Aus dieser Lage zog Herr Michaelis die Folgerung, indem er mich beauftragte, dem Kaiser den Vorschlag zu unterbreiten, daß der bayrische Ministerpräsident Graf Hertling zum Reichskanzler ernannt werden solle, während er, Herr Michaelis, als preußischer Ministerpräsident, wenigstens bis zur Erledigung der Wahlreform, auf seinem Posten bliebe.
Ich hob gegenüber Herrn Michaelis die Bedenken der Trennung des Reichskanzleramtes und des preußischen Ministerpräsidiums hervor; aber ich konnte mich dem Argument nicht ganz verschließen, daß die Trennung als eine vorübergehende Ausnahmemaßregel, um den durch die Reichspolitik voll in Anspruch genommenen Kanzler von der Last der Durchbringung der preußischen Wahlreform zu befreien, schließlich hingenommen werden könne. Gegen den Grafen Hertling, der schon bei Bethmanns Abgang an erster Stelle in Betracht gezogen worden war, damals aber abgelehnt hatte, sprach sein hohes Alter. Für ihn sprach, daß er als Vorsitzender des Bundesratsausschusses für auswärtige Angelegenheiten in der auswärtigen Politik kein Neuling war; ferner daß er in den parlamentarischen Kreisen als alter und erfahrener Parlamentarier ein hohes Ansehen genoß und in dem Zentrum, der stärksten Partei des Reichstags, auf einen sicheren Rückhalt rechnen konnte, ein Umstand, der die dringend nötige Wiederkehr einigermaßen stabiler innerpolitischer Verhältnisse erhoffen ließ. Wenn Herr Michaelis als preußischer Ministerpräsident im Amte blieb, so war überdies der fatale Eindruck, als ob er den Unabhängigen Sozialdemokraten geopfert werde, wenigstens einigermaßen abgeschwächt.
Der Kaiser erklärte sich nach einer Erörterung der inneren und äußeren Lage mit dieser Lösung einverstanden und beauftragte mich, Herrn Michaelis davon zu verständigen, während er Herrn von Valentini den Auftrag gab, durch den Grafen Lerchenfeld den Grafen Hertling alsbald nach Berlin bitten zu lassen.
Graf Hertling kam am Sonntag, 28. Oktober, in Berlin an und hatte zunächst eine eingehende Aussprache mit Herrn Michaelis. Für den Nachmittag war er zum Kaiser befohlen. Ich sprach ihn vor der Audienz beim Grafen Lerchenfeld. Er war geneigt, den Kanzlerposten anzunehmen. Wegen der Fühlungnahme mit den Parteien riet ich ihm, sich beim Kaiser Bedenkzeit für seine endgültige Entschließung auszubitten und dann den Parteiführern zu sagen: Der Kaiser beabsichtigt, mich zum Reichskanzler zu ernennen; ich bin geneigt, anzunehmen, lege aber Wert darauf, mich vor meiner endgültigen Antwort an den Kaiser mit Ihnen über die Linien der zu verfolgenden Politik auszusprechen.
Um dem Grafen Hertling keinen Zweifel daran zu lassen, daß ich nicht wünschte, ihm mit meiner Person irgendwie ein Hindernis zu sein, schrieb ich ihm den nachstehenden Brief, den er bei der Rückkehr von der Audienz beim Kaiser vorfand:
Berlin, den 28. Oktober 1917.
Euer Exzellenz bitte ich, in dem Augenblick, in dem Sie im Begriffe sind, sich über die Annahme des Reichskanzleramtes zu entscheiden, nachstehendes vortragen zu dürfen.
Angesichts der schweren Euer Exzellenz bevorstehenden Aufgabe halte ich es für meine Pflicht, soweit es an mir liegt, jedes Hindernis, das einer gedeihlichen Wirksamkeit Eurer Exzellenz im Wege stehen könnte, beseitigen zu helfen. Meine Person in der Stellung als Stellvertreter des Reichskanzlers kann ein solches Hindernis sein. In den fast drei Jahren meiner Tätigkeit im Reichsdienst und namentlich in den siebzehn Monaten meiner Tätigkeit als Staatssekretär des Innern und allgemeiner Stellvertreter des Reichskanzlers habe ich mir in Parlament und Presse Gegnerschaften zugezogen, die bei meinem Verbleiben im Amte für Euer Exzellenz eine ebenso unerwünschte wie vermeidbare Belastung bilden können. Euer Exzellenz brauchen außerdem in der Auswahl Ihrer Mitarbeiter und namentlich Ihres ersten Mitarbeiters volle Bewegungsfreiheit. Ich stelle deshalb mein Amt Euer Exzellenz zur Verfügung und erkläre mich bereit, Seiner Majestät dem Kaiser mein Entlassungsgesuch einzureichen, sobald Euer Exzellenz sich überzeugt haben sollten, daß mein Ausscheiden im Interesse der Sache liegt und Euer Exzellenz die Bewältigung der neuen großen Aufgabe erleichtert.