Wie schon in seiner Antwort auf den Friedensvorschlag des Papstes, so suchte der Präsident Wilson bei dem deutschen Volke, für dessen Ohren diese Botschaft mindestens ebensosehr bestimmt war wie für die Ohren seiner unmittelbaren Zuhörerschaft, den Eindruck zu erwecken, als gelte der Krieg Amerikas nur den „Herren Deutschlands“, und diesen in aller Unerbittlichkeit, nicht aber dem deutschen Volke selbst, für das er seine Sympathie und Bewunderung ausdrückte; als hänge es nur von dem deutschen Volk ab — in dessen innere Angelegenheiten er sich beileibe nicht einmischen wolle! —, durch Davonjagen seiner „Herren“ zu einem Frieden der unparteiischen, Freund und Feind mit gleichem Maße messenden Gerechtigkeit zu kommen. In späteren Reden und Botschaften hat er denselben Faden weitergesponnen. Das hart geprüfte, unter den Opfern und der Last des Krieges schwer leidende deutsche Volk horchte allmählich auf. Nicht nur in einfältigen Gemütern fanden die verführerischen Worte Wilsons Eingang; auch ein großer Teil der „Intelligenz“ und derjenigen Leute, die bei uns die Rolle von Politikern spielten, sich selbst für Politiker hielten und dafür halten ließen, kam allmählich dazu, in Wilsons Worten Offenbarungen zu hören. Mit besonderer Aufdringlichkeit spielte sich Herr Maximilian Harden, einer der schlimmsten Verderber des deutschen Geistes, als Wilsons Prophet auf. Immer kleiner wurde die Schar derjenigen, die in Wilsons Ausführungen nichts anderes erblickten als den entschlossenen Willen der Fortsetzung des Krieges bis zur Niederwerfung Deutschlands und die mit Doktrinarismus und Unkenntnis europäischer Verhältnisse gepaarte Absicht der Bemäntelung dieses Kriegswillens mit völkerbeglückenden Ideen, dazu den Versuch, das deutsche Volk in sich selbst zu entzweien und es gegen die Monarchie und ihre Träger aufzuwiegeln.

Nichts anderes als dieser Wilson hatte nach Lloyd Georges Bekundung Lord Lansdowne in seinem Briefe sagen wollen. Und Lloyd George selbst? — Er machte in seiner Rede vom 15. Dezember aus seinem Herzen wahrhaft keine Mördergrube. Er warnte eindringlich vor den Pazifisten, die auf allerhand Schleichwegen England zu einem voreiligen Frieden zu bewegen suchten. Er erklärte es für einen Wahn, man könne den Krieg durch einen Völkerbund beenden. Das sei zwar eine gute Sache nach dem Siege, aber jetzt klinge der Vorschlag wie ein Scherz. Wolle man ohne Sicherheit gegen die Wiederholung des von Deutschland begangenen Vertragsbruches ein neues Abkommen schaffen, so sei das aber kein Witz mehr, sondern ein Trauerspiel. Er gebe nichts auf Worte ohne die Kraft und Macht des Sieges. Die „Preußen“ — er sprach mit Absicht nicht von den „Deutschen“ — bezeichnete er als „Verbrecher und Banditen“. Die sichere Hoffnung auf den Sieg trotz des Ausscheidens Rußlands begründete er mit dem Hinweis darauf, daß an die Stelle Rußlands, das sich als der am schlechtesten organisierte Staat erwiesen habe, jetzt die Vereinigten Staaten mit ihrer ganzen Kraft getreten seien.

Einige Tage später, am 21. Dezember, nahm Lloyd George Gelegenheit, sich im Unterhaus in einer großen Rede über die Lage auszusprechen. Er verhehlte nicht die Gefahren: Der Lebensmittelmangel bei den Alliierten sei größer als erwartet. Die zu Anfang des Jahres gehegten militärischen Hoffnungen seien nicht in Erfüllung gegangen; zwar hätten die Deutschen auf dem westlichen Kriegsschauplatz Niederlagen erlitten und hätten die Engländer Bagdad und Jerusalem erobert; aber die Lage sei bedrohlicher geworden durch die unerwartete Niederlage Italiens, dem seine Verbündeten hätten zu Hilfe kommen müssen, und durch Rußlands Eintritt in Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen. Die kommenden Wochen würden die sorgenvollsten des ganzen Krieges sein. Auf Grund dieser Lage kündigte er Maßregeln zur Vergrößerung des Heeres an. Von Friedensbereitschaft war auch aus dieser Rede nicht der leiseste Klang herauszuhören. Zwar wies er den Gedanken als lächerlich weit von sich, England habe am Krieg teilgenommen, um Gebietsteile zu erwerben. Aber er blieb dabei, der Krieg sei verursacht worden durch die „ruchlose Arroganz der deutschen Militärkaste“, und solange der Geist dieser Kaste nicht gebrochen sei, werde kein Friede in der Welt sein. Der Sieg sei das einzige Mittel, den Friedensbedingungen Kraft zu verleihen.

Nun kam die Unterbrechung der Brester Friedensverhandlungen auf zehn Tage mit der ausdrücklichen Begründung, daß Rußlands Verbündeten Gelegenheit gegeben werden solle, den Verhandlungen beizutreten und so den Weg zum allgemeinen Frieden zu öffnen. Für diesen Fall hatten die Mächte des Vierbundes ausdrücklich die Grundlage: „Keine gewaltsamen Gebietserwerbungen, keine Kriegsentschädigungen, Selbstbestimmungsrecht der Völker“ durch die Erklärung des Grafen Czernin vom 25. Dezember als maßgebend angenommen. Die russische Regierung wandte sich mit ihrer Aufforderung, den allgemeinen Frieden auf diesem Boden herbeizuführen, an die Völker. Es konnte kaum mehr zweifelhaft sein, daß im Falle einer Weigerung der alliierten Regierungen, den Friedensverhandlungen beizutreten, Rußland mit den Mächten des Vierbundes in kürzester Zeit einen Sonderfrieden abschließen würde.

Wir wissen bereits, daß die Ententeregierungen es ablehnten, sich auf Friedensverhandlungen einzulassen.

Am meisten beeilte man sich mit der Ablehnung in Paris. Der Minister des Auswärtigen, Herr Pichon, teilte bereits am 27. Dezember in der Kammer mit, daß die Vertreter der Alliierten in Petersburg erklärt hätten, an dem Tage, an dem in Rußland eine regelrecht konstituierte Regierung bestehen werde, seien sie bereit, mit dieser ihre Kriegsziele und die eventuellen Bedingungen eines dauerhaften und gerechten Friedens zu besprechen. Herr Pichon erging sich dann auf eigene Rechnung in Beschuldigungen gegen Deutschland, das Rußland von seinen Verbündeten trennen, es zerstückeln und berauben, schließlich die Revolution niederwerfen und das autokratische Regime unter preußischer Hegemonie wieder aufrichten wolle. Er wiederholte ferner Frankreichs Ansprüche auf Elsaß-Lothringen und schloß mit Clemenceaus Parole: „Zuerst siegen!“

In Rom lehnte der Ministerpräsident Orlando in einer Rede vor dem Senat die Friedensgrundlagen, wie sie in Brest-Litowsk präzisiert worden waren, ab, da sie Frankreich Elsaß-Lothringen und Italien die unerlösten Provinzen vorenthielten. Es handle sich bei den Mittelmächten nicht um ein aufrichtiges Streben nach Frieden, sondern um eine hinterlistige Friedensoffensive, die den Geist der kriegführenden Völker zersetzen und vergiften wolle.

Nicht ganz einfach war die Lage für die britische Regierung. Der Ernst der Situation, von dem Lloyd George am 21. Dezember im Unterhause offen und freimütig gesprochen hatte, und die Notwendigkeit noch stärkerer Anstrengungen, gegen die in der Arbeiterschaft sich Widerstände geltend machten, verstärkten sichtlich die Geneigtheit großer Teile der Bevölkerung, einen billigen Frieden anzunehmen. Hochfahrende Worte, wie sie Lloyd George noch vor kurzem gegen Deutschland, das Land der „Verbrecher und Banditen“, gebraucht hatte, waren in dieser Lage nicht ganz angebracht. Der Reichskanzler hatte in einem Interview geantwortet, nach jenen Schmähungen des britischen Premiers sei klar, daß für uns ein Verhandeln mit Männern derartiger Gesinnung ausgeschlossen sei. Lloyd George mußte sich in Rücksicht auf Strömungen in seinem eigenen Lande hüten, den Bogen zu überspannen.

Als er am 5. Januar vor den Vertretern der Gewerkschaften erschien, um bei diesen Stimmung für die geplanten großen militärischen Neuforderungen zu machen, dämpfte er merklich den Ton. Seiner Rede gab er besonderen Nachdruck durch die Erklärung, daß sie das Ergebnis von Besprechungen mit Vertretern der Arbeiterpartei, ferner mit Asquith und Grey sowie mit Vertretern der großen Dominions sei, also nicht nur die Meinung der Regierung, sondern des ganzen Britischen Reiches wiedergebe. Er führte aus: Mit dem größten Widerstreben sei England in den Krieg eingetreten, nur um die Verträge aufrechtzuerhalten, auf denen die Ordnung Europas beruhe und die Deutschland zertreten habe. Es sei nicht Englands Absicht, Deutschlands Stellung in der Welt zu erschüttern und zu vernichten; nur Deutschlands Streben nach einer militärischen Vorherrschaft müsse gebrochen werden. Auch sei England nicht in den Krieg gegangen, um die monarchische Verfassung Deutschlands zu zerstören; es sei allerdings seine Meinung, daß die Annahme eines wahrhaft demokratischen Systems durch Deutschland der überzeugendste Beweis vom Verschwinden des alten Geistes militärischer Vorherrschaft wäre und es leichter machen würde, einen auf breiter demokratischer Grundlage beruhenden Frieden zu schließen. — Lloyd George blies also in diesem Punkte dieselbe Melodie wie Wilson. — Als Kriegsziele bezeichnete er: die vollkommene Wiederherstellung Belgiens und Schadenersatz für seine verwüsteten Städte und Provinzen; die Wiederherstellung Serbiens, Montenegros und der besetzten Teile Frankreichs, Italiens und Rumäniens. Er fügte hinzu, England werde die französische Demokratie bis in den Tod unterstützen bei ihrer Forderung auf eine „reconsideration“ (Wiedererwägung oder Wiedergutmachung?) des großen Unrechtes von 1871. Er sprach sich ferner für ein unabhängiges Polen aus, das alle Gebiete umfasse, die sich ihm anzuschließen wünschten. Österreich-Ungarn solle nicht zerrissen werden, müsse aber seinen Nationalitäten Selbstregierung gewähren. Das Türkische Reich mit Konstantinopel als Hauptstadt könne bleiben, aber die Meerengen müßten neutralisiert werden, und Armenien, Arabien, Mesopotamien und Syrien müßten das Recht auf Anerkennung ihrer besonderen nationalen Verhältnisse erhalten. Über die deutschen Kolonien müsse eine Konferenz entscheiden, die in erster Linie die Wünsche und Interessen der Eingeborenen zu berücksichtigen habe. Schließlich müsse ein ernsthafter Versuch gemacht werden, eine friedliche Regelung internationaler Fragen an die Stelle des Krieges, dieses Restes alter Barbarei, zu setzen.

Auf diese Rede Lloyd Georges erfolgte am 8. Januar eine Botschaft des Präsidenten Wilson an den Kongreß, die in ihrem Gedankengang eine auffallende Übereinstimmung mit der drei Tage zuvor gehaltenen Rede Lloyd Georges zeigt. Diese Botschaft sollte späterhin dadurch eine besondere historische Bedeutung erlangen, daß die deutsche Regierung Anfang Oktober 1918 bei ihrem Ersuchen um Waffenstillstand und Frieden auf die in ihr entwickelten 14 Programmpunkte des Weltfriedens zurückgriff und daß die alliierten Regierungen diese 14 Punkte mit zwei Vorbehalten als Grundlage des abzuschließenden Friedens annahmen.