„Rehbinder meint: Das Weib war einfach in hypnotische Katalepsie versetzt; aber der Hypnotismus, ein neues Wort für alte Thatsachen, reicht hier zur Erklärung nicht aus, ebensowenig wie bei der Fernwirkung jenes malabarischen Fakirs Covindasamy, der vor den Augen Jacolliots von der Terrasse des Hauses aus die Hand gegen einen Diener ausstreckte, der aus dem Brunnen inmitten des großen Gartens Wasser heraufzog; zuerst wurde das Brunnenseil unbeweglich, dann als der Mann, im Wahne, das Seil sei bezaubert, mit gellender Stimme Beschwörungen zu singen begann, stockte dieselbe plötzlich in seiner Kehle, er konnte trotz aller Anstrengung kein Wort mehr hervorbringen, bis der Fakir durch Sinkenlassen der Hand den Bann löste. Die magische Wirkung des Fakirs ist derselben Art, wie die der schwarzen Zauberin von Kamerun; die Hypnose, unter welchem Namen man heute eine ganze Reihe verschiedener Zustände und Wirkungen zusammenfaßt, erklärt sie nicht, ebensowenig wie die Kataplexie oder Schrecklähmung Preyers. Suggestion oder Hallucination findet auch nicht dabei statt; die Erklärung muß also einen andern Weg suchen, der zu einem occultistischen Arkanum führen dürfte, dessen vollständige Kenntniß auch das Können einschließen und deshalb nur Eingeweihten zugänglich sein würde. Von welchem Ausgangspunkte aus man eine annähernde Kenntniß zu erstreben haben wird, läßt sich jedoch, wie wir sehen werden, mit einiger Sicherheit bestimmen.“

„Jemehr die Aufmerksamkeit sich auf occultistische Thatsachen in Reisebeschreibungen lenkt, desto mehr Bestätigungen viel bisher mit ungläubigem Lächeln als dummer Aberglaube der Beachtung nicht werth gehaltener älterer Berichte werden zu Tage treten. Es mögen hier noch als besonders merkwürdig hervorgehoben werden die noch wenig bekannten occultistischen Vorgänge mit Drusen im Libanon, welche seit Jahrhunderten die Magie und deren Praxis in einem sorgfältig gehüteten geheimen Orden lehren und ausüben. Der ganze Stamm zerfällt in Akkals, Eingeweihte, und Dschahils, Profane, Nichteingeweihte. Die Geheimlehre wird nur mündlich überliefert; die auf den Bibliotheken von London, Paris und Oxford befindlichen drusischen Bücher und Handschriften enthalten wenig darüber. Silvester de Sacy, der sich eingehend damit beschäftigte, fand nicht so viel Zuverlässiges, als Gerard de Nerval (Voyage en Orient, Paris 1867), der einem drusischen Scheik wichtige Dienste leistete, als Gast desselben manche Einzelheiten der Tradition erfuhr und u. A. auch einen drusischen Katechismus veröffentlichte. Einige englische Berichte theilt A. Diezmann mit, worin auch merkwürdige Wunderheilungen, namentlich der Epilepsie und des Wahnsinnes, erwähnt werden. Der Akkal giebt den Kranken, die man zu ihm bringt, durchaus keine Arznei, sondern spricht nur einige Beschwörungsformeln und streicht mit der Hand über sie.“

„Ein Engländer, welcher sechs Monate unter den Drusen verweilte und mit ihnen sehr vertraut wurde, hatte von einem Landsmann, ‚dessen Aussage unbedingten Glauben verdiente‘, erfahren, daß der Scheik Beschir nicht blos Wunderheilungen, sondern auch unerklärliche Zaubereien verrichte. So habe er einen Stock auf dessen Befehl ganz allein und ohne sichtbare Beihilfe von einem Ende des Zimmers zum andern gehen sehen. Ferner wurden in seiner Gegenwart zwei Krüge, ein leerer und ein gefüllter, in zwei Ecken des Zimmers einander gegenüberstellt, worauf bald der leere sich in Bewegung setzte, über das Zimmer hin und danach auch der volle sich erhob, dem andern entgegenmarschirte (d. h. sich bewegte) und ihm seinen Inhalt übergab, mit dem der letztere dann an die Stelle zurückkehrte, von welcher er gekommen war. – Durch diese Erzählung neugierig gemacht, beschloß der Berichterstatter, den merkwürdigen Mann näher kennen zu lernen und berichtet darüber:“

„Anfangs lehnte Scheik Beschir mit aller Bestimmtheit meine Bitte ab, mir einige seiner Zauberkräfte zu zeigen, von denen ich so viel gehört, und erklärte, er habe es sich zur Regel gemacht, nichts mehr mit der unsichtbaren Welt zu schaffen zu haben, außer etwa um Heilungen zu bewirken. Nachdem wir aber genauer mit einander bekannt geworden waren, willigte er eines Tages ein, mir eines seiner Kunststücke zu zeigen ... Er nahm einen gewöhnlichen Wasserkrug, murmelte gewisse Beschwörungsformeln in denselben hinein und übergab ihn zwei Personen, die aufs Geradewohl unter den Anwesenden ausgewählt wurden, und die einander gegenüber saßen. Eine Zeit lang rührte sich der Krug nicht, während der Scheik sehr rasch hintereinander, wie es mir vorkam, Verse aus dem Koran sprach und dazu den Takt mit der rechten Hand in die linke schlug. Der Krug blieb noch immer unbeweglich und der Scheik wiederholte seine Verse so ungestüm und schien wegen des Erfolges so aufgeregt zu sein, daß trotz dem kalten Winde, der in das Zimmer blies, in welchem wir saßen, der Schweiß ihm über das Gesicht und den Bart strömte. Endlich begann der Krug sich zu bewegen, anfangs langsam, dann schneller, bis er ziemlich rasch drei- bis viermal herumging. Der Scheik wies triumphirend darauf hin und stellte sein Gemurmel ein, worauf der Krug stehen blieb. Nach einer Pause von etwa einer Minute begann der Scheik seine Beschwörungen von Neuem und wunderbarer Weise drehte sich der Krug ebenfalls sofort wieder. Endlich hörte er auf, nahm den Krug aus den Händen derer, die ihn gehabt hatten und hielt ihn einen Augenblick an mein Ohr, so daß ich deutlich ein singendes Geräusch darin hörte, wie von kochendem Wasser. Darauf goß er das Wasser sorgsam aus, murmelte wieder etwas in den Krug hinein und gab ihn den Dienern, damit sie ihn wieder mit Wasser füllten und an den Ort stellten, wo er vorher gestanden hatte, für den Fall, daß Jemand zu trinken wünsche. Ich hätte vorausschicken sollen, daß der Krug einer der gewöhnlichen war, wie man sie in Syrien hat und mit mehreren andern an der Thür stand. Als die Vorstellung zu Ende war, sank der Scheik ganz erschöpft auf den Divan und erklärte, es sei das letzte Mal, daß er sich solcher Anstrengung aussetze und Zauberkünste verrichte, außer wenn es einen Kranken gesund machen könne.“

„Der Scheik, berichtet der Engländer, bereitet sich zu den Heilungen durch längere Fasten vor, die, wie er sagte, nothwendig seien, um die Macht über die Geister zu erlangen, die er dabei brauche. Er ist wohlhabend, nimmt keine Belohnung an; will seine Kunst, die aus der Pharaonenzeit stamme, von einem alten Marokkaner erlernt haben; sie könne nicht für Geld erlangt werden; es lebten jetzt nicht fünfzig Personen in der Welt, welche die wahre Kenntniß davon besäßen; er selbst sei noch ein Anfänger, da er die erforderlichen strengen Fasten nie ohne Nachtheil für seine Gesundheit habe halten können.“

So weit der Engländer.

Oberstlieutenant T. G. Fraser berichtet folgende Erzählung einer Generalin W. in seinem Werke: „Sport and Military life in Western India“ –, übrigens ein Buch, in welchem man nicht leichtgläubige Voreingenommenheit für die übersinnliche Erklärung von Thatsachen vermuten wird. Die Dame beschreibt Fraser als „untadelhaft in Genauigkeit und Aufrichtigkeit, furchtlos und starksinnig, auch so wenig unter dem Einflusse krankhafter oder abergläubischer Einbildung stehend, wie nur irgend Jemand, den er kenne.“ Von Fraser selbst aber sagt u. a. Oberst Malteser C. B. J., daß er „der offenste und zuverlässigste Mann sei, mit dem er je das Glück gehabt habe, in Berührung zu kommen.“ Fraser giebt die Erzählung der Generalin folgendermaßen wieder:

„An einem schwülen Aprilabende stand ich an der Eingangspforte unseres Grundstücks, als ein Birudge, ein Hindubüßer von mittleren Jahren, mit Asche bedeckt, auf der Straße daher kam und an mir vorüberging. Dabei sah er mich einen Augenblick eindringend an, ohne jedoch stehen zu bleiben oder mir zu zeigen, daß er mich kenne. Als er einige Schritte weiter gegangen war, wandte er sich um und sagte zu mir: Im Namen Gottes, es ist mir gegeben, Dir zu sagen, was Dein Schicksal sein wird. – Ich rief eine in der Nähe stehende Ordonanz herbei und befahl ihr, dem Manne eine Rupie zu geben. – Nein, sagte der Mann, ich bitte um nichts; aber Dein Schicksal steht für mich auf Deiner Stirn geschrieben, und ich will es Dir, wenn Du es wünscht, enthüllen. – Ich vermuthe, erwiderte ich, Du gewinnst Deinen Unterhalt damit. – Ich kann dies, sagte er dagegen, nur für wenige Personen, Du aber bist eine derselben. – Wirklich? Nun dann laß einmal hören! Sag mir, wer ich bin; wenn Du aber etwas unrichtiges sagst, werde ich Dich bestrafen lassen. – Du bist die Frau des General Sahib, Du hast einen Sohn und eine Tochter! – Ich hatte, warf ich ein, aber ich habe ersteren verloren. – Nein, erwiderte er, es ist wie ich sage. – Nun fahre nur fort. – Du wirst sehr bald das Land verlassen und in Deine Heimath zurückkehren. (Mein Mann hatte indessen sehr häufig erklärt, niemals wieder Indien verlassen zu wollen.) – Nun, wann soll denn das vor sich gehen? – Sehr bald! – Werden wir denn unversehrt daheim ankommen? – Du wirst; aber vierzehn Tage, nachdem Ihr von hier abreist, wird er in Gott ruhen! – Bis dahin hatte ich ihm gleichgültig zugehört, jetzt aber fuhr ich erbost und geängstigt auf: Was sagst Du, Elender? – Nicht ich rede, hohe Frau, nur Dein Schicksal redet. In 18 Tagen wirst Du an Bord sein, und wirst Alles hier verkauft haben bis auf ein einziges Pferd. – Hier, rief ich, ist der Stall; komm und zeige mir das Pferd, von dem Du meinst, daß wir es nicht verkaufen werden. – Er ließ seine Augen schnell an der Reihe der Pferde entlang gleiten, und zeigte sofort auf einen Grauschimmel: das da! (Mein Mann hatte mir dieses Pferd zwei Jahre vorher zum Geburtstage geschenkt.) – Nun, sagte ich, wenn Du doch so viel weißt, sage mir doch, ob ich sicher im Hause anlangen und mein Kind sehen werde? – Ja, Du wirst Deinen Sohn sehen, wenn Du von hier abreisest, aber wirst ihn nicht mehr sprechen; er wird Dir mit einem Tuche von ferne zuwinken. Du wirst in Europa anlangen und dort eine Zeit bleiben, aber Geldschwierigkeiten werden Dich zwingen, hierher zurückzukehren; danach jedoch wirst Du wieder heimkehren und nach einiger Zeit wirst Du das Geld erhalten und glücklich sein.“

„Bis diesen Augenblick ist All und Jedes eingetroffen, genau wie es jener Mann vorhergesagt. Noch an demselben Abend beim Thee sagte plötzlich der General, der so oft seinen Entschluß geäußert hatte, nur in Indien leben und sterben zu wollen: ‚Was würdest Du zu einer Tour nach England sagen? Ich sprach mit F. und er hat mir einen Platz an Bord der *** gesichert, wenn wir zum *** bereit sind; ich habe Lust dazu.‘“