1. ob es richtig sei, daß ich mich dem Abgang des Herrn Michaelis widersetze, oder daß ich ihn jedenfalls noch bis zum Dezember halten wolle;
2. ob es richtig sei, daß ich einen Plan entworfen habe oder wenigstens befördere, der bezwecke, die Mehrheitssozialdemokraten aus Anlaß des nächsten Kriegskredits in die Opposition zu drängen und dann eine neue Mehrheit mit scharfer Frontstellung nach links zu bilden.
Ich habe Herrn Haußmann, der diese Fragen sehr offiziell an mich richtete, zunächst privatim und persönlich — ich stand mit ihm persönlich stets auf einem guten Fuß — meine Meinung über den Takt und die Klugheit solcher Fragen gesagt und ihm dann offiziell erklärt:
1. daß ich es ablehnen müßte, als Stellvertreter des Reichskanzlers und Staatssekretär irgendwelche Erklärungen über meine Stellung zu dem Bleiben oder Gehen des Reichskanzlers abzugeben;
2. daß ich es stets als einen wesentlichen Erfolg der Politik des Herrn von Bethmann Hollweg angesehen hätte, daß es gelungen sei, die Massen der sozialdemokratischen Arbeiterschaft und ihre parlamentarische Vertretung in der vaterländischen Front zu halten; ich hoffte, daß dieses auch weiterhin möglich sein werde.
Herr Haußmann gab sich die erdenklichste Mühe, mir die Unhaltbarkeit der Stellung des Herrn Michaelis und die unbedingte Einigkeit der Mehrheitsparteien und der Nationalliberalen in diesem Punkte klarzumachen. Als Reichskanzler empfahl er — damals schon! — in erster Reihe den Prinzen Max von Baden, an zweiter Stelle den Staatssekretär von Kühlmann. Gegen den Fürsten Bülow, für den von den Herren Erzberger und Stresemann starke Propaganda gemacht werde, seien der größte Teil des Zentrums, seine eigenen Parteifreunde und mit der größten Entschiedenheit die Sozialdemokraten.
Herr Michaelis hielt unterdessen an der Hoffnung fest, daß es ihm gelingen werde, einen Umschwung in der Stimmung der Parteien herbeizuführen. Er rechnete dabei auf die Unterstützung sozialdemokratischer Gewerkschaftskreise, mit denen er glaubte in guter Fühlung zu stehen.
Für Freitag, 26. Oktober, vormittag, wurden der Vizepräsident des Staatsministeriums von Breitenbach und ich zum Kaiser nach Potsdam zum Vortrag befohlen. Ich war auch jetzt noch entschlossen, dem Kaiser zu raten, Herrn Michaelis aus dem vorliegenden Anlaß nicht zu verabschieden, sich vielmehr Zeitpunkt und Umstände nach den Erfordernissen der äußeren und inneren Politik auszusuchen.
Vor der Fahrt nach Potsdam besuchte ich den Reichskanzler, um diesen von der Tatsache, daß der Kaiser mich zum Vortrag befohlen habe, zu unterrichten. Ich fand Herrn Michaelis in seiner bisherigen Zuversichtlichkeit stark erschüttert. Dazu hatte beigetragen eine Zeitungsmeldung über eine Audienz des bayrischen Gesandten Grafen Lerchenfeld beim Kaiser, die in Wirklichkeit überhaupt nicht stattgefunden hatte. Herr Michaelis sagte mir, daß er kürzlich bei einer Unterredung mit dem Grafen Lerchenfeld den bestimmten Eindruck gehabt habe, daß auch dieser ihn für reif zum Abgang halte. Das war keine Täuschung; auch mir gegenüber hatte sich Graf Lerchenfeld sehr entschieden in diesem Sinne ausgesprochen. Herr Michaelis nahm an, daß Graf Lerchenfeld auch dem Kaiser in diesem Sinne vorgetragen haben werde. Vor allem aber war Herr Michaelis zu der Überzeugung von der Unhaltbarkeit seiner Stellung dadurch gekommen, daß seine Verhandlungen mit den Gewerkschaftlern sich zerschlagen hatten. Diese hatten ihm eine Liste von Forderungen präsentiert, die, wie Herr Michaelis mir sagte, außerordentlich weit gingen und auch, soweit sie an sich vielleicht annehmbar wären, nicht als Bedingung für das Verbleiben des Kanzlers aufgestellt werden dürften.