Die Ukraine hatte, wie oben dargestellt ist, alsbald nach Abschluß ihres Friedens mit den Mittelmächten diese um Hilfe gegen Sowjetrußland bitten müssen. Deutschland hatte seine Truppen sofort in die Ukraine einrücken lassen; österreichisch-ungarische Truppen waren gefolgt, nachdem der deutsche Vormarsch und das deutsche Ultimatum die russische Regierung gezwungen hatten, ihre Vertreter wieder nach Brest-Litowsk zu schicken. Aber auch nach Abschluß des Friedens mit Rußland hörten die Kämpfe in der Ukraine nicht auf, obwohl Rußland sich zur Zurückziehung seiner Truppen, einschließlich der Roten Garden, hatte verpflichten müssen. Unsere Militärs vertraten nachdrücklich die Ansicht, daß die Ukraine den von ihr übernommenen Verpflichtungen wirtschaftlicher Art, von deren Erfüllung die Mittelmächte eine wesentliche Entlastung ihrer schwierigen Ernährungslage erwarteten, wenn überhaupt, so nur dann würde nachkommen können, wenn durch eine Säuberung des Landes von den bolschewistischen Unruhestiftern Ordnung und Sicherheit wiederhergestellt werden würden. Im Laufe der Monate März, April und Mai wurde in häufigen Kämpfen mit bolschewistischen Truppen und Banden das ganze Gebiet der Ukraine bis zum Don, einschließlich der Halbinsel Krim, von unseren Truppen, zu deren Oberbefehlshaber Anfang April der Feldmarschall von Eichhorn ernannt wurde, durchzogen und besetzt.
Schließlich sah sich der deutsche Oberbefehlshaber veranlaßt, auch in die inneren Verhältnisse der Ukraine mit bewaffneter Hand einzugreifen. Die Zentralrada erwies sich immer mehr als unfähig, ihre Autorität durchzusetzen; vor allem gelang es ihr weder die von ihr übernommenen Getreidelieferungen sicherzustellen noch auch für eine ausreichende Frühjahrsbestellung zu sorgen. Es kam zu starken Reibungen mit der Zentralrada, ja zu Anschlägen gegen das Leben der deutschen Offiziere und zu scharfen Maßnahmen des deutschen Oberbefehlshabers, unter anderem zur Verhaftung einzelner kompromittierter Radamitglieder aus einer Sitzung dieser Körperschaft heraus. Gleichzeitig kam es zu einer Auflehnung der Bauernschaft, die mit den kommunistischen Enteignungsgesetzen der Rada, nicht einverstanden war. Eine Versammlung von Bauerndelegierten in Kiew sagte sich von der Rada los und rief den General Skoropadski zum Hetman und Diktator der Ukraine aus. Der Hetman erhielt die deutsche Anerkennung und die tatkräftige Unterstützung des in der Ukraine stehenden deutschen Militärs.
Für unser Verhältnis zu Sowjetrußland war dieser Umschwung in der Ukraine von großer Bedeutung. Der russische General und ehemalige Flügeladjutant des Zaren Skoropadski galt dort als Vorkämpfer der großrussischen Gegenrevolution; die ihm von Deutschland gewährte Unterstützung wurde namentlich von den „Linken Sozialrevolutionären“, die in der Ukraine den Hauptteil ihrer Anhängerschaft hatten, voller Erbitterung als eine feindselige Handlung Deutschlands gegen die russische Revolution hingestellt und zu einer erneuten Aufpeitschung der Volksstimmung gegen Deutschland benutzt.
Ebensowenig wie in der Ukraine fanden in Finnland die Kämpfe der von den Mittelmächten anerkannten einheimischen Regierung mit den russischen Truppen und Roten Garden durch den Abschluß des Friedensvertrags ein Ende. Wenige Tage vor der Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen den Vierbundmächten und Sowjetrußland, der diesem die sofortige Räumung Finnlands auferlegte, hatte die finnische Regierung durch ihre Berliner Bevollmächtigten ein offizielles Hilfegesuch an die deutsche Regierung gerichtet. Nachdem trotz der von Rußland im Brester Frieden übernommenen Verpflichtung die Kämpfe in Finnland unter Mitwirkung russisch-bolschewistischer Truppen fortdauerten, landeten Anfang April deutsche Truppen in Hangö. Mit deren Unterstützung gelang es der finnischen Regierung, der Rotgardisten Herr zu werden. Mitte Mai waren alle wichtigen Plätze Finnlands in den Händen der von den Deutschen unterstützten finnischen Regierungstruppen; aber an eine völlige Zurückziehung der deutschen Truppen war hier, wenn nicht der erzielte Erfolg sofort wieder aufs Spiel gesetzt werden sollte, ebensowenig zu denken wie in der Ukraine.
Ganz besonders schwierig gestalteten sich die Verhältnisse im Kaukasusgebiet. Türkische Truppen bemächtigten sich alsbald nach dem Abschluß des Friedens der nach dem Brester Vertrag von den russischen Truppen zu räumenden Bezirke Erdehan, Kars und Batum. Sie machten auch an den Grenzen dieser Bezirke nicht halt; es bedurfte eines fortgesetzten starken Druckes von deutscher Seite, um die türkischen Armeeführer, die sich auf strategische Notwendigkeiten, namentlich in Rücksicht auf den Fortgang der Kämpfe mit den Engländern im mittleren Mesopotamien, beriefen, einigermaßen zurückzuhalten. Aus dem Völkergewirr des Kaukasus entstanden nach der Auflösung der russischen Herrschaft neue Gebilde. Georgier, Armenier und Tataren suchten eigene Freistaaten zu bilden und sich dann zu einer transkaukasischen Republik zusammenzuschließen. Eine festere Form nahm jedoch von diesen Gebilden nur Georgien an, dessen Unabhängigkeit gegen Ende Mai 1918 durch den in Tiflis zusammengetretenen georgischen Landtag proklamiert wurde. Der neue georgische Staat suchte alsbald durch die Entsendung seines auswärtigen Ministers nach Berlin freundschaftliche Beziehungen mit Deutschland anzuknüpfen, die deutsche Anerkennung seiner Unabhängigkeit zu erlangen und sich die deutsche Unterstützung zu sichern. Herr von Kühlmann teilte am 24. Juni 1918 im Reichstag mit, daß das Deutsche Reich den Staat Georgien „durch diplomatischen Notenwechsel als de facto bestehend anerkannt“ habe; für seine „juristisch-diplomatische Anerkennung“ gälten dieselben Grundsätze wie hinsichtlich Estlands und Livlands. Das deutsche Interesse an Georgien wurde dadurch betont, daß der General von Kreß mit einer starken Schutzwache in diplomatischer Mission nach Tiflis entsandt wurde. In der Tat waren die Petroleumvorkommen von Baku, die durch eine durch Georgien führende Röhrenleitung mit Batum am Schwarzen Meer in Verbindung standen, vor allem aber die reichen georgischen Lager von Manganerz sowohl unmittelbar für die Fortsetzung des Krieges wie auch späterhin für die Übergangs- und Friedenszeit für Deutschlands Versorgung mit diesen beiden wichtigen Produkten von besonderer Bedeutung.
Das Interesse, das unsere Regierung und Heeresleitung an den kaukasischen Dingen nahm, brachte uns Reibungen nicht nur mit Sowjetrußland, sondern auch mit unserem türkischen Bundesgenossen, der geneigt war, das ganze Gebiet Kaukasiens als seine besondere Interessensphäre zu betrachten und zu behandeln. Der ganze mit den kaukasischen Angelegenheiten zusammenhängende Fragenkomplex wurde schließlich einer Konferenz überwiesen, die im Juni in Konstantinopel zusammentreten sollte.
Nimmt man hinzu, daß der Bukarester Friede die Dobrudschafrage und die Maritzafrage offengelassen hatte und daß die Durchführung wichtiger seiner Bedingungen die Fortdauer der Besetzung der Walachei durch eine ansehnliche Truppenmacht zur Voraussetzung hatte, so liegt zutage, daß die östlichen Friedensschlüsse den Krieg nach Osten weder diplomatisch noch militärisch vollständig liquidiert hatten. Schwierige Fragen, die nicht nur unser Verhältnis zu den bisherigen Feinden, sondern auch zu den neu entstehenden staatlichen Gebilden und vor allem auch zu unseren Bundesgenossen betrafen, blieben offen, wurden zum Teil erheblich verschärft oder tauchten neu auf. Wenn auch die kriegerischen Aktionen großen Ausmaßes ihr Ende gefunden hatten, so nahm doch der Kleinkrieg seinen Fortgang und erstreckte sich von Finnland bis zur Krim und dem Kaukasus, über erheblich weitere Gebiete als vorher die eigentlichen Feldzüge. Wohl konnte schon vor den Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen und erst recht nach den Friedensschlüssen die große Masse der bisher im Osten kämpfenden Truppen für die Entscheidungskämpfe im Westen freigemacht werden; aber was in den weit ausholenden Expeditionen zu Kampfzwecken und in den kaum übersehbaren Gebieten zu Besatzungszwecken gebunden blieb, stellte immer noch eine stattliche Armee dar. Dazu kam, daß auch jetzt noch, nach dem Ausscheiden Rumäniens aus der Reihe unserer kriegführenden Feinde, das durch die griechische Armee verstärkte Ententeheer in Saloniki als dauernde Bedrohung unseres in hohem Maße erschöpften und auf unsere Hilfe angewiesenen bulgarischen Bundesgenossen verblieb und daß die gleichfalls stark erschöpfte türkische Armee in Syrien wie in Mesopotamien einen schweren Stand gegen die Engländer hatte und, ebenso wie das bulgarische Heer, auf unsere Hilfe Anspruch machte.
Auch wirtschaftlich brachten uns die östlichen Friedensschlüsse keineswegs in vollem Umfang die erwartete Entlastung. Die Ukraine blieb mit den vertragsmäßig zugesagten Getreidelieferungen erheblich im Rückstand. Nicht nur, daß die von der Zentralrada mit Hartnäckigkeit versuchte Verstaatlichung des Handels es nahezu unmöglich machte, das bei den Bauern noch vorhandene Getreide herauszuholen, daß die Zeit in endlosen Verhandlungen über die Gestaltung des Austausches verloren wurde, daß die Wiederherstellung der Verkehrsmittel große Schwierigkeiten machte und daß die politischen und sozialen Unruhen einen geregelten Wirtschaftsverkehr nicht aufkommen ließen, — es stellte sich auch heraus, daß die ukrainischen Vertreter bei den Friedensverhandlungen die noch vorhandenen Bestände an Lebensmitteln bedeutend überschätzt hatten. Der vierjährige Krieg und schließlich die Revolution hatten die landwirtschaftliche Erzeugung selbst der wunderbaren „Schwarzen Erde“ stark herabgedrückt. Der ukrainische „Brotfriede“ erwies sich als eine Illusion.
In Rumänien standen die Dinge nicht viel günstiger. Der Feldzug hatte die Ernte des Jahres 1916 großenteils aufgebraucht und die Bestellung für das Jahr 1917 beeinträchtigt. Die Ernteaussichten für 1918 waren infolge anhaltender Trockenheit ausgesprochen schlecht. Die andere große Hilfe, auf die wir bei Rumänien rechneten, das Petroleum und seine Erzeugnisse, stand zunächst auch nur in beschränktem Umfang zur Verfügung; denn die Rumänen hatten die Anlagen und Vorrichtungen zur Gewinnung und Verarbeitung des Petroleums mit Hilfe englischer und amerikanischer Fachleute mit einem solchen Raffinement und einer solchen Gründlichkeit zerstört, daß die Wiederherstellung lange Zeit erforderte.
Am wenigsten befriedigend gestalteten sich die wirtschaftlichen Beziehungen zu Sowjetrußland. Die von dort erwartete Hilfe in Nahrungs- und Futtermitteln wie in kriegswichtigen Rohstoffen blieb völlig aus. Es gelang nicht, auch nur den bescheidensten Warenaustausch in Gang zu bringen. Die inneren, in den Verhältnissen selbst begründeten Schwierigkeiten wurden gesteigert durch eine passive Obstruktion, die unverkennbar von den Männern der bolschewistischen Regierung, so sehr diese fortgesetzt ihren guten Willen betonte, unterstützt und geleitet wurde.