Auch in der Ausrüstung mit Kriegsgerät aller Art waren wir aus dem Zustand unbedingter Unterlegenheit herausgekommen; einmal dadurch, daß das Hindenburg-Programm, nach den anfänglichen Übertreibungen, der Leistungsfähigkeit der deutschen Arbeit und der deutschen Hilfsquellen besser angepaßt worden war; ferner ohne Zweifel auch dadurch, daß der U-Bootkrieg die Ausstattung der feindlichen Heere mit Kriegsgerät empfindlich beeinträchtigte. Die Nahrungssorgen konkurrierten scharf mit dem Heeresbedarf an Munition. Die britischen Staatsmänner richteten dringende Hilferufe an Amerika, zur Ersparung von Frachtraum „Stahl statt Erz und Granaten statt Stahl“ zu schicken.

Wie weit damals, unmittelbar vor unserer großen Offensive, die Schiffsraumnot bei unseren Feinden gestiegen war, das zeigte sich in dem Verhalten der Entente und der Vereinigten Staaten gegen die Niederlande. In der ersten Märzhälfte verlangte die Entente von den Niederlanden, daß sie ihren Schiffsraum den Zwecken der Alliierten dienstbar machen sollten. Es wurde nicht nur die Auslieferung der sämtlichen in den Häfen Amerikas und der Ententeländer liegenden niederländischen Schiffe verlangt, sondern darüber hinaus noch die Auslieferung von 300000 Bruttotonnen in Schiffen, die in den Niederlanden selbst aufgelegt worden waren. Um dieser unerhörten Forderung Nachdruck zu geben, drohten die Alliierten den Niederlanden mit der Requisition aller in ihren Häfen liegenden und auf hoher See befindlichen holländischen Schiffe sowie mit einer Sperrung der Zufuhr von Lebensmitteln für die niederländische Bevölkerung.

Die niederländische Regierung zeigte sich zunächst entschlossen, sich diesem Zwang nicht zu fügen. Die Knappheit von Brotgetreide und die dadurch bedingte Abhängigkeit von auswärtigen Zufuhren erschwerten ihr jedoch ihre Stellung im höchsten Maße. Sie wandte sich an die deutsche Regierung mit der Anfrage, ob Deutschland in der Lage und bereit sei, mit Getreide auszuhelfen. Die Zusage von 100000 Tonnen Getreide hätte damals genügt, um Holland das Durchhalten gegenüber dem Druck der Alliierten zu ermöglichen. Zwar wären auch in diesem Fall die in den feindlichen Häfen liegenden und die auf hoher See schwimmenden holländischen Schiffe in der Gewalt der Alliierten gewesen; aber die 300000 Bruttotonnen Schiffsraum, die in den Niederlanden selbst lagen, wären unseren Feinden vorenthalten worden. Die 100000 Tonnen Getreide, die Holland als Rückendeckung von uns verlangte, hätten für unsere Bevölkerung, verteilt auf die nahezu fünf Monate bis zur neuen Ernte, etwa 10 g auf den Kopf und Tag ausgemacht. Gewiß angesichts der ohnehin schmalen Kopfrate eine empfindliche Einschränkung. Aber auf der anderen Seite stand die Möglichkeit, unseren Feinden in jener entscheidenden Zeit den Schiffsraum vorzuenthalten, dessen Wichtigkeit, ja Unentbehrlichkeit sie gerade durch ihr brutales Vorgehen gegen die Niederlande anerkannten. Ich habe mich damals an den Reichskanzler gewendet und ihm auf das dringendste geraten, die von den Niederlanden erbetene Zusage zu geben. Sie wurde jedoch nach Befragen des Kriegsernährungsamts abgelehnt, und nun blieb den Niederlanden nichts anderes übrig, als vor den Alliierten unter Protest zu kapitulieren. Am 18. März nahm die holländische Regierung das von den Alliierten gestellte Ultimatum an und gab den von diesen verlangten Schiffsraum für deren Zwecke frei. Zwar machte sie dabei den Vorbehalt, daß die Schiffe keine Truppen oder Kriegsmaterial transportieren dürften und nicht bewaffnet werden sollten; aber die englische und amerikanische Regierung gingen auch über diesen Vorbehalt zur Tagesordnung über.

So schloß der letzte Versuch, vor dem Anheben des großen Endkampfes vielleicht doch noch zu einem Frieden des Ausgleiches und der Verständigung zu kommen, mit der brutalen Vergewaltigung eines Staates, der in diesem Kriege keinen anderen Wunsch hatte, als seine Neutralität auf das peinlichste zu bewahren. Dieser Gewaltakt bekundete und bestätigte mit einer Deutlichkeit, die alle Reden übertönte, die unbeugsame, vor keinem Opfer und keiner Gewalttat zurückschreckende Entschlossenheit unserer Feinde, bis ans Ende zu gehen und alles an den Sieg ihrer Sache zu setzen. Nur die Verderber der öffentlichen Meinung in Deutschland wollten nicht sehen noch hören.

Die große Offensive

Während die Staatsmänner beider Parteien über Land und Meer hinweg von Krieg und Frieden redeten, rollten im Westen auf beiden Seiten der großen Grabenlinien Tag und Nacht die Eisenbahnzüge zur Front mit Hunderttausenden von Kriegern und mit ungezähltem Material. In gespannter Erwartung, wie kaum je seit Kriegsbeginn, harrten die Armeen und harrten die Völker des Erdenrundes des gewaltigen Sturmes. Tiefes Geheimnis lag über den Plänen derer, die berufen waren, die größte Schlacht aller Zeiten zu lenken. Zwar stand das deutsche Heer allein — nur hier und dort stand österreichische Artillerie zwischen seinen Reihen — fast der gesamten Macht der Franzosen, Engländer, Belgier mit ihren Hilfsvölkern und den sich allmählich in größerer Zahl einfindenden Amerikanern gegenüber. Aber niemand bei Freund und Feind, der nicht gefühlt hätte, daß dieses Mal der Deutsche auf dem weiten Kampfgelände Frankreichs nach dreieinhalb Jahren des Abwartens und der Verteidigung den ersten Schlag führen und das Gesetz des Handelns vorschreiben würde.

In der Nacht zum 21. März begannen zwischen Scarpe und Oise auf der 80 Kilometer langen Front gegenüber den Engländern die deutschen Geschütze zu donnern. Es war nicht die Einleitung zu einem tage- und wochenlangen Trommelfeuer, wie es unsere Gegner ihren Angriffen vorauszuschicken liebten; es war ein einziger ungeheuerer Feuerschlag, der acht Stunden lang die Erde schüttelte. Inzwischen war es Tag geworden. Aber in dichten Schwaden lag der Nebel noch über der bebenden Erde, als kurz vor zehn Uhr von Arras bis La Fère die deutschen Sturmkolonnen aus ihren Gräben aufstanden und gegen die zerfetzten feindlichen Linien losbrachen. Die ersten Stellungen wurden genommen und überrannt. Unsere Batterien folgten der vorwärtsstürmenden Infanterie. Zäher Kampf um die zweiten Stellungen. Auch hier wurden die Engländer geworfen. Die folgenden Tage ließen den Einbruch zum Durchbruch werden. Die in aller Eile herangeholten englischen und französischen Reserven wurden geschlagen. Im Fluge wurde das ein Jahr zuvor im Rückzug preisgegebene Schlachtgelände an der Somme zurückgewonnen. Péronne und Bapaume, Ham und Nesle, Roye und Noyon, Albert und Montdidier wurden mit stürmender Hand genommen. Bis 20 Kilometer vor Amiens wurde der Angriff vorgetragen. Gegen 100000 Gefangene und mehr als 1300 Geschütze wurden erbeutet. Der Bann des Stellungskriegs schien nun auch im Westen gebrochen, die feindlichen Verbände schienen auf das schwerste erschüttert. Durch das deutsche Volk ging ein großes Aufatmen von langem und starkem Druck. Auch die Zweifler begannen zu glauben, nun könne es möglich werden, den langen und überlangen Krieg mit kurzen und wuchtigen Schlägen dem Ende zuzuführen.

Nach einigen Tagen des Vorwärtsstürmens kam jedoch die Bewegung ins Stocken. Die Kräfte von Mann und Roß begannen nach der ungeheueren Anspannung zu ermüden, die Schwierigkeiten des Nachschubs von Material, Munition und Proviant wuchsen mit jeder Meile, die nach vorwärts gewonnen wurde. Die Eignung der modernen Waffen, namentlich des Maschinengewehrs, zur Verteidigung und zum Aufhalten eines nachdrängenden Feindes, bewährte sich aufs neue. So gelang es Engländern und Franzosen, sich in dem weiten Bogen Arras-Montdidier-La Fère zu setzen. Ein am 28. März von unseren Truppen gegen die starken englischen Stellungen bei Arras unternommener Vorstoß, der diesen wichtigen Stützpunkt dem Feinde entreißen und damit den nördlichen Flügel der feindlichen Stellung aus den Angeln heben sollte, schlug fehl und wurde alsbald abgebrochen.