In der Frühe des 27. Mai zerhämmerten die deutschen Geschütze mit gewaltigem Feuerschlag die französisch-englischen Stellungen zwischen Laon und Reims. Dem Feuerschlag folgte unmittelbar der Angriff unserer Infanterie. Der Feind wurde im ersten Ansturm überrannt. Der Ailettegrund wurde überschritten, der langgestreckte Rücken des Chemin des Dames, um den jahrelang gekämpft worden war, wurde in wenigen Stunden gestürmt, der Übergang über die Aisne erzwungen, die südlichen Höhen genommen und der Feind bis an den Veslebach zurückgeworfen. Das alles in einem einzigen Tag. Die folgenden Tage erweiterten den Erfolg. Schon am 29. Mai wurde Soissons genommen, ebenso die Forts der Nordwestfront von Reims. Am 30. Mai erreichten unsere Truppen südlich von Fère-en-Tardenois die Marne. Am 1. Juni wurde der auf dem Nordufer der Marne gelegene Teil von Château-Thierry vom Feinde gesäubert. Der Kampf dehnte sich nach Westen hin bis in die Gegend von Noyon aus. Auch hier wurde der sich tapfer wehrende Feind zurückgedrückt: am 2. Juni standen unsere Truppen am Ostrand des Waldes von Villers-Cotterets.
Ergänzt wurde der Erfolg durch einen am 9. und 10. Juni durchgeführten Angriff auf der west-östlich verlaufenden Front zwischen Montdidier und Noyon, der die wichtigen Höhenstellungen zwischen Oise und Matz in unsere Hand brachte und uns bis auf 9 Kilometer an Compiègne heranführte.
Abermals war es gelungen, einen großen und während des Krieges geradezu festungsartig ausgebauten Teil des feindlichen Stellungssystems zu zertrümmern und zu durchbrechen, in wenigen Tagen eine klaffende Lücke in die feindliche Front zu schlagen und in raschem Vordringen großen Raumgewinn zu erzielen, dem Feinde schwere Verluste an Toten, Verwundeten und Gefangenen zuzufügen und ihm nahezu unübersehbare Mengen an Material, Munition und Vorräten aller Art abzunehmen. Von der 250 Kilometer langen Frontlinie zwischen Dünkirchen und Reims hatten jetzt die deutschen Offensiven seit dem 21. März etwa vier Fünftel zerschlagen. Nur noch die kurzen Linien zwischen Arras und dem Kanal von La Bassée und von der See bis nördlich Ypern waren intakt. Tausende von Quadratkilometern an Bodenfläche, teilweise vom Krieg bisher noch unberührtes Land von großer Fruchtbarkeit, waren dem Feinde entrissen, wichtige Straßen und Eisenbahnen waren durchbrochen oder lagen unter dem Feuer unserer Geschütze; bei Château-Thierry war unsere Stellung auf wenig mehr als 60 Kilometer an Paris herangerückt, das schon seit dem Beginn unserer Frühjahrsoffensive aus einem weittragenden Geschütz beschossen wurde. Allein an Gefangenen hatten unsere Feinde seit Beginn der Offensive mehr als 200000 Mann eingebüßt; die von uns eroberten Geschütze erreichten die Zahl von 2800.
In Paris stieg die Erregung auf einen Siedepunkt, wie er seit den ersten Septembertagen des Jahres 1914 nicht mehr erreicht worden war. Zum erstenmal wieder hörten die Pariser das dumpfe Rollen des Schlachtendonners, zum erstenmal wieder brachten Tausende von Flüchtlingen aus den neuen Kriegsgebieten den Jammer des Krieges und die Nähe der Gefahr unmittelbar vor die Augen der Pariser Bevölkerung. Aber gegenüber dem Sturm tödlicher Besorgnis bewahrte die französische Regierung und, ihr folgend, die große Mehrheit des Parlaments und des Volkes auch in dieser schweren Lage ruhige Nerven und feste Entschlossenheit. Clemenceau selbst reiste sofort nach Eingang der ersten Hiobsbotschaften zur Front und entging mit knapper Mühe der Gefangennahme durch eine deutsche Kavalleriepatrouille. Von der Kammer, die ihn über die militärische Lage interpellieren wollte, verlangte er Mut und Vertrauen. Er könne keine Erklärungen über die militärische Lage abgeben. Der Augenblick sei furchtbar, aber der Heldenmut der französischen Soldaten stehe auf der Höhe der Lage. Die Regierung werde nicht die Feigheit begehen, Befehlshaber zu strafen, die sich für das Vaterland verdient gemacht hätten. Die französischen und englischen Kräfte erschöpften sich, aber das gleiche gelte auch von den Deutschen. Die amerikanische Hilfe sei jetzt der entscheidende Faktor, und die Amerikaner seien entschlossen, ihre ganze Kraft an den Sieg zu setzen. Clemenceau schloß mit den Worten:
„Wenn ich meine Pflicht nicht getan habe, dann jagen Sie mich fort. Wenn ich aber Ihr Vertrauen besitze, dann lassen Sie mich das Werk unserer Toten vollenden!“
Die Kammer bestätigte ihm ihr Vertrauen und beschloß mit 377 gegen 110 Stimmen, die Interpellation auf unbestimmte Zeit zu vertagen.
An der Front selbst begann die amerikanische Hilfe sich fühlbar zu machen. Marschall Foch hat später einige interessante Zahlen über das Eintreffen der amerikanischen Truppen in Frankreich gegeben. Danach zählte die in Frankreich stehende amerikanische Armee Anfang März 1918 erst etwa 300000 Mann, die größtenteils noch in der Ausbildung begriffen waren. Im März kamen 69000 Mann, im April 94000 Mann hinzu. Der eine Monat Mai brachte jedoch bereits einen Zugang von nicht weniger als 200000 Mann, der Juni sogar einen solchen von 245000 Mann. In den vier Monaten von Anfang März bis Ende Juni wurde also das in Frankreich stehende amerikanische Heer von 300000 Mann auf rund 900000 Mann verstärkt! Soweit die amerikanischen Truppen noch nicht unmittelbar an der Front verwendet werden konnten, machten sie hinter der Front bisher gebundene Kräfte der Franzosen und Engländer frei. Zum großen Teil aber konnten sie jetzt bereits in die Front eingesetzt werden, nicht nur eingesprengt in englische und französische Divisionen, sondern bereits als selbständige Formationen. Wenn ihre Ausbildung auch nicht auf der Höhe war, so zeichneten sie sich doch durch unverbrauchtes Draufgängertum aus und schlugen sich vorzüglich.
Der amerikanischen Hilfe hatte die Entente schon damals ihre Rettung zu verdanken. Sie allein machte es dem General Foch möglich, dem deutschen Vordringen nach den überraschenden Erfolgen der ersten Angriffstage in dem Bogen Noyon-Château-Thierry-Reims nicht nur zähen Widerstand entgegenzustellen, sondern auch zu energischen, wenn auch zunächst erfolglosen Gegenangriffen zu schreiten. Bei diesen Gegenangriffen trat an der neuen Front nordwestlich von Château-Thierry am 7. Juni zum erstenmal eine geschlossene amerikanische Division in Erscheinung.
Die Gegenangriffe des Feindes verstärkten sich nach unserem Vorstoß vom 9. Juni südlich von Noyon. Schon am 11. Juni führten hier die Franzosen mit starkem Aufgebot und großem Einsatz auch von Tanks und Schlachtfliegern einen wuchtigen Gegenschlag, der uns am 12. Juni stellenweise zurückdrängte und uns Gefangene und Geschütze abnahm, jedoch alsbald zum Stocken gebracht wurde.