„In diesem Augenblick wirft der Bokte die Schürze, mit welcher er umwickelt ist, ab, ebenso seinen Gürtel, ergreift das geheiligte Messer und öffnet sich den Bauch in seiner ganzen Länge. Während das Blut fließt, wirft sich die Menge vor diesem schauderhaften Schauspiel auf die Kniee und man befragt diesen Wahnsinnigen über verborgene Dinge, über zukünftige Ereignisse und dergleichen. Der Bokte giebt auf alle diese Fragen Antworten, die von Jedermann als Orakel betrachtet werden.“
„Ist die fromme Neugierde der zahlreichen Pilger befriedigt, so beginnen die Lamas wieder mit Ernst und Ruhe ihre Gebete herzusagen. Der Bokte nimmt in seiner rechten Hand Blut aus seiner Wunde auf, hält es an seinen Mund, bläst dreimal darüber und wirft es mit einem großen Schrei in die Luft. Dann fährt er rasch mit der Hand über seine Wunde und alles kehrt in seinen früheren Zustand zurück, ohne daß außer einer außerordentlich großen Entkräftung die geringste Spur dieser diabolischen Operation zurückbleibt.“
„Das Bauchaufschneiden – fügt Huc hinzu – ist eine der berühmtesten Siéfas (tibetanisch: verworfene Mittel) der Lamas; andere gleichartige sind weniger volksthümlich und auffallend; sie werden in Privatkreisen und nicht an den großen Festen der Lamaserieen gezeigt: so hält man z. B. glühende Eisen ungestraft an die Zunge, bringt sich Schnitte bei, von denen einen Augenblick nachher keine Spur mehr sichtbar ist usw. Allen diesen Schaustellungen muß das Hersagen eines Gebetes vorangehen.“
„Der Missionär, der von seinem Standpunkt aus alles als Wirkungen und Wunder des Teufels erklärt, sagt jedoch ausdrücklich: Wir denken durchaus nicht, daß man diese Thatsachen stets auf Rechnung der Betrügerei setzen kann.“
„Wenn Hucs Bericht über die magischen Wunderheilungen vereinzelt dastände, so würde er sicherlich in das Gebiet der Fabeln verwiesen und der wissenschaftlichen Verwerthung entzogen werden; aber derselbe schließt sich einer langen Reihe ähnlicher Beobachtungen anderer Reisender bis auf die neueste Zeit an, wodurch, wie wir später sehen werden, eine für die Psychologie und Philosophie überaus wichtige Thatsache festgestellt, bewahrheitet und der definitiven wissenschaftlichen Erklärung näher gebracht wird. Wir heben einige dieser Beobachtungen hervor und bemerken dabei, daß wir das ganze Gebiet der christlichen Wunderwirkungen ausschließen. Dieselben sind keine bloßen Schaustellungen, sondern meistens auf sittliche Zwecke gerichtet, und es dürfte daher trotz mancher Analogien eine bloße physiologische und psychologische Erklärung nicht ausreichen.“[269]
„Von den Aissawas, den tanzenden und heulenden Derwischen und der Secte der Ruffais ist bekannt, daß sie sich durch Tänze, krampfhafte Bewegungen, Musik, lange wiederholte Gutturaltöne usw. in epileptische Ekstase versetzen und sich dann unbeschadet die gräßlichsten Wunden beibringen und glühende Eisen belecken. Diedier sah in Cairo die Derwische vom Orden des Scheiks Bedr-Eddin nicht nur sich ohne Schaden spitze Eisen in die Brust, den Kopf und die Augen stoßen, leere Gefäße aus der Ferne mit Wasser füllen, sondern auch am Feste des Propheten auf lange Stangen aufgepfählt, deren eiserne Spitzen zwischen ihren Schultern hervorragten, sich durch die Moschee umhertragen lassen, während die Gläubigen laut beteten oder die Kapitel des Korans hersagten. Kein Beobachter hat genauer und drastischer die grausenhaften Vorstellungen der heulenden Derwische geschildert als Theophile Gautier, der sie in Scutari und Pera sah. Der Raum gestattet uns leider nicht, den interessanten Bericht, der das allmähliche Entstehen der Ekstase, ihre wahnsinnigen Gestaltungen und deren Ansteckungsfähigkeit auf die Zuschauer fast photographisch treu schildert, hier wiederzugeben.“
„Seit Tavernier haben zahlreiche Reisende ganz dieselben Vorkommnisse aus Hindostan berichtet; doch dürfte eine Erfahrung, welche ein Oberst und mehrere Marine-Officiere mit den hindostanischen Ruffais machten, weniger bekannt geworden sein. Die Officiere sahen, wie diese Leute sich ohne Schaden Glieder und selbst die Zunge abschnitten, welche sie wieder in den Mund steckten, wo sie augenblicklich anheilte.“[270]
„In andern Theilen Asiens machte man dieselben Beobachtungen. So berichtet der französische Gesandte Gobineau[271], der in Persien Ekstatiker glühende Kohlen in den Mund stecken sah; Bastian[272], der von den burätischen Schamanen berichtet, daß sie unbeschadet ins Feuer springen und glühende Eisen über die Zunge ziehen, bis sich die Hütte mit dem Geruch des verbrannten Fleisches füllt.“
„Zu den vorstehend mitgetheilten Thatsachen giebt die von Carl Rehbinder in der Sphinx 1889, VII, S. 243ff. mitgetheilte, der Pall Mall Gazette (Nr. 3, Januar 1889) entnommene merkwürdige Nachricht von einer ‚Zauberei in Camerun‘ eine sehr willkommene Ergänzung, welche allerdings der heutigen officiellen Wissenschaft etwas ärgerlich, ungeheuerlich und unerklärbar, also absurd fabelhaft vorkommen muß. Doch Thatsachen sind hartnäckig und weichen keiner bloßen Leugnung. – Die Leistungen der schwarzen Zauberin übertrafen alle bekannten Wunderwirkungen der Fakire und Derwische:“
„Nichts von alledem, was ich von ihr sah, sagt der Berichterstatter, konnte übernatürlich im eigentlichen Sinn genannt werden. Sie schien nämlich die Naturkräfte bloß in ihrer Gewalt zu haben, ja, wie der eben erzählte Fall (Schweben in der Luft) beweist, ihre Gesetze aufheben, aber nicht umkehren zu können. Sie konnte z. B. einen frisch abgehauenen Arm durch Berührung ihres Stabes und angeblicher Zaubersprüche innerhalb einer Secunde mit dem Stumpf wieder so vereinigen, daß auch nicht eine Spur von einer Verletzung zu sehen war (ganz wie bei den Ruffais oben); als ich sie jedoch aufforderte, unserm Quartiermeister den vor mehreren Jahren verlorenen Vorderarm zu ersetzen, erklärte sie freimüthig, daß sie es nicht im Stande sei. Sie sagte: der Arm ist todt, ich habe nicht die Macht. – Über alles Lebendige hatte sie eine erstaunliche, unmittelbare, Grausen erregende Gewalt. Als sie einst in meiner Gegenwart mit einem boshaft gezischten Fluchwort ihren Stab gegen einen Krieger richtete, schwand dieser förmlich hin: Die Muskeln begannen zusammenzuschrumpfen, und nach ein paar Minuten blieb von dem großen, starken Mann nicht viel mehr übrig als ein Gerippe. – Ebenso verwandelte sich unter dem Zauberstabe eine Frau in ein hartes und kaltes Steinbild im buchstäblichen Sinn des Wortes, wovon ich mich überzeugte, indem ich mit meinem Revolver den ganzen Körper ausklopfte und einen Ton erhielt, als wenn ich Marmor angeschlagen hätte.“