Die Pause, die unsere Heeresleitung den Gegnern gönnte, war nicht von langer Dauer. Schon am 6. April wurde ein Angriff auf die feindlichen Stellungen südlich der Oise angesetzt, der uns in kurzer Zeit in den Besitz der Höhen zwischen Oise und Aisne mit dem festungsartig ausgebauten Schloß von Coucy brachte. Der Hauptschlag wurde jedoch dieses Mal im Norden an der Front gegenüber Lille geführt. Am 9. April warfen unsere Truppen nach kurzer Artillerievorbereitung in überraschendem Angriff die Engländer und Portugiesen aus ihren Stellungen zwischen Armentières und dem La-Bassée-Kanal und drängten ihnen über die von der Lys durchströmte wasserreiche Niederung nach. Bereits am 11. April mußte Armentières, von drei Seiten eingeschlossen, kapitulieren. Am 16. April wurden die Höhen des Wytschaetebogens und Paeschendaele gestürmt und die wichtige Stadt Bailleul genommen. In wenigen Tagen war die ganze Gegend um Ypern, die uns Engländer und Belgier in den fünfmonatigen Kämpfen der zweiten Hälfte des Jahres 1917 mit ungeheuren Opfern Schritt für Schritt abgerungen hatten, wieder in unseren Händen. Am 25. April stürmten preußische und bayrische Truppen die beherrschende Höhe des Kemmelberges und das Dorf Kemmel.

Aber auch hier kam jetzt in dem schwierigen Gelände die Bewegung ins Stocken. Es gelang den Feinden, den Bogen Ypern-Hazebrouck-Béthune zu halten. Die überschwenglichen Hoffnungen, die nach dem glänzenden Anfangserfolge auf einen Durchbruch bis zur Küste und ein Aufrollen der flandrischen Front gesetzt wurden, erfüllten sich nicht. Auch eine Flankierung der feindlichen Stellungen bei Arras, wie sie wohl im Plane unserer Obersten Heeresleitung gelegen haben mag, mit der Wirkung, daß dieser Frontteil ins Wanken gebracht und damit die Einheit der Aktion mit dem großen Vorstoß zwischen Scarpe und Oise hergestellt worden wäre, wurde nicht erreicht. Auch hier gelang es dem Feind, sich in rückwärtigen Stellungen festzusetzen und rechtzeitig ausreichende Reserven heranzuholen. Abermals zeigte sich, daß die Masse unserer Feinde noch stark genug war, um mit Hilfe der Verteidigungskraft der modernen Waffen auch eine schwere Zerreißung der Front auszugleichen und den beginnenden Bewegungskrieg wieder in die starren Formen des Stellungskriegs zu zwingen. Alles spitzte sich darauf zu, ob die moralische Widerstandskraft und die Reserven des Feindes einem neuen wuchtigen Schlag gewachsen seien, und ob die Offensivkraft des deutschen Heeres ausreichen werde, um in neuen Schlägen die Lockerung des Gefüges der feindlichen Front zur völligen Zerreißung, die Schwächung der feindlichen Verbände zur Zertrümmerung auszugestalten.

In dieser schweren Bedrängnis wandte sich der Appell der englischen und französischen Staatsmänner in erster Linie an die amerikanische Hilfe. Am 28. März gab der britische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Lord Reading, ein Telegramm Lloyd Georges bekannt, in dem es hieß:

„Wir wurden in der Krisis des Krieges von einer überwältigenden Überzahl deutscher Truppen angegriffen und gezwungen, uns zurückzuziehen. Der Rückzug geht planmäßig vor sich unter dem ununterbrochenen Druck immer frischer deutscher Reserven, die gewaltige Verluste erleiden.“ Der Sturmlauf der Deutschen sei augenblicklich zum Stillstand gebracht. Aber die Schlacht, die größte und wichtigste der Weltgeschichte, stehe erst in ihrem Anfang; denn England und Frankreich wüßten, daß die große Republik im Westen keinen Kraftaufwand sparen werde, um Truppen und Schiffe so rasch wie möglich nach Europa zu senden. „Zeit ist alles in diesem Krieg. Es ist unmöglich, die Bedeutung zu überschätzen, die das Heranführen amerikanischer Verstärkungen über den Atlantischen Ozean in der kürzestmöglichen Zeit hat.“

Anfang April konnte als Ergebnis der Verhandlungen zwischen den Staatsmännern und Generalen der Westmächte und der Vereinigten Staaten mitgeteilt werden: Amerika werde nicht nur eine große Anzahl von Bataillonen während der nächsten Monate auf den europäischen Kriegsschauplatz werfen, sondern es sollten auch die amerikanischen Regimenter, die nicht zu eigenen Divisionen vereinigt werden könnten, als Brigaden in die französischen und englischen Formationen eingereiht werden. Dies solle geschehen vor allem mit denjenigen amerikanischen Truppen, die für ein selbständiges Auftreten noch nicht hinlänglich geschult seien.

Wilson erklärte sich zu jeder möglichen moralischen und materiellen Hilfe bereit. Schärfer denn jemals bisher betonte er die Entschlossenheit Amerikas, Deutschland niederzuwerfen. In einem Brief an den methodistischen Bischof Henderson, der in allen methodistischen Kirchen der Union verlesen wurde, sagte Wilson: „Die deutsche Macht, ohne Gewissen, Ehre und Verständnis für einen Verständigungsfrieden, muß zerschmettert werden. Unsere dringendste und brennendste Pflicht ist es, den Krieg zu gewinnen, und nichts wird uns erlahmen lassen, ehe dieses Ziel erreicht ist.“ Und am 6. April hielt er in Baltimore bei der Jahresfeier des Eintritts der Vereinigten Staaten in den Krieg jene Rede, die mit den Worten schloß:

„Deutschland hat noch einmal gesagt (wer, wo und wann?), daß die Macht allein entscheiden soll, ob das Recht, wie Amerika es auffaßt, die Geschicke der Menschheit bestimmen soll, oder die Oberherrschaft, wie Deutschland sie auffaßt. Wir können deshalb nur eine Antwort geben, und die ist: Gewalt, Gewalt bis zum Äußersten, Gewalt ohne Maß und Grenzen, triumphierende Gewalt, die die Gesetze der Welt wieder zur Geltung bringt und jede selbstsüchtige Oberherrschaft in den Staub schleudert.“

Aber England und Frankreich verließen sich nicht nur auf die amerikanische Hilfe, sie spannten auch ihre eigenen Kräfte bis zum Äußersten an.

Zunächst wurde unter dem Druck der höchsten Gefahr die seit langem angestrebte, schon oft angekündigte, aber niemals wirklich durchgeführte Einheit des Oberbefehls endlich verwirklicht. Die französische und britische Regierung kamen dahin überein, den General Foch zum Oberbefehlshaber ihrer Heere an der Westfront „für die Dauer der jetzigen Operationen“, wie es in der Bekanntgabe einschränkend hieß, zu ernennen. Die amerikanische Regierung trat für ihre Truppen diesem Beschlusse bei.

Ferner wurden sowohl in England wie in Frankreich energische Maßnahmen zur Schaffung neuer Reserven ergriffen. Die britische Regierung machte Ernst mit ihren Plänen, durch „Auskämmen“ der Betriebe neue Reserven verfügbar zu machen. Sie benutzte die durch die Niederlage zwischen Scarpe und Oise plötzlich handgreiflich gewordene Gefahr, um die Arbeiterorganisationen für ihre Pläne zu gewinnen.