschriebene Antwort, es bestehe gegen diese Lösung das Bedenken, daß zwar die Monarchie das von ihr an Italien herauszugebende Gebiet in Händen habe, nicht aber Frankreich Schlesien; ebenso, ob Kaiser Karl, nachdem er den Bericht des Prinzen Sixtus über das Ergebnis seiner Besprechungen in Paris und London erhalten hatte, an diesen den von Wien aus später bestrittenen zweiten Brief geschrieben hat, in dem er die Überzeugung aussprach, daß, falls Frankreich seine territorialen Forderungen auf Elsaß-Lothringen beschränke, es ihm gelingen werde, Deutschland zum Friedensschluß zu bewegen. Wesentlich für die Beurteilung der Lage ist lediglich, daß Frankreich damals, Mitte April 1917, die Möglichkeit eines Friedens, der ihm nur Elsaß-Lothringen bringen sollte, zurückwies und die Erwerbung des Saargebietes sowie „Garantien“ auf dem linken Rheinufer zur Voraussetzung von Friedensverhandlungen machte. Die Ablehnung der Anregung des Kaisers Karl erfolgte, ohne daß das französische Kabinett mit dem Kaiserbrief befaßt worden war; nur Herr Ribot wurde von Herrn Poincaré mit ausdrücklicher Zustimmung des Prinzen Sixtus unterrichtet. Desgleichen wurden weder Belgien, noch Rußland, noch die Vereinigten Staaten vor der Ablehnung über die Angelegenheit orientiert oder befragt.
Was unter den „Garantien auf dem linken Rheinufer“, die Frankreich forderte, zu verstehen war, ergibt sich aus der im Februar 1917 getroffenen, von der Bolschewistenregierung veröffentlichten Abmachung zwischen der französischen und russischen Regierung. Nach dieser Abmachung sollte Frankreich Elsaß-Lothringen und das Saargebiet erhalten; der übrige Teil des linken Rheinufers sollte von Deutschland politisch und wirtschaftlich abgetrennt und zu einem neutralen Pufferstaat gemacht werden.
Nachdem an so unerhörten Forderungen, wie sie nur einem gänzlich geschlagenen und wehrlos gemachten Deutschland zugemutet werden konnten, der private, in seinem springenden Punkte vor dem eigenen Minister des Auswärtigen geheimgehaltene Friedensversuch des österreichischen Kaisers gescheitert war, scheint allerdings in Frankreich ein Stimmungsumschwung eingetreten zu sein. Darauf deutet die oben (S. [71]) erwähnte, schwer besorgte Äußerung Ribots zu dem italienischen Botschafter; ferner die Tatsache, daß nicht allzu lange nach der Ablehnung der kaiserlichen Anregung von französischer Seite Versuche gemacht wurden, nicht nur Unterhaltungen mit der österreichisch-ungarischen Regierung aufzunehmen, sondern auch mit einem Vertrauensmann der deutschen Regierung in Fühlung zu kommen.
Aus einer ein Jahr später zwischen Herrn Clemenceau und dem Grafen Czernin entstandenen öffentlichen Polemik, auf die ich weiter unten noch zu sprechen komme, wurde bekannt, daß im Juli 1917 der österreichische Legationsrat Graf Revertera von einer neutralen Mittelsperson namens der französischen Regierung befragt wurde, ob er in der Lage sei, Eröffnungen dieser Regierung an die österreichisch-ungarische Regierung entgegenzunehmen. Graf Revertera wurde vom Grafen Czernin ermächtigt, die Besprechungen mit dem Vertrauensmann der französischen Regierung, dem Major Grafen Armand, aufzunehmen, um festzustellen, ob Grundlagen für die Herbeiführung eines allgemeinen Friedens geschaffen werden könnten. Daraufhin trafen sich die beiderseitigen Vertrauensleute im Lauf des Monats August — also nach der Juliresolution — in der Schweiz. Aber die Besprechungen führten zu keinerlei Ergebnis.
Schon vorher hatte eine der ersten politischen Persönlichkeiten Frankreichs durch eine neutrale Mittelsperson bei einer mit den französischen Verhältnissen und Personen durch langjährige Tätigkeit in Paris besonders genau vertrauten deutschen politischen Persönlichkeit die Geneigtheit erkennen lassen, eine persönliche Aussprache über die Friedensmöglichkeiten in der Schweiz zu arrangieren. Die über Ort und Zeit des Zusammentreffens eingeleiteten Verhandlungen waren im Gang, als die Kanzlerkrisis ausbrach. Um dieselbe Zeit war auch bei maßgebenden belgischen Persönlichkeiten ein lebhaftes Interesse für die Aufnahme einer vertraulichen Fühlung über die Friedensmöglichkeiten festzustellen.
Ich habe dem damaligen Führer der Zentrumspartei, Herrn Dr. Spahn, im Laufe der Verhandlungen über die Friedensresolution und die Kanzlerfrage — soweit ich es angesichts des mir auf die Seele gebundenen Geheimnisses tun konnte — angedeutet, daß bei einem unserer westlichen Gegner gewisse Zeichen des Einlenkens hervorgetreten seien, daß ich aber befürchten müsse, daß durch den Erzbergerschen Vorstoß und die Vorgänge, die sich an diesen anschlossen, sowie durch die sensationelle Behandlung dieser Vorgänge in einem Teil der deutschen Presse diese Friedensgeneigtheit im Keime erstickt und der Kriegswille unserer Gegner neu gestärkt werden würde. Diese Andeutung an Herrn Dr. Spahn habe ich einige Tage später Herrn Erzberger auf eine Anfrage schriftlich bestätigt.
Es unterliegt heute für mich keinem Zweifel, daß bei unseren westlichen Gegnern auf die Ablehnung der Anregung des Kaisers Karl, der sich Lloyd George ohnedies nur ungern gefügt hatte, eine Reaktion eingetreten war; daß die großen Erfolge unseres U-Bootkriegs und namentlich die akute Bedrängnis, in die England für die Zeit bis zur neuen Ernte sich versetzt sah und der Lloyd George damals in Paris einen geradezu alarmierenden Ausdruck gab, bei unseren westlichen Feinden der Neigung für einen billigen Frieden der Verständigung Raum zu schaffen begannen. Auch die Kurie sah gerade zu jener Zeit die Aussichten für Friedensverhandlungen günstiger an. Der neuernannte Nuntius am Münchener Hof, Monsignore Pacelli, kam Ende Juni nach Berlin und knüpfte mit Herrn von Bethmann Besprechungen über eine Friedensaktion des Papstes an, wobei er andeutete, daß der Papst Grund habe, eine solche Aktion nicht für aussichtslos zu halten. Der Nuntius war von der Aussprache mit Herrn von Bethmann, wie er mir selbst erzählte, in hohem Maße befriedigt.
Nach der Julikrisis und der Friedensresolution war die Lage merklich verändert.
Die angebahnten Friedensgespräche kamen nicht zustande oder verliefen ergebnislos.