Noch deutlicher wird dies bei den Mithramonumenten und bei dem ägyptischen Apis usw. In allen diesen religiösen Mythen, welche das ganze Altertum durchdringen, eröffnet der Stier das Jahr, und es geht mit ihm und dem Frühlingsäquinoktium bei der Weltschöpfung die Umwälzung sämtlicher Gestirne aus. In den Vedas beginnen die Krittikas oder die Plejaden am Halse dieses Sternbildes ebenso wie die 28 Mondnakshatras, eine Anordnung, welche Colebrooke um das Jahr 1400 v. Chr. setzt.

Nur die Ägypter, bei denen die Personifikation der Erde als eine Kuh als eine ihnen ursprünglich fremde Vorstellung vorausgesetzt werden darf, treten hier – durch ihr Klima genötigt – mit der späteren Sphäre allenthalben in Widerspruch.

Der Widder, welcher im koptischen Tierkreis das Reich des Ammon genannt wird, war den Ägyptern bereits das Zeichen des Frühlingsäquinoktium, und die Mythen von Jupiter Ammon sind wie die Sothisperiode wohl kaum so alt als man gewöhnlich annimmt. Der Sirius (Sothis) sollte nach den Anschauungen der Ägypter der Schöpfung der Welt vorgestanden haben, weil sie nach dem astronomischen Jahr des Meton den Jahresanfang in das Sommersolstitium verlegten oder die Schöpfung im Zeichen der Wage geschehen sein ließen, weil sonst die Züge des Osiris keine Beziehungen zu dem Land gehabt hätten, denn nach Diodorus Siculus trat, während Osiris in Äthiopien war, der Nil aus seinen Ufern. Dennoch begannen sie die Trauer um Isis, wenn der Nil noch im Steigen war, und die Thränen der Isis vermehrten das Wasser, und Osiris stirbt im Zeichen des Skorpions. Alles dies sind Anschauungen der Perser und Indier von dem Absterben der Natur und dem Sieg des Bösen, welche jedoch mit dem Anfang des Frühlings im Nilthal ohne alle Bedeutung sind.

Alle diese Umstände würden auf eine Entstehung des Tierkreises um etwa 1600 v. Chr. deuten. Das hohe Alter des Tierkreises erhellt auch aus dem Umstand, daß das älteste Jahr 360 Tage zählte. Die Griechen schrieben die Einführung desselben dem Solon zu, während nach Diodor[266] in Ägypten zu Philä täglich ein Gefäß mit Milch aufgestellt wurde, bis die Zahl von 360 erreicht war; eben so viele Priester mußten Wasser in ein durchlöchertes Faß gießen, und der Kriegsrock des Amasis bestand aus Fäden von 360 Drähten. Am Rocke des Hohepriesters befanden sich nach einigen Rabbinen 360 Glöckchen, und in der Kaaba der alten Araber standen 360 Götterbilder; Semiramis baute um Babylon eine Mauer von 360 Stadien Länge, und auch das altpersische Jahr hatte 360 Tage. Bei den Indiern bilden 360 irdische Jahre ein Götterjahr, und noch jetzt ist ein Jahr von 360 Tagen auf Sumatra, Java, in Surate usw. in Gebrauch. Die indische Stunde hat 60 Minuten oder 360 Augenblicke, und es scheint, daß auch die Ägypter ihre Stundeneinteilung diesem Jahre entlehnten. Wenigstens scheint dies aus Ptolemäus zu erhellen, welcher nach den 360 Graden des Tierkreises der Stunde fünfzehn Minuten und der Minute fünfzehn Sekunden, dem Tag also 60 Stunden giebt, während der bürgerliche Tag nur 24 Stunden zählt.

Es bleibt nun noch die indische Lehre zu erwähnen, nach welcher der Tierkreis in 120 Dekatemorien geteilt wird, so daß auf jedes Zeichen zehn entfallen, ferner in 36 Dekanate, deren Herren – die Dekane – die einzelnen menschlichen Glieder analog der Harmonie des Makrokosmos mit dem Mikrokosmos regieren. Ursprünglich entstammte diese Anordnung wohl den Chaldäern, weil Psellus und andere sie denselben zuschreiben. Diodorus Siculus nennt dieselben ϑεοὶ βουλαῖοι, und bei den Indiern heißen sie dreskânâs.

Einer der bedeutendsten indischen Astrologen war der um 506 nach Christus lebende Varahamihioas, ein Brahmane zu Udjayini, von seinen Schülern Avantikas genannt, welcher ein reichhaltiges astronomisch-astrologisches Werk schrieb. Der erste Teil desselben enthält die eigentliche Astronomie, und die beiden letzten die Astrologie. Die letztere zerfällt wieder in drei Teile (skandâs), nämlich Tantra, welches die Berechnung der Planetenorte lehrt, alsdann Horâ, das eigentliche Stellen der Nativitäten und das Ermitteln glücklicher Elektionen zu Reisen, Hochzeiten usw. Der dritte Teil enthält die Wetterprognostika (Sâkhâ). Von dem Gesamtwerk sind nur die astrologischen Teile unter dem Namen Vrihatsanhitâ erhalten geblieben und von Bhattatpala kommentiert worden.

Ein anderer berühmter Astrolog war der um 581 n. Chr. lebende Brahmaguptas, welcher großen Einfluß auf die Araber ausübte, und mit welchem namentlich Abumassar in der Theorie von den großen Umläufen des Saturn und Jupiter übereinstimmt.

Noch will ich bemerken, daß es nach Diodorus Siculus und Strabo bereits zur Zeit Alexanders des Großen in Indien astrologische Ephemeriden gab, und daß am Neujahrstage die Astrologen bei Hofe erscheinen mußten, um „die Witterung“ für das Jahr vorauszusagen. Was aber Strabo und Diodorus „Witterung“ nennen, bezieht sich auf die „glücklichen“ und „verbrannten“ Tage (dagdhas), welche bis auf die Neuzeit in der Astrologie eine große Rolle spielen. Es leuchtet ein, daß die Ermittelung dieser Tage, welche an gewisse Konstellationen geknüpft sind, Berechnungen erfordern, weshalb der Astrolog im Sanskrit Rechner (ganakas) oder Zeichenkenner (nimittavid) heißt. Die Astrologie heißt entweder Götterbefragung (devaprasna) oder Nativitätsberechnung (jâtaka), und der Berechner astrologischer Ephemeriden führt den Namen Sâmoatsaras. In Trankebar besteht gegenwärtig noch der Kalender (panchângam) aus fünf Hauptteilen: aus den Titthis, den Wochentagen (vara), den Nakschatras, den Yogas und aus dem astrologischen Teil, der die Kâana und Tyâga oder dasjenige vorschreibt, was an den glücklichen oder unglücklichen Tagen zu thun und zu lassen sei. Die Astrologie kommt bereits im Ramayana bei der Geburt des Rama vor, welche unter einer glücklichen Konstellation stattfand, ja aus vielen Stellen alter Sanskritschriften ergiebt sich, daß das Leben der alten Inder durch astrologische Ideen so beherrscht wurde, daß er nichts that, ohne die Planeten zu befragen. Diese Anschauungen mußten sich allenthalben da entwickeln, wo die Gestirne ihren Einfluß auf die Regierung der Welt, auf Charakter und Sitten, auf die künftigen Schicksale, auf die Körperbildung wie auf das ganze Naturleben behaupteten.

Was sonst noch über indische Astrologie zu sagen ist, habe ich in meinen „Geheimwissenschaften“ mitgeteilt.

Sehen wir nun zu, was an verbürgten Resultaten des praktischen Occultismus der Inder in Europa bekannt geworden ist.