Die angebliche Friedensbereitschaft Englands entpuppte sich bald als ein „Mißverständnis“. Es entspann sich später ein Streit darüber, ob Deutschland oder England die Initiative zu einem neuen Friedensschritt ergriffen habe. Die englische Regierung lehnte es kategorisch ab, irgendeiner neutralen Regierung Andeutungen über ihre Friedensbereitschaft gemacht zu haben[2].

Unsere Antwort auf die Papstnote wurde am 21. September veröffentlicht. Sie betonte die in 26 Jahren segensreicher Regierung bewährte Friedensliebe des Deutschen Kaisers und den „werktätigen Willen zum Frieden“ des deutschen Volkes; eine „unheilvolle Verkettung von Ereignissen“ habe im Jahre 1914 einen hoffnungsvollen Entwicklungsgang jäh unterbrochen und Europa in einen blutigen Kampfplatz umgewandelt. Die Kaiserliche Regierung habe die in der Kundgebung des Papstes gegebenen Anregungen einer ernsten und gewissenhaften Prüfung unterzogen; die besonderen Maßnahmen, die sie in engster Fühlung mit der Vertretung des deutschen Volkes für die Beratung und Beantwortung der aufgeworfenen Frage getroffen habe — gemeint war die Heranziehung des Siebenerausschusses —, legten davon Zeugnis ab, wie sehr es ihr am Herzen liege, im Einklang mit den Wünschen des Papstes und der Friedenskundgebung des Reichstags vom 19. Juli brauchbare Grundlagen für einen gerechten und dauerhaften Frieden zu finden. Mit besonderer Wärme eignete sich die Antwort die in der Note des Papstes ausgesprochene Überzeugung an, daß künftig an die Stelle der materiellen Macht der Waffen die moralische Macht des Rechts treten müsse. „Wir teilen die Auffassung Seiner Heiligkeit,“ so hieß es weiter, „daß bestimmte Regeln und gewisse Sicherheiten für eine gleichzeitige und gegenseitige Begrenzung der Rüstungen zu Wasser, zu Land und in der Luft sowie für die wahre Freiheit und Gemeinsamkeit der hohen See diejenigen Gegenstände darstellen, bei deren Behandlung der neue Geist, der künftig im Verhältnis der Staaten zueinander herrschen soll, den ersten verheißungsvollen Ausdruck finden müßte. Es würde sich sodann ohne weiteres die Aufgabe ergeben, auftauchende internationale Meinungsverschiedenheiten nicht durch das Aufgebot der Streitkräfte, sondern durch friedliche Mittel, insbesondere auf dem Wege des Schiedsverfahrens, entscheiden zu lassen, dessen hohe friedenstiftende Wirkung wir mit Seiner Heiligkeit voll anerkennen. Die Kaiserliche Regierung wird dabei jeden Vorschlag unterstützen, der mit den Lebensinteressen des Deutschen Reiches und Volkes vereinbar ist.“ Wenn die Völker zu ihrem Heil erkannt haben würden, daß es gelte, mehr das Einigende als das Trennende in ihren Beziehungen zu betonen, werde es ihnen gelingen, auch die einzelnen noch offenen Streitpunkte so zu regeln, daß jedem Volke befriedigende Daseinsbedingungen geschaffen würden und damit eine Wiederkehr der großen Völkerkatastrophe ausgeschlossen erscheine. „Diese ernste und aufrichtige Überzeugung“ — so schloß die Note — „ermutigt uns zu der Zuversicht, daß auch unsere Gegner in den von Seiner Heiligkeit zur Erwägung unterbreiteten Gedanken eine geeignete Unterlage sehen möchten, um unter Bedingungen, die dem Geiste der Billigkeit und der Lage Europas entsprechen, der Vorbereitung eines künftigen Friedens näherzutreten.“

Die deutsche Regierung nahm also, ohne in eine Erörterung der Einzelheiten einzutreten, die in der päpstlichen Note ausgesprochenen Gedanken als eine „geeignete Unterlage“ für Verhandlungen über den Frieden an, obwohl die Vorschläge des Papstes in der elsaß-lothringischen Frage die Integrität des Deutschen Reiches, in der Südtiroler und Triestiner Frage die Integrität der österreichisch-ungarischen Monarchie als offene Fragen behandelten. Ja, indem unsere Antwortnote mit Bezugnahme auf das päpstliche Rundschreiben ausdrücklich von „noch offenen Streitpunkten“ sprach, setzte sie sich der Deutung aus, daß sie ihrerseits die elsaß-lothringischen Forderungen Frankreichs und die Aspirationen Italiens auf österreichische Gebietsteile als offene Fragen anerkenne. Im übrigen wurde durch die Bezugnahme dieses diplomatischen Dokuments auf die Friedenskundgebung des Reichstags vom 19. Juli diese von der Reichsregierung in betonter Weise als maßgebend für ihre Friedenspolitik bestätigt.

Trotzdem blieb die Papstnote, und ebenso unsere Antwort, ohne Widerhall bei den Regierungen unserer Feinde. Nur der Präsident Wilson gab — schon Ende August — eine formelle Antwort, die aber lediglich in einer heftigen Polemik gegen die deutschen „Machthaber“ bestand. Diese Machthaber hätten erst heimlich ein Komplott der Unterjochung geschmiedet und dann ohne Achtung für Verträge, Recht und Ehre seine Durchführung versucht. Diese Macht könne nicht nach den Vorschlägen des Papstes behandelt werden. Das Wort der gegenwärtigen Machthaber Deutschlands könne keine Grundlage für einen dauernden Frieden der Gerechtigkeit und Menschlichkeit sein. „Wir müssen irgendeinen neuen Beweis der Ziele der großen Völker der Mittelmächte abwarten. Gott gebe, daß dieser Beweis bald erbracht werde!“

Die Ententeregierungen gaben dem Papst überhaupt keine Antwort. In Frankreich lehnten die Herren Painlevé, der neue Ministerpräsident, und Ribot, der das Auswärtige in dem neuen Kabinett erhalten hatte, am 18. und 19. September jede Äußerung zur Papstnote ab, da die Ententemächte seinerzeit Wilsons Frage nach ihren Kriegszielen ausführlich beantwortet hätten, während die Antwort der Zentralmächte noch ausstehe. Im übrigen sprachen sie viel von der „Desannexion von Elsaß-Lothringen“, der neuen Formel, die das französische Begehren nach den Reichslanden mit der russischen Formel von dem „Frieden ohne Annexionen“ in Einklang bringen sollte. In England äußerte sich zu der Papstnote nur der frühere Premierminister Asquith in einer Rede vom 26. September, die in ihrem positiven Inhalt kaum etwas anderes war als eine Umschreibung der Ententenote an den Präsidenten Wilson vom 10. Januar 1917. In Rußland wies der neue Minister des Auswärtigen, Herr Tereschtschenko, am 28. September in einer Erklärung an die Presse die deutsche Antwort auf die Papstnote als ungenügend zurück und sprach Deutschland den ehrlichen Willen zum Frieden ab.

So führte der Schritt des Papstes nur zur Bestätigung der mit der Friedensresolution des Reichstags gemachten Erfahrung: Unsere eifrig dokumentierte Bereitwilligkeit, auf der vom Papst vorgeschlagenen, für uns nichts weniger als günstigen Grundlage in Friedensverhandlungen einzutreten, hatte auf der Gegenseite nur verstärkte Ablehnung und gesteigerten Kriegswillen zur Folge.

Der Reichskanzler und auch der Staatssekretär des Auswärtigen hatten für die Gefahren dieser Wirkung noch ein gewisses Gefühl. Ihre Äußerungen in dem Ende September abermals zusammengetretenen Hauptausschuß des Reichstags zeigten immerhin insofern eine gewisse Zurückhaltung, als sie sich auf Einzelheiten nicht festlegten und es ausdrücklich ablehnten, daß unsere Antwort auf die Papstnote etwa ein neues Friedensangebot bedeuten solle. Der Reichskanzler erklärte in der Sitzung vom 28. September, daß die Reichsleitung für mögliche Friedensverhandlungen, auch hinsichtlich Belgiens, in jeder Weise freie Hand habe. Dies war ein Versuch, die unerwünschte Wirkung abzuschwächen, die das rückhaltlose Bekenntnis zur Friedensresolution des Reichstags bei unseren Feinden auslöste. Aber ein Versuch mit untauglichen Mitteln. Die Vorgänge in der Beratung mit dem Siebenerausschuß vom 10. September, ja sogar die wesentlichen Punkte aus der Beratung beim Kaiser am 11. September, waren sehr bald der deutschen und der internationalen Öffentlichkeit bekannt geworden. Jedermann, der sich mit den politischen Dingen beschäftigte, wußte, daß die „freie Hand“, von der Herr Michaelis sprach, im Falle ernsthafter Verhandlungen von dieser Freiheit nur den Gebrauch des Nachgebens gemacht hätte.

Solche taktischen Vorbehalte konnten unsere Feinde um so weniger beeindrucken, als am 2. Oktober, wenige Tage nach den Ausführungen der Herren Michaelis und von Kühlmann im Hauptausschuß des Deutschen Reichstags, der österreichisch-ungarische Minister des Auswärtigen Graf Czernin in Budapest in Gegenwart des neuernannten ungarischen Ministerpräsidenten Dr. Wekerle in einer großes Aufsehen erregenden Tischrede ein Friedensprogramm entwickelte, das ein uneingeschränktes Bekenntnis zu einer neuen, auf internationalen Schiedsgerichten, Abrüstung und Freiheit der Meere aufgebauten Weltordnung und den erklärten Verzicht auf alle territorialen Sicherungen enthielt, und zwar in Formen, die nur als ein neues Friedensangebot aufgefaßt werden konnten.

In alldem trat immer mehr das Fehlen einer klaren Linie in unserer eigenen Politik und das Abhandenkommen der einheitlichen Marschroute mit unserem größten Bundesgenossen hervor. Es konnte gar nicht anders sein, als daß unsere Feinde aus diesen Anzeichen der Unsicherheit und Uneinigkeit immer neuen Mut schöpften.