Der Fakir weihte nach Beendigung seiner Mission Jacolliot noch einen Tag für zwei Sitzungen, eine zur Tages-, die andere zur Nachtzeit, jedoch bei voller Beleuchtung, und hatte Jacolliot versprochen, alle Geister, welche ihm beistehen, anzurufen, damit Jacolliot Dinge sehe, die ihm stets unvergeßlich bleiben würden. Covindasamy brachte zur Tagsitzung ein Säckchen sehr feinen Sandes mit, den er auf den Boden leerte und mit der Hand zu einer gleichförmigen Fläche von etwa 50 Quadratcentimeter ausbreitete. Dann ließ er an einem Tisch gegenüber mit Papier und Bleistift Jacolliot Platz nehmen, verlangte ein Stückchen Holz, worauf ihm Jacolliot einen Federhalter reichte, den er vorsichtig auf die Sandfläche legte. Ich rufe, sprach Covindasamy, nun die Geister an; sobald Du den mir gegebenen Gegenstand sich vertikal erheben siehst, so aber, daß sein eines Ende mit dem Sand in Verbindung bleibt, kannst Du auf das Papier beliebige Zeichen machen, und Du wirst sie auf dem Sande nachgebildet sehen. Er streckte dann seine beiden Hände wagerecht vor und murmelte seine geheimen Anrufungen, worauf in kürzester Zeit der Federhalter sich allmählich erhob und zu gleicher Zeit, wo Jacolliot auf sein Papier die bizarrsten Figuren zeichnete, dieselben getreu auf dem Sande kopierte. Hielt Jacolliot an, so stand auch der Federhalter still, und fuhr seinerseits fort, wenn Jacolliot wieder begann; der Fakir, der keine Verbindung mit ihm hatte, blieb vollkommen ruhig. Jacolliot, um zu veranlassen, daß der Fakir nicht einmal die Bewegungen sehen könne, die er mit seinem Bleistift mache, nahm hierauf eine Stellung an, wo dieses unmöglich war, untersuchte hierauf die Zeichnungen auf dem Papier und dem Sande und fand sie ganz identisch. Der Fakir, nachdem er den Sand wieder geglättet hatte, forderte Jacolliot auf, sich ein Wort in der Göttersprache, dem Sanskrit, zu denken und auf dessen Frage, warum gerade in dieser? bemerkte er, daß die Geister sich leichter dieser unsterblichen, den Unreinen verbotenen Sprache bedienen; Jacolliot, der mit Covindasamy über dessen religiöse Anschauungen diskutierte, dachte sich hierauf ein Sanskritwort; der Hindu regte sich, erhob sich, und schrieb alsbald: Purucha (der himmlische Erzeuger), das Wort, was Jacolliot gedacht hatte. Und auch eine ganze Phrase: „Adicêtê Vaicuntam Haris (Vischnu schläft auf dem Berge Veikunta)“, die Jacolliot zu denken aufgefordert worden war, wurde geschrieben. Könnte mir wohl der Geist, der Dich inspiriert, fragte Jacolliot, die 243. Sloca des vierten Buches von Manu geben? Er hatte kaum diesen Wunsch ausgesprochen, so setzte sich der Federhalter in Bewegung und schrieb Buchstaben für Buchstaben jener Strophe: „Darmaprâ dánam purucham tapasâ hatakilvisam paralôkam nayati âcou bâsuantam kaçarininan (der Mensch, dessen sämmtliche Handlungen auf Tugend zielen, dessen Sünden durch fromme Akte und Opfer versöhnt werden, gelangt zum himmlischen Aufenthalt, lichtstrahlend und von einem geistigen Leibe bekleidet).“ Jacolliot legte die Hand auf ein kleines geschlossenes Buch, das im Auszug einige Hymnen des Rigveda enthielt und fragte, welches das erste Wort der fünften Zeile der einundzwanzigsten Seite sei? Der Federhalter schrieb „Devadatta (von Gott gegeben)“, und es war so. Willst Du eine Frage in Gedanken stellen, fragte Covindasamy, und Jacolliot nickte einwilligend mit dem Kopfe. Der Stift schrieb auf den Sand: „Vasundara (die Erde).“ Jacolliot hatte in Gedanken gefragt: Was ist unsere gemeinschaftliche Mutter?

Es war 10 Uhr morgens geworden, Licht und Hitze bereits sehr groß, der Spiegel des Ganges warf einen blendenden Glanz. Jacolliot ging mit dem Zauberer an das Ende der Terrasse und sie sahen im Garten einen Koch, der Wasser aus einem Brunnen schöpfte und es in eine Bambusleitung goß, die in einen Badesaal ausmündete. Covindasamy streckte seine Hände in der Richtung des Brunnens aus, und alsbald wollte das Seil des Eimers nicht mehr in der Rolle laufen, trotz des Zornes des Kochs. Wie alle Hindus Widerwärtigkeiten den bösen Geistern zuschreiben und diese dann durch magische Gesänge zu vertreiben suchen, so auch dieser Koch. Kaum hatte er jedoch einige Worte in dem scharfen näselnden Tone hervorgebracht, der uns den orientalischen Gesang so unangenehm macht, so blieben ihm die Worte in der Kehle stecken, und er konnte trotz aller Grimmassen kein einziges mehr sprechen. Nach einigen Minuten ließ der Fakir seine Hände sinken, und der Koch erhielt seine Stimme wieder und den Gebrauch seines Seiles. Jacolliot klagte über die Hitze, der Fakir schien ihn nicht zu hören, so tief war er in sich selbst gekehrt. Da sah der erstere einen Fächer von Palmblättern von einem Tisch, auf dem er lag, sich erheben und die Luft um sein Gesicht fächeln, und glaubte harmonische Töne einer Menschenstimme zu hören. Als der Fakir, Abschied nehmend, die Hände über die Brust gekreuzt, im Ausschnitt der Pforte stand, welche von der Terrasse auf den Perron führte, erhob er sich ohne alle Stütze 25–30 Centimeter in die Luft, was Jacolliot dieses Mal genau messen konnte; indem hinter ihm sich ein seidener Vorhang befand, der als Thüre diente und weiße und Goldstreifen hatte; die Füße des Fakirs waren beim nächsten Streifen. Das Erheben, Schweben in der Luft und Wiederherabkommen währte etwas über 8 Minuten, das Beharren im Maximum der Erhebung etwa 5 Minuten. Auf die Frage, ob er dieses Phänomen willkürlich hervorbringen könne, antwortete er mit orientalischer Emphase: „Der Fakir könnte sich bis in die Wolken erheben.“ Obschon er sich schon oft nur als ein Werkzeug der Geister erklärt hatte, enthielt sich Jacolliot doch wieder nicht der Frage, wie er diese Macht der Erhebung erlange? worauf Covindasamy mit einer Sentenz antwortete: Man muß durch Gebete und Betrachtung mit den Pitris in beständiger Verbindung bleiben, dann steigt ein hoher Geist vom Himmel herab.

Jacolliot sah schon öfter die Leistungen der Fakire, einen Einfluß auf das Pflanzenwachstum in der Weise üben, daß dadurch, wie sie behaupten, in wenigen Stunden Resultate erreicht werden, die sonst Monate, selbst Jahre erfordern, wie ähnliches der Missionär Juc auch aus Tibet berichtet. Jacolliot hatte dieses jeder Zeit als ein sehr künstliches Taschenspielerstückchen betrachtet, demselben daher keine nähere Beachtung geschenkt, jetzt wollte er es auch von Covindasamy sehen, dessen Fähigkeiten wirklich wunderbar waren, und alle Aufmerksamkeit darauf wenden. Als der Fakir nachmittags 3 Uhr erschien, glaubte er ihn mit diesem Ansinnen zu überraschen, aber Covindasamy sagte in seiner gewöhnlichen einfachen Weise: Ich stehe zu deinem Befehl. – Wirst Du mich auch die Erde, das Gefäß und den Samen wählen lassen, den Du vor mir treiben lassen willst? – Das Gefäß und den Samen ja! Die Erde hingegen muß aus einem Nest der Carias (Termiten) genommen sein. – Der Kammerdiener wurde beauftragt, eine Blumenvase voll Erde und verschiedene Samen zu bringen, und der Fakir bat ihn noch, die Erde zwischen zwei Steinen zu zermalmen, denn sie ist durch den mörtelartigen Speichel der Insekten fast so fest wie Mauerstücke. In weniger als einer Viertelstunde waren die Sachen zur Hand, und Jacolliot schickte den Cansama fort, weil er nicht wollte, daß er mit dem Fakir etwa Gemeinschaft habe. Er gab nun letzterem die Erde, die derselbe mit etwas Wasser anrührte, dabei seine Mentrams murmelnd. Dann verlangte er die Samen und einige Ellen irgend eines weißen Stoffes. Jacolliot ergriff auf geradewohl einen Kern des Melonenbaumes und fragte ihn, ob er ihn zeichnen dürfe? Auf die bejahende Antwort schnitt Jacolliot die äußere Haut dieses, mit Ausnahme der Farbe, einem Kürbiskern ähnlichen, nur ganz dunkelbraunen Kernes leicht ein und übergab ihn nebst einigen Ellen Moskitotuch dem Fakir. – Ich werde bald den Schlaf der Geister schlafen, sagte dieser, schwöre mir, weder mich noch die Vase zu berühren. Nachdem Jacolliot dieses gelobt, pflanzte er den Samenkern in die nun einem flüssigen Schlamm ähnliche Erde, stieß dann sein Stäbchen mit sieben Knoten, dem Attribut des Eingeweihten, ohne das er nie ging, in einen Winkel der Vase und breitete über ihn das Mousselinstück aus. Dann kauerte er sich nieder, streckte beide Hände horizontal über den Apparat und verfiel in vollkommene Katalepsie. Als nach einer halben Stunde, immer die Arme horizontal ausgestreckt, was kein Wacher thun könnte, und selbst nach einer Stunde nicht die geringste Muskelzuckung eintrat und der fast nackte durch die Hitze gebräunte und glänzende Körper einer Bronzestatue glich, wobei die Augen offen und starr waren, konnte Jacolliot, der sich der Beobachtung halber ihm gegenübergesetzt hatte, den Blick dieser halberloschenen Augen nicht mehr ertragen; es schien ihm die ganze Umgebung – der Fakir mit – vor den Augen zu tanzen, ohne Zweifel infolge der zu gespannten Aufmerksamkeit, und er mußte sich an das Ende der Terrasse setzen, wo er abwechselnd auf den Strom und Covindasamy blickte. Endlich nach zwei Stunden machte ein leichter Seufzer ihn erzittern, der Fakir war wieder zum Bewußtsein gekommen, gab ihm ein Zeichen sich zu nähern, hob das Mousselintuch weg und zeigte ihm ein frisches junges Stämmchen des Melonenbaumes von etwa 20 Centimeter Höhe. Jacolliots Gedanken erratend, griff er in die Erde, zog vorsichtig die junge Pflanze heraus und zeigte an dem Häutchen, das noch an den Wurzeln hing, den vor zwei Stunden gemachten Einschnitt. Jacolliot bemerkt, der Fakir habe vor seinem Kommen nicht gewußt, was von ihm verlangt würde; er konnte nichts unter Kleidern verbergen, da er fast nackt war, er konnte auch nicht wissen, daß Jacolliot, der ihn während der ganzen Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte, gerade einen Samenkern des Melonenbaumes wählen werde. Es sei dies einer von den Fällen, wo die Sinne keinerlei Betrug zu entdecken vermochten, die Vernunft sich aber doch nicht gefangen geben wolle. Nachdem der Fakir sich einige Augenblicke an seinem Staunen geweidet, sagte er nicht ohne Stolz: „Hätte ich die Anrufungen fortgesetzt, so würde der Melonenbaum in 8 Tagen Blüten und in 14 Früchte gehabt haben.“ – An die Erzählung von Huc und an gewisse Phänomene denkend, die Jacolliot selbst in Carnatic gesehen, sprach er, es gäbe Zauberer, die das Gleiche in zwei Stunden hervorbringen könnten. – „Du irrst, erwiderte Covindasamy, das, wovon Du sprichst, war die Herbeibringung fruchtbarer Bäume durch die Geister; was ich Dir zeigte ist Wachsthum; nie hat das von den Pitris gerichtete reine Fluidum in einem einzigen Tage Keimung, Blüte und Frucht erzeugen können.“ – Jacolliot macht darauf aufmerksam, daß unter dem Himmel Indiens, wenn man den Samen vieler Küchenkräuter um die Morgenröte in feuchtes, der Sonne gut ausgesetztes Erdreich säet, die Pflänzchen schon um Mittag aus der Erde hervorkommen und um 6 Uhr abends fast einen Centimeter hoch sind, daß aber freilich ein Same des Melonenbaumes 14 Tage zur Keimung braucht.

Um zehn Uhr abends an diesem Tage trat Covindasamy wie gewöhnlich schweigend in das Zimmer von Jacolliot, nachdem er auf einer der Stufen der Treppe das Languty abgelegt hatte, jenes kleine Zeugstück, und gewöhnlich seine einzige Bekleidung, und er war nun ganz nackt, sein Bambusstäbchen mit den sieben Knoten an einer seiner langen Haarflechten befestigt. – Nichts Unreines, sagte er, darf den Körper des Anrufenden berühren, wenn er seine Fähigkeit, mit den Geistern in Verbindung zu treten, in ihrer ganzen Stärke erhalten will. – Jacolliot kam hierbei der Gedanke, ob nicht die von den Griechen am Indus getroffenen Gymnosophisten eben solche Eingeweihte wie Covindasamy waren. Es wurde an diesem Abend auf der Terrasse und im Schlafzimmer von Jacolliot experimentiert, beide, nur unter sich zusammenhängend, waren nach außen vollständig abgeschlossen, in jeder der beiden Lokalitäten brannte eine Hängelampe mit Kokosöl, in ein Krystallglas eingeschlossen. In allen indischen Häusern findet man kleine kupferne Kohlenbecken, beständig mit glühenden Kohlen gefüllt, um darauf von Zeit zu Zeit einige Prisen eines wohlriechenden Pulvers von Sandelholz, Iriswurzel und Myrte zu verbrennen. Der Fakir stellte ein solches Becken auf die Mitte der Terrasse und daneben eine kupferne Platte mit jenem wohlriechenden Pulver, dann kauerte er sich in gewohnter Stellung mit gekreuzten Armen auf den Boden, begann hierauf eine lange Inkantation in einer unbekannten Sprache, rezitierte seine Mentrams und blieb dann unbeweglich, die linke Hand auf dem Herzen, die rechte auf sein Stäbchen gestützt; von Zeit zu Zeit brachte er die Hand an die Stirne, wie um durch Striche sein Gehirn frei zu machen. Auf einmal mußte Jacolliot erzittern, denn eine schwachleuchtende Wolke bildete sich in seinem Schlafzimmer, aus der nach allen Seiten hin rasch Hände hervorkamen und wiederum in sie zurückgingen; nach einigen Minuten verloren mehrere dieser Hände ihr dunstiges Ansehen und glichen, sich gewissermaßen materialisierend, menschlichen Händen, während die andern leuchtender wurden; erstere waren undurchsichtig und warfen Schatten, die andern so durchsichtig, daß man Gegenstände hindurchsehen konnte; Jacolliot zählte im Ganzen sechzehn. Kaum hatte Jacolliot den Fakir gefragt, ob es nicht möglich wäre, diese Hände zu berühren, so löste sich eine von der Gruppe ab, kam gegen ihn geschwebt und drückte seine dargebotene Hand. Sie war klein, geschmeidig und feucht wie die Hand einer jungen Frau. – „Der Geist ist da, obwohl nur eine seiner Hände sichtbar ist, sprach Covindasamy. Du kannst mit ihm reden, wenn Du es wünschest.“ – Jacolliot fragte lächelnd, ob der Geist, dem diese kleine Hand gehöre, ihm nicht ein Andenken geben wolle? und fühlte darauf jene Hand in der seinen vergehen und sie gegen ein Blumenbouquet schweben, eine Rosenknospe abbrechen, welche sie zu seinen Füßen warf, worauf sie verschwand. Während zwei Stunden kamen Dinge vor, ganz geeignet, die Besinnung zu verwirren; bald streifte eine Hand Jacolliots Gesicht oder fächelte ihm mit einem Fächer, bald verbreitete eine andere im Zimmer einen Blumenregen oder zeichnete in der Luft feurige Buchstaben, welche verschwanden, nachdem der letzte erschienen war, wobei wahrhafte Blitzstrahlen durch das Zimmer und die Terrasse fuhren. Zwei der Sanskritsprüche, die Jacolliot rasch mit dem Bleistift aufzeichnete, lauteten: Divyavapur gatwâ (Ich habe einen fluidischen Körper angenommen) und unmittelbar darauf schrieb die Hand: Atmâram crêyasa yoxyatas Dchasya'sya vimô canat (Du wirst das Glück erlangen, wenn du dich von diesem vergänglichen Körper losmachst). Nach und nach verschwanden die Hände, die Wolke hatte in dem Maße abgenommen, als die Hände sich zu materialisieren schienen; an der Stelle, wo die letzte Hand verdunstet war, fand man einen Kranz von jenen stark duftenden Immortellen, welche die Hindus bei allen ihren Ceremonien verwenden.

Einen Augenblick nach dem Verschwinden der Hände, während der Fakir seine Anrufungen eifrig fortsetzte, bildete sich eine dunklere und dichtere Wolke neben dem kleinen Kohlenbecken, das Jacolliot nach dem Wunsch des Hindu stets mit Glut gefüllt erhalten hatte, und allmählich nahm diese Wolke menschliche Form an und erschien als der Schemen eines alten opfernden Brahminen, der neben dem Becken kniete. Er hatte auf der Stirne die dem Wischnu heiligen Zeichen, seine Hände hielt er vereinigt wie beim Opfern über den Kopf, und seine Lippen bewegten sich wie betend. In einem gegebenen Augenblick nahm er eine starke Prise des wohlriechenden Pulvers und warf sie auf die Glut, worauf alsbald ein dichter Rauch alle Räume erfüllte, nach dessen Verschwinden Jacolliot den Schemen zwei Schritte vor sich sah, der ihm seine fleischlose Hand reichte, die Jacolliot grüßend in die seine faßte und – obwohl knöchern und hart – doch warm und lebend fand. „Bist du wohl, fragte er laut, ein früherer Bewohner der Erde?“ Und kaum hatte er diese Frage beendet, als auf der Brust des Schemens glänzend wie Phosphorlicht das Wort Am (Ja) erschien und sogleich wieder verschwand. Und als Jacolliot weiter fragte: „Willst du mir kein Zeichen deines Vorübergangs hinterlassen?“ zerriß der Geist seinen aus drei Baumwollenschnüren gemachten Gürtel, gab ihm denselben und verschwand zu seinen Füßen.

Jacolliot glaubte die Sitzung beendet, aber der Fakir dachte noch immer nicht daran, seine Stellung zu verändern. Da hörte ersterer plötzlich eine bizarre Melodie, ausgeführt auf einem Instrument, das ihm die zwei Tage vorher gebrauchte Ziehharmonika zu sein schien, welche jedoch der Peischwa des Abends vorher hatte abholen lassen, und die sich nicht mehr in den Zimmern von Jacolliot befand. Die anfangs fernen Töne erklangen bald wie aus näheren Räumen und zuletzt wie im Schlafzimmer, als Jacolliot längs den Mauern hingleitend das Phantom eines Pagodenmusikers erblickte, welcher, die Harmonika spielend, auf ihr jene einförmigen und klagenden Töne hervorbrachte, wie sie der religiösen Musik der Hindus eigen sind.

Als das Phantom durch das Zimmer und die Terrasse passiert war, verschwand es, und an der Stelle seines Verschwindens lag das von ihm gebrauchte Instrument, in der That die Ziehharmonika des Rajah, und doch waren alle Thüren wohl verschlossen. Covindasamy stand nun auf, in Schweiß reich gebadet, auf das äußerste erschöpft, und doch sollte er in wenig Stunden seine Reise antreten. – „Dank Dir, Malabare, sprach Jacolliot, ihn so mit dem Namen seiner geliebten Heimat anredend –, und möge der, welcher die drei geheimnisvollen Gewalten vereinigt, (die brahmanische Dreifaltigkeit), Deine Reise nach den lieblichen Ländern des Südens beschützen, und mögest Du erfahren, daß während Deiner Abwesenheit Freude und Glück in Deiner Hütte gewohnt haben.“ – Der Fakir antwortete in noch mehr emphatischem Tone, und nachdem er das dargereichte Geschenk empfangen, ohne es anzusehen, selbst ohne dafür zu danken, sprach er melancholisch seinen letzten Salam (Gruß) und verschwand geräuschlos. Als Jacolliot in der ersten Morgenröte von der Terrasse auf den Strom blickte, sah er auf demselben einen schwarzen Punkt und mittelst des Nachtfernrohrs, daß es der Fakir war, der den Fährmann geweckt hatte und nun den Ganges kreuzte, um den Weg nach Trivanderam einzuschlagen und das blaue Meer, die Kokospalmen und seine Hütte wiederzusehen, von der er so oft gesprochen. Nach einigen Stunden Schlafs im Hamak erwachend, schien ihm die vergangene Nacht Traum und Hallucination zu sein, aber die Harmonika war da, die geworfenen Blumen bedeckten alle noch die Terrasse, der Immortellenkranz lag noch auf einem Divan, und die Worte, die er in Feuerschrift gesehen, standen in seiner Schreibtafel aufgezeichnet, einen Betrug konnte Jacolliot ebensowenig entdecken als Abbé Huc in Tibet bei den dort gesehenen Produktionen.

Etwa vier Jahre später reiste Jacolliot über Madras, Bellary und Bedjapur nach der Provinz Aurungabad, um den unterirdischen Tempel von Karli zu besuchen, welche berühmten Krypten wie Ellora, Elephantea, Rosach &c. in einem Hügelkranz des Mahrattenlandes liegen, der – mit Forts versehen – Jahrhunderte lang das Eindringen der Moslims gehindert hat. Der Eingang in die in Felsen gehauenen Krypten von Karli befindet sich etwa 300 Fuß über der Basis des Hügels, und man gelangt dahin auf einem Wege, der eher dem Bett eines Bergstroms als einer Straße gleicht und auf eine Terrasse führt, die einen würdigen Vorplatz des prachtvollen Innern bildet. Auf der linken Seite des Porticus steht eine mit unentzifferbaren Charakteren bedeckte massive Säule, die auf ihrem Kapitäl drei noch kaum erkennbare Löwen trägt; auf die Schwelle tretend, hat man einen ungeheuren Vorsaal vor sich, der in seiner ganzen Länge von etwa 600 Schritt mit Arabesken und Skulpturen bedeckt ist; an jeder Seite des Eingangs stehen drei riesige Elephanten mit ihren Cornacs auf Hals und Rücken; das Gewölbe ist durch zwei Reihen von Pfeilern gestützt mit einem Elephanten über jedem, der auf seinem Rücken eine männliche und eine weibliche Gestalt trägt, wie gebeugt unter der ungeheuern auf ihnen ruhenden Last. Dieses imposante dunkle Innere ist nun eine berühmte Wallfahrtsstätte für die Fakirs aus ganz Indien, und manche schlagen ihre Wohnung in der Nähe des Tempels auf, kasteien ihren Leib und leben allein noch der Betrachtung. Tag und Nacht vor flammenden Feuern hingekauert, welche die Gläubigen unterhalten, eine Binde über den Mund, um nicht das geringste Unreine einzuatmen, nichts genießend als einige Körner gerösteten Reis mit Wasser befeuchtet, das durch ein Tuch geseiht wird, magern sie nach und nach zu Skeletten ab, die Geisteskräfte sinken rasch, und ehe ihre letzte Stunde schlägt, haben sie schon eine lange Zeit physischer und intellektueller Schwäche durchlebt, die kein Leben mehr ist. Alle Fakirs, welche in der obern Welt die höchsten Transformationen erlangen wollen, müssen ihren Leib diesen schrecklichen Kasteiungen unterwerfen. Man zeigte Jacolliot einen, erst vor wenigen Monaten vom Kap Comorin angekommenen, der, zwischen zwei Glutpfannen liegend, fast schon ganz gefühllos geworden war. Wie erstaunte Jacolliot, als eine breite Narbe auf dem Schädel ihn den Fakir von Trivanderam erkennen ließ, und er fragte ihn in seiner geliebten Sprache des Südens, ob er sich nicht an den Franguy von Benares erinnere. Einen Augenblick schien ein Blitz durch seine fast verloschenen Augen zu zucken, und er murmelte die zwei Sanskritworte, welche in jener Sitzung in feurigen Buchstaben erschienen waren: „Divyavapur gatwâ. Ich habe einen fluidischen Körper angenommen.“ Es war von ihm, den sie nur „Karli Sava, den Leichnam, das Phantom von Karli“ nannten, kein weiteres Zeichen von Aufmerksamkeit zu erlangen. So enden, sagt Jacolliot, in Siechtum und Geistesschwäche die indischen Medien. –

Es ist denkbar, selbst wahrscheinlich, daß Jacolliot manches mit zu lebhaften Farben geschildert hat, und daß eine Gruppierung der Phänomene stattgefunden hat, um die Überzeugung herbeizuführen, daß namentlich vielleicht die Steigerung derselben ein teilweises Produkt späterer Anordnung sei, die Folge nicht gerade in der angegebenen Weise stattgefunden habe. Prüft man aber die einzelnen Fälle für sich, so stimmen sie nach Wegrechnung des Volkscharakters, der natürlichen Umgebungen, des Bodens, auf dem sie spielen, dem Wesen nach mit den übrigen mystischen Erscheinungen der verschiedensten Zeiten und Völker überein und sind nicht mehr und nicht weniger wunderbar als diese, namentlich auch die spiritistischen Phänomene. Diese Übereinstimmung in der innern wesentlichen Beschaffenheit läßt demnach die Angaben Jacolliots so glaubwürdig erscheinen, wie die meisten andern, und wir befinden uns auch ihnen gegenüber in der gleichen Kontroverse einer Hervorbringung durch magische Kräfte lebender Menschen oder in der Regel unsichtbare Wesen, sogenannte Geister, welche die Lebenden, speziell die, welche man Medien nennt, als Organe ihrer Kundgebung brauchen. Man sieht aus den hier mitgeteilten Angaben, daß die Indier seit uralter Zeit sich für die letztere Meinung entschieden haben und ihre Pitris, die Geister der Vorfahren, für die hierbei Wirkenden ansehen. Haben sie recht, so muß man schließen, daß bei diesen Kräfte frei werden, die nicht an die sogenannten Naturgesetze gebunden sind, daß sie aber zur Bestätigung derselben in sehr vielen Fällen mit Lebenden in Verbindung treten, nicht sowohl als wenn sie dieselben zur Hervorbringung der Phänomene nötig hätten, als vielmehr durch diese ihr eigenes Dasein zu erweisen und wenigstens teilweise ihre Fähigkeiten dem Verständnis der Lebenden näher zu bringen. – Was aber die Fakirs, Sanyassis, Nirvanys &c. betrifft, so ist kaum daran zu zweifeln, daß manche nicht dazu gelangen werden, das magische Vermögen in sich zu entwickeln, und dadurch der Versuchung verfallen, dasselbe zu simulieren, durch seinen Schein zu täuschen, daß sie von Magiern zu Taschenspielern herabsinken. Dieses würde, wie beim ägyptischen, Zend- und anderem Kultus geschehen ist, in dem Maße zunehmen, als der Brahmanismus seinem Verfall entgegen ginge, wovon jedoch bis jetzt nicht viel zu bemerken ist. Lachten doch schon in der spätern Zeit der Republik römische Auguren, wenn sie sich begegneten, und als die Römer nach Ägypten kamen, waren die Priester nur noch imstande, als Führer zu den alten Herrlichkeiten zu dienen.

Die Erfahrung aller Zeiten hat gelehrt, daß die Übung dieser Dinge für die Lebenden mit Gefahr verbunden ist, und daß sie auf Kosten ihrer Bestimmung für die gegenwärtige Form des Daseins vollzogen wird. Bekannt ist, wie gefährlich z. B. jene das visionäre Vermögen erweckenden Räucherungen sind, von denen schon Benvenuto Cellini erzählt, vor welchen Horst und Eckartshausen warnen und deren Wirkung auch Jacolliot erfahren hat. Um wie viel bedenklicher werden aber jene fortgesetzten asketischen Übungen sein, die in manchen Fällen zur Stigmatisation, in andern sonst zum Hinsiechen des Organismus führen. Wenn ein Trost für solche Hingebung zu finden ist, so wird er darin bestehen, daß durch sie Aufschlüsse über das innerste Wesen der menschlichen Natur erlangt worden sind, die auf anderem Wege nicht zu erhalten waren, und wenn jene Meinung richtig ist, welche die Wirkung oder doch Mitwirkung der nicht mehr im irdischen Leben Wandelnden behauptet, so wäre damit ein empirischer Beweis für die persönliche Fortdauer geleistet, ungleich wertvoller als alle Spekulation darüber. Und so hätten die Mystiker aller Zeiten, indem sie irdische Bestimmung wenigstens teilweise verfehlten, sehr oft auch das, was man irdisches Glück nennt, einbüßten, doch nicht umsonst gelebt und entbehrt, sondern der Menschheit einen sehr großen Dienst indirekt erwiesen. Dieses und nicht die vermeinte Gottgefälligkeit der sich jenen abnormen Zuständen Hingebenden oder von ihnen Überwältigten, scheint mir der Gesichtspunkt zu sein, von welchem aus sie zu würdigen sind.