Ich wende mich jetzt zu den Berichten über die Fakire Jacolliots, deren Künste wie die oben erwähnten auf uralten Traditionen beruhen und ähnlich schon im alten Indien geübt wurden, wie wir bei Apollonius von Tyana sehen werden. Ich referiere nach Perty[274], dessen Darstellung in weiteren Kreisen wenig bekannt wurde:
Die Urgeschichte gerade derjenigen alten Völker, welche am meisten auf die klassische und moderne Kultur Einfluß übten, wurde am spätesten, hauptsächlich erst in diesem Jahrhundert aufgeschlossen. Es sind die Indier und die noch älteren Ägypter, Völker mit wesentlich hierarchischen Verfassungen einer mächtigen Priesterschaft, ausgebildeter Geheimlehre, bis ins kleinste geordnetem Ritus und Ceremoniell, deren Sitten, Künste, Meinungen, Philosophie mächtig auf die Perser, Araber, Griechen eingewirkt haben, deren Religionsbegriffe z. B. auch in andern Glaubenslehren, die christliche nicht ausgeschlossen, eingedrungen sind. An die Geister der Vorfahren scheinen schon die Arier in ihren Ursitzen geglaubt zu haben, bei den Indiern wurde dieser Glaube im „Buche der Pitris“ zu einem System ausgebildet. Diese und andere indische Verhältnisse wurden wieder in den letzten Jahren durch den Franzosen Herrn Louis Jacolliot untersucht, der in Pondichery wohnhaft, von hier aus Indien durchstreifte, und Forschungen über seine Geschichte, seine Altertümer und Religion anstellte. Der Teil derselben, welcher die Leser näher interessieren dürfte, führt den Titel: Le spiritisme dans le monde, l'Initiation et les scienses occultes dans l'Inde (Paris 1875) und enthält, sich hauptsächlich auf das Buch der Pitris (Geister) stützend, unter anderem selbstbeobachtete Produktionen der Fakirs, welche mit den spiritualistischen des Abendlandes große Ähnlichkeit haben.
Zum Verkehr mit den Geistern können nur die Eingeweihten, von den Fakirs an, gelangen. Nur durch schwere, lang fortgesetzte Büßungen kommt man zu den oberen Stufen, deren höchste, der Yogi, unermeßlich hoch über den gewöhnlichen Menschen steht. Die Yogis bilden den Rat der Alten, enthalten sich des geschlechtlichen Verkehrs, und so erhaben ist ihr Zustand und Verdienst, daß gewöhnliche Menschen ihn in Tausenden von Generationen und Seelenwanderungen nicht erreichen könnten. Das siebenknotige Bambusstäbchen, welches schon die Fakirs immer führen, findet man auch bei den oberen Stufen, und es wird feierlich durch den Oberpriester zugestellt; die sieben Knoten stellen die sieben Stufen der Anrufung und der äußeren Manifestationen vor. Der oberste Priester führt den Namen Brahmatma. Wenn der Guru (Oberpriester) seinen Unterricht vor den Schülern beginnt, die gläubig und verehrend zu seinen Füßen sitzen, so spricht er zu ihnen: Hört! Während der elende Sudra (die unterste Kaste) sich dem Hunde gleich auf sein Lager wirft, der Vaysia die Reichtümer der Erde anzuhäufen denkt, der Tschatrya (Fürst, Krieger) im Frauengemach schläft, ermüdet aber nie gesättigt vom Vergnügen, so ist es jetzt für die Gerechten, die nicht von der unreinen Körperhülle sich wollen beherrschen lassen, Zeit, die Wissenschaft zu studieren.
Die Eingeweihten gelangen zu der ihnen zugeschriebenen Macht durch ein langes Leben der strengsten Askese und zwar zu den verschiedenen Graden ihrer Macht. Zu einer ersten Klasse gehören die Grihastas, die ihre Familien nicht verlassen und die Vermittelung zwischen den Tempeln und dem Volk herstellen, keine magischen Phänomene hervorbringen können, sondern nur die Seelen der Vorfahren, und zwar nur in ihrem Stammbaum anrufen dürfen, um von ihnen Eingebungen zu erhalten; dann die Purohitas, welche, bereits den Tempeln zugeteilt, die gewöhnlichen Priesterfunktionen versehen, bei den Geburten, Ehen, Bestattungen thätig sind, die Familiengeister anrufen, die Horoskope stellen, die Dämonen vertreiben; endlich die Fakirs, die Almosensammler der Tempel, zugleich die Zauberer, welche willkürlich die auffallendsten und unsern sogenannten Naturgesetzen am meisten widersprechenden Wirkungen hervorbringen und zwar mit Hilfe der Pitris, Geister der Vorfahren, zu deren Herbeirufung nach brahmanischer Behauptung sie ermächtigt sind. Für die Eingeweihten der zweiten Klasse, der Sanyassis, und der dritten, der Nirvanys und Yogis ist die Macht ihrem Wesen nach gleich und nur dem Grade nach verschieden. Sie bringen ihre Manifestationen nur im Innern der Tempel, äußerst selten bei sehr vornehmen Personen oder bei seltenen öffentlichen Festen hervor, glauben, daß die sichtbare und unsichtbare Welt ihrem Willen unterworfen sei, daß sie den Elementen gebieten, ihren Körper verlassen und wieder in denselben zurückkehren können; ihre orientalische Phantasie kennt keine Schranke und kein Hindernis, und sie werden in Indien gleichsam für Götter gehalten. Man sieht, daß daselbst eine durchgeführte priesterliche Organisation besteht und es wird behauptet, daß in den Krypten der Pagoden die Eingeweihten viele Jahre hindurch einer strengen Disziplin unterworfen werden, welche ihren Organismus physiologisch umstimmt und das reine Fluidum in ihnen vermehrt, welches, Akasa genannt, das Vehikel aller magischen Wirkungen ist. Es war Herrn Jacolliot nicht möglich, über diese verborgenen Vorgänge sich zu unterrichten, und er kann daher nur über die Fakirs Mitteilungen machen. Sogar die Gebets- und Evokationsformeln der höheren Grade wurden nie aufgeschrieben, sondern nur mündlich mitgeteilt, und das „Buch der Pitris“ schweigt hierüber.
Nach brahmanischer Lehre ist jener Akasa, das reine Lebensfluidum – etwa unser Äther – durch die ganze Natur verbreitet und setzt alle belebten und unbelebten, alle sichtbaren und unsichtbaren Wesen miteinander in Verbindung; Elektrizität, Wärme, alle Naturkräfte kommen nur durch den Akasa zur Wirksamkeit. Wer eine größere Quantität desselben besitzt, erlangt Macht über diejenigen, welche davon weniger haben, und über die leblosen Wesen. Selbst die Geister, welche ihre Macht zum Dienst der Menschen anwenden, die imstande sind, sie herbeizurufen, fühlen die allgemeine Verbindung, welche der Akasa unter den Weltdingen herstellt. Für gewisse Brahmanen ist der Akasa das wirkende Prinzip der Weltseele und der Beherrscher aller Seelen, die in inniger Gemeinschaft stehen würden, träte nicht die grobkörperliche Materie bis auf einen gewissen Grad hindernd dazwischen; je mehr von dieser eine Seele sich durch ein beschauliches Wesen frei macht, desto inniger fühlt sie die allgemeine Strömung, welche die sichtbare und unsichtbare Welt durchzieht.
Allgemein bekannt ist die außerordentliche Geschicklichkeit der indischen Fakirs, die man gewöhnlich als Zauberer oder Jongleurs bezeichnet und welchen alle asiatischen Völker eine übernatürliche Kraft zuschreiben. Viele glauben zwar, daß unsere geschicktesten Taschenspieler das Gleiche zu vollbringen vermögen, es bestehen aber zwischen beiden die wesentlichsten Unterschiede, denn der Fakir giebt nie Vorstellungen vor größeren Gesellschaften, sondern nur im Innern von Privatwohnungen, hat nie einen Helfer, ist immer ganz unbekleidet mit Ausnahme eines handgroßen, die Geschlechtsteile bedeckenden Lappens, weiß nichts von den tausend Geräten und Apparaten, den Bechern, Büchsen mit doppeltem Boden, Zaubersäcken, präparierten Tischen, eigens eingerichteten Localitäten unserer Taschenspieler. Der Fakir hat gar nichts als ein Bambusstäbchen, dick wie ein Federhalter, mit sieben Knoten in der rechten Hand und ein Pfeifchen von etwa drei Zoll Länge, an einer seiner Haarflechten befestigt, weil er, als ganz unbekleidet, keine Tasche hat, um es darin aufzubewahren. Er operiert, wie man will, sitzend oder aufrecht, auf der Rohrmatte des Salons, auf dem Marmor-, Granit- oder Mörtelboden der Veranda, auf der nackten Erde des Gartens. Hat er zur Hervorrufung lebensmagnetischer und somnambulistischer Zustände eine Person nötig, so nimmt er den nächsten Domestiken dazu, den man ihm bezeichnet, gleichviel ob Indier oder Europäer; bedarf er ein Musikinstrument, Rohr, Papier, Bleistift, so ersucht er darum. Zugleich wiederholt er seine Darstellung, so oft man es verlangt, um sie kontrollieren zu können, und verlangt niemals eine Bezahlung, sondern nimmt das Almosen an, das man ihm für seinen Tempel giebt; alle Fakire der verschiedenen indischen Länder beobachten diese Vorschriften. Glaubt man in der That, fragt Jacolliot, daß unsere Taschenspieler unter diesen Bedingungen etwas leisten könnten?
Derselbe, seit vielen Jahren in Indien, kannte die Phänomene des amerikanischen und europäischen Spiritualismus nicht, hatte in Europa nie einen Tisch sich bewegen sehen, der „übertriebene Glaube an die Unsichtbaren“ erinnerte ihn so sehr an die Ekstasen und Mysterien des Katholicismus, daß er, ein eingefleischter Rationalist, welcher noch jetzt zu sein er behauptet, sich nicht entschließen konnte, bei den Vorgängen in einem Cirkel zugegen zu sein. Die indischen Fakirs, von ihm einfach für Taschenspieler gehalten, hat er immer abgewiesen, hörte aber fortwährend von ihrer wunderbaren Geschicklichkeit sprechen. Als nun in Pondichery einst gegen den Mittag durch den Dobaschy, Kammerdiener, wieder ein Fakir bei ihm gemeldet wurde, entschloß er sich doch, ihn zu empfangen, was in einer der inneren Verandas seines Hauses geschah, wo ihn der Fakir, auf den Marmorplatten des Fußbodens kauernd, erwartete. Jacolliot war betroffen über seine Magerkeit, sein fleischloses Gesicht und die halberloschenen Augen erinnerten ihn an die graublauen Augen der Haie des großen Oceans. Der Fakir erhob sich langsam, verneigte sich mit an die Stirne gelegten Händen und murmelte: Ehrerbietigen Gruß, Herr! Ich bin Salvanidin-Odéar, Sohn des Canagareyen-Odéar. Der unsterbliche Wischnu beschütze deine Tage! – Sei gegrüßt Salvanidin-Odéar, Sohn des Canagareyen-Odéar, könntest du sterben am heiligen Ufer des Tucangy, und möge diese Transformation deine letzte sein! erwiderte Jacolliot. – Der Guru der Pagode hat mir diesen Morgen gesagt: geh auf geradewohl Ähren lesen längs den Reisfeldern, und Ganesa, der Schutzgott der Wanderer, hat mich zu Dir geführt. – Sei willkommen! – Was wünschest Du von mir? – Man behauptet, Du könntest leblose Körper bewegen, ohne sie zu berühren; ich möchte gerne dieses Wunder dich vollbringen sehen. – Salvanidin-Odéar hat diese Macht nicht; er ruft seine Geister an, die ihm ihren Beistand gewähren. – Nun wohl, Salvanidin-Odéar, rufe die Geister und zeige mir ihre Macht! – Gleich nach diesen Worten kauerte der Fakir sich wieder auf dem Boden nieder, stellte sein Stäbchen mit den sieben Knoten zwischen seine gekreuzten Beine und bat mich nun, ihm sieben kleine irdene Töpfe mit Erde, sieben dünne Holzstäbchen von je zwei Ellen Länge und sieben beliebige Blätter bringen zu lassen. Dann ließ er die gebrachten Gegenstände, ohne sie selbst zu berühren, durch den Dobaschy etwa zwei Meter von seinen ausgestreckten Armen in eine Linie legen; hierauf mußte der Diener in jeden Topf eines von den Holzstäbchen stecken und über jedes ein in der Mitte durchbohrtes Blatt stülpen, das am Stäbchen hinuntergleitend, den Topf wie einen Deckel bedeckte. Hierauf hob der Fakir die geschlossenen Hände über seinen Kopf und sprach in tamulischer Sprache folgende Anrufung: Mögen alle Mächte, die über das geistige Prinzip des Lebens und über das Prinzip der Materie wachen, mich gegen den Zorn der bösen Geister beschützen, und der unsterbliche Geist Mahatatritandi, der drei Formen hat, mich nicht der Rache Yamas überliefern! – Dann streckte er die Hände gegen die Töpfe und blieb unbeweglich wie in Ekstase, nur von Zeit zu Zeit seine Lippen bewegend, als wenn er innerlich spräche.
Plötzlich schien es Jacolliot, als wenn ein leichter Wind seine eigenen Haare bewege und über sein Gesicht streiche wie der tropische Abendwind nach Untergang der Sonne, und doch bewegten sich die Vorhänge zwischen den Säulen der Veranda nicht; die gleiche Empfindung wiederholte sich mehrmals nach einander. Es war etwa eine Viertelstunde verflossen, wo der Fakir seine Stellung nicht verändert hatte; da stiegen langsam die Feigenblätter an den Holzstäben empor und ließen sich wieder herab, und der Beobachter, näher tretend und gar keine Verbindung zwischen dem Fakir und ihnen findend, fühlte eine gewisse Aufregung; die Blätter unterbrachen ihr Auf- und Absteigen nicht, obschon er mehrmals zwischen den Töpfen und dem Fakir durchging. Jacolliot nahm dann, was ihm unbedenklich zugestanden wurde, die Blätter von den Stäben und diese aus den Töpfen und leerte die ganze Erde auf dem Fußboden aus. Hierauf klingelte Jacolliot dem Koch, ließ sich aus der Küche sieben Fußgläser, aus dem Garten Erde und neue Blätter bringen, teilte selbst ein Bambusrohr in sieben Stücke, die er in die Gläser steckte, über welche er die durchbohrten Blätter stülpte und fragte nun den etwa vier Meter entfernten Fakir, der regungslos dem Allen zugesehen hatte, ob er glaube, daß seine Geister auch jetzt noch wirken könnten. Der Hindu antwortete nicht, sondern streckte nur wie zuvor seine Hände gegen die Gläser aus, und es dauerte keine fünf Minuten, als das Auf- und Absteigen der Blätter von neuem begann. Jacolliot fragte hierauf den Fakir, ob denn die Töpfe und Erde für die Hervorbringung des Phänomens notwendig seien, und als dieser die Frage verneinte, ließ Jacolliot sieben Löcher in ein Brett bohren und steckte in diese die Bambusstücke. Nach kurzer Zeit folgte die Erscheinung mit gleicher Regelmäßigkeit und zwar zwei Stunden hindurch nach vielfach geänderten Versuchen in immer gleicher Weise, so daß Jacolliot sich fragen wollte, ob er nicht selbst unter einer starken magischen Einwirkung stehe. Da sprach der Fakir: Hast Du von den Unsichtbaren nichts zu verlangen, ehe ich mich von ihnen trenne? Jacolliot hatte gehört, daß die europäischen Medien sich für ihre angebliche Unterhaltung mit den Geistern eines Alphabets bedienen, teilte dies dem Hindu mit und fragte, ob man nicht durch ähnliche Mittel eine Verbindung mit jenen herstellen könnte. Wörtlich antwortete der Fakir: Frage, was Du wünschest. Haben die Geister Dir nichts zu sagen, so werden die Blätter unbeweglich bleiben; haben sie, welche die Blätter bewegen, Dir ihre Gedanken mitzuteilen, so werden die Blätter an den Stäbchen emporsteigen. Jacolliot zeichnete eiligst das Alphabet auf ein Blatt Papier, da fiel ihm noch ein anderes Mittel ein. Er besaß kupferne Buchstaben und Zahlen auf Zinkplatten gelötet, die er brauchte, seinen Namen und eine Ordnungsnummer auf seine Bücher zu prägen, und warf diese nun alle unter einander in einen kleinen Sack, um eine nach der andern herauszunehmen. Der Fakir hatte seine Anrufungsstellung angenommen, Jacolliot dachte an einen vor fast zwanzig Jahren verstorbenen Freund und nahm nun eine Zinkplatte nach der andern heraus, immer die Buchstaben und Zahlen und zugleich die Blätter beobachtend. Vierzehn von jenen waren schon herausgenommen, als beim Buchstaben A die Blätter schnell bis zum Gipfel der Stäbchen emporstiegen, dann herunterfielen und unbeweglich auf dem Brett liegen blieben, in welchem die Stäbchen steckten. Jacolliot fühlte sich bewegt, denn A war der erste Buchstabe des Namens jenes Verstorbenen. Als der Sack leer war, wurde er wieder mit den Typen gefüllt, und nach und nach, Buchstaben für Buchstaben, erhielt der Beobachter den Satz:
Albain Brunier, mort à Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.