Darin wurde auch nichts gebessert durch die Rede über unsere auswärtige Politik, die Herr von Kühlmann acht Tage nach der Czerninschen Kundgebung, am 9. Oktober 1917, im Plenum des Deutschen Reichstags hielt. Diese Rede war zunächst bemerkenswert durch das, was Herr von Kühlmann nicht sagte. Er sprach mit keinem Wort von den östlichen Fragen; ebensowenig von den Kriegszielen unserer Bundesgenossen. Scharf pointiert bezeichnete er die elsaß-lothringische Frage als das einzige Friedenshindernis, und in dieser Frage rief er ein stark betontes „Niemals!“ in die Welt. Alle anderen Fragen, die in dem weitschichtigen Koalitionskrieg eine Rolle spielten, mochten sie uns angehen oder unseren Bundesgenossen, wurden damit als diskutabel bezeichnet, und gleichzeitig wurde der deutsch-französische Gegensatz für uns und unsere Mächtegruppe als der entscheidende Grund für die Fortführung des Krieges hingestellt. Herr von Kühlmann stellte sich also in der Beurteilung des entscheidenden Friedenshindernisses auf den seit dem Frühjahr 1917 von dem Grafen Czernin vertretenen Standpunkt, lehnte aber die von diesem gezogene Konsequenz des Verzichts auf Elsaß-Lothringen kategorisch ab. Frankreich, das um die Mitte des Jahres Zeichen von Verhandlungsbereitschaft gegeben hatte, wies jetzt jede Preisgabe seiner elsaß-lothringischen Forderungen weit von sich, England hatte sich auf Frankreichs elsaß-lothringische Forderung festgelegt, und auch die Vereinigten Staaten ließen erkennen, daß die Wiederangliederung Elsaß-Lothringens an Frankreich auch für sie eines der wesentlichen Kriegsziele sei.
Ein Versuch, der elsaß-lothringischen Frage durch Zugeständnisse an die elsaß-lothringische Bevölkerung, etwa durch die Gewährung der bundesstaatlichen Autonomie die Spitze abzubrechen, lag nahe. Die Mehrheitsparteien des Reichstags drängten auf eine solche Lösung, und Herr Michaelis hatte auch bereits gegen Ende August zugesagt, daß er sich über diese Frage mit den Verbündeten Regierungen ins Benehmen setzen werde. Die in einem früheren Stadium des Krieges erörterte Aufteilung der Reichslande unter Preußen, Bayern und vielleicht einige anderen Bundesstaaten war damals abgetan. Herr von Kühlmann schien der Autonomiegewährung zuzuneigen. Die gesamte Kriegslage hatte sich so zugespitzt, daß in dieser Frage alle die nicht geringen Bedenken innerpolitischer und militärischer Natur hinter den Erfordernissen der auswärtigen Politik hätten zurücktreten müssen, wenn solche Erfordernisse mit Entschiedenheit geltend gemacht worden wären. Aber daran fehlte es, und so blieb auch diese Frage in Schwebe, nicht nur während der kurzen Kanzlerschaft des Herrn Michaelis, sondern darüber hinaus auch während der ganzen Regierung des Grafen Hertling.
Unterdessen erneuerten die Westmächte ihre militärischen Anstrengungen. Die Anfang Juni eingeleitete, aber nach verhältnismäßig geringen Anfangserfolgen ins Stocken geratene Schlacht in Flandern lebte von neuem auf und erreichte Mitte August einen Höhepunkt. Um die gleiche Zeit setzte eine starke französische Offensive bei Verdun ein, in der die Franzosen örtliche Erfolge errangen. In Flandern ließen die englischen Angriffe vorübergehend nach. Die Offensive begann in der zweiten Septemberhälfte von neuem und dauerte mit kurzen Pausen bis in den November. Die Engländer gewannen in unsagbar blutigem Ringen Schritt für Schritt Boden, kamen aber schließlich auf den Höhen von Paschendaele zum Stehen. Um die Mitte des Oktober erfolgten starke französische Angriffe bei Soissons und am Chemin des Dames. Auch hier gelang es den Franzosen, in unsere Linien einzubrechen und uns vom Rücken des Damenweges herabzudrücken; aber unser System der „elastischen Verteidigung“ vereitelte jeden entscheidenden Erfolg.
In der gleichen Zeit erneuerte unser Ostheer den Druck auf die Russen. Anfang September wurden die russischen Truppen an der Düna geworfen; am 3. September fiel Riga in unsere Hand. Um die Mitte des Oktober wurden Ösel und die benachbarten Inseln des Rigaischen Meerbusens besetzt. Die russische Front zeigte eine fortschreitende Auflösung. Auch die aus dem Innern Rußlands kommenden Nachrichten ließen einen baldigen Zusammenbruch der russischen Widerstandskraft erwarten.
Die zweite Kanzlerkrisis
Ehe der russische Zusammenbruch eintrat, kam die in Deutschland seit dem 22. August unter der Oberfläche schwelende Kanzlerkrisis zum offenen Ausbruch.
Schon in den Sitzungen des Hauptausschusses in den letzten Septembertagen hatten die Mehrheitsparteien zwar die Ausführungen des Staatssekretärs von Kühlmann mit großem und demonstrativem Beifall begrüßt, diejenigen des Reichskanzlers dagegen mit bemerkenswerter Kälte aufgenommen. Nicht nur, daß die Mehrheitsparteien Herrn Michaelis den mißglückten Versuch vom 22. August nachtrugen, die Fesseln der Friedensresolution zu lockern, — es kam vielmehr hinzu, daß sie aus seinem bisherigen Auftreten den Schluß zogen, daß er dem schweren Amte des Reichskanzlers nicht gewachsen sei, und weiter, daß sich bei ihnen das zutreffende Gefühl verstärkt hatte, daß Herr Michaelis im Grunde seines Herzens den Rechtsparteien näherstehe als der Reichstagsmehrheit, mit der zu regieren er übernommen hatte.
Die hieraus sich ergebenden Konfliktsmöglichkeiten wurden verschärft durch die Gegenwirkung, die sich gegen die in der Friedensresolution des Reichstags zum Ausdruck gekommene Politik eingestellt hatte. Die Gründung der „Vaterlandspartei“, die den Kampf gegen die „Resolutionsmehrheit“ und den „Verzichtfrieden“ auf ihre Fahnen schrieb, der starke Zulauf, den die Vaterlandspartei gleich nach ihrer Gründung zu verzeichnen hatte, ihre eifrige Propaganda und ihre scharfen Angriffe gegen die Träger der Mehrheitspolitik, — das alles erhitzte die Gemüter. Der Verdacht der Begünstigung der Vaterlandspartei durch die Reichsleitung und die preußische Staatsregierung oder zum mindesten durch deren Organe, vor allem aber durch die oberste Heeresleitung und die Militärverwaltung gab der täglich heißer werdenden Kampfstimmung eine Richtung gegen den für die Leitung der Reichspolitik verantwortlichen und ohnedies in seiner Gesinnung nicht unverdächtigen Reichskanzler.
In der Erregung der Mehrheitsparteien über die Agitation der Vaterlandspartei zeigte sich wieder einmal der unpolitische Sinn des Deutschen. Einer jeden Regierung, auch einer solchen, die einen Verständigungsfrieden, ja einen Verzichtfrieden zu machen entschlossen ist, kann eine starke nationale Bewegung nur willkommen sein. Sie steht bei allen Verhandlungen ungleich besser da, wenn sie dem anderen Teil vorhalten kann, wie schwer es ihr werden wird, Zugeständnisse vor dem eigenen Volke zu vertreten und zu rechtfertigen, als wenn der andere Teil in der Lage ist, sie darauf hinzuweisen, daß ihr Volk sich längst mit jedem Zugeständnis abgefunden habe, ja um des Friedens willen die weitestgehenden Zugeständnisse verlange. Angriffe, die aus einer, sei es auch überspannten nationalen Gesinnung kommen, müssen in solchen entscheidungsschweren Lagen hingenommen und ertragen werden, wenn sie die eigene Position gegenüber dem Verhandlungsgegner stärken; sie müssen hingenommen und ertragen werden nicht nur von den leitenden Staatsmännern, sondern auch von den Parteiführern, die den Ehrgeiz haben, die Politik mitzubestimmen. Darüber habe ich mich in den kritischen Tagen des Herrn Michaelis mehrfach mit leitenden Persönlichkeiten der Mehrheitsparteien ausgesprochen, um ihre Erregung gegen die Vaterlandspartei zu mildern und um ihnen begreiflich zu machen, daß der Kanzler, ohne der deutschen Sache zu schaden, gar nicht in der Lage sei, in der von ihnen gewünschten Weise gegen die Vaterlandspartei Stellung zu nehmen.