Jacolliot hatte den ganzen Abschnitt über diese Gegenstände 1866 in Pondichery geschrieben, und als er das vorliegende Buch für den Druck vorbereitete, anfänglich die Absicht, ihn ganz zu unterdrücken, weil er, der sich vorgenommen, nur einfacher Berichterstatter sein zu wollen, bemerkte, daß er doch Partei für eine nach seiner Meinung eine natürliche, in Wahrheit jedoch übernatürliche Wirkungen erzeugende Kraft genommen habe. Da bekam er durch Gefälligkeit des Dr. Pual den bekannten Artikel von Crookes über die sogen. psychische Kraft im „Quarterly Journal of Science“ zu lesen, der während seines Aufenthaltes in Indien erschienen war, und geriet in Erstaunen, als er sah, daß der berühmte englische Chemiker nach seinen Versuchen die Existenz einer Kraft im Menschen förmlich behauptete, die er, Jacolliot, mehrere Jahre früher nur vermutet hatte. Dieses bestimmte ihn, das betreffende Kapitel so zu lassen, wie es ursprünglich geschrieben worden war und demgemäß auch seine hier folgenden Erfahrungen mitzuteilen.
Unter dem indischen Himmel mit seiner Glut und Farbenpracht ist die Gefahr noch größer als bei uns, aus der Sprache nüchterner und objektiver Erzählung in eine solche zu verfallen, welche Sensation zu beabsichtigen scheinen könnte. Am 3. Januar 1866 reiste Jacolliot in einem Dungui, einem landesüblichen Fahrzeug, mit kleiner Kajüte, von Tschandernagore auf dem Hugly ab und gelangte 14 Tage später nach der heiligen Stadt Benares. Zwei Eingeborene, nämlich ein Kammerdiener und ein Koch, begleiteten ihn, ein Bootsführer und sechs Ruderer aus der Fischerkaste bildeten die Bemannung des Fahrzeuges. Jacolliot schilderte mit Begeisterung die Pracht der großen Wallfahrtsstadt der Bekenner der Brahmareligion, in welcher unzählige Pilger aus dem weiten Indien kommen und gehen, mit ihren Tempeln, den Minaretstürmen der Mohammedaner, welche über die Massen der Paläste emporragen, den zahlreichen mächtigen Quadertreppen (Chabs), welche zum Ganges hinabführen, an dessen gekrümmten Ufern sich die Stadt in einer Ausdehnung von fast zwei Stunden hinzieht. Überall lange Arkaden, von Säulen gestützt, hohe Quais, Terrassen mit Balkonen und dazwischen das üppige Laubwerk der Baobabs, Tamarinden und Bananenbäume, vielfach mit vielfarbigen Blütentrauben bedeckt, Gärten voll Blumen in weiten Höfen. Mohammedanische und indische Baukunst mischen sich wundersam in der ganz unregelmäßigen Stadt, in welcher die Waren von Indien und Asien zusammenströmen, in der eine Toleranz ohnegleichen herrscht, so daß die Moslim und Brahmadiener gemeinsam ihre Waschungen im heiligen Strome verrichten. Jacolliot hatte in Tschandernagore einen Mahrattenfürsten kennen gelernt, der sich nach Benares zurückgezogen hatte und ihm nun ein Quartier in seinem prachtvollen siebenstöckigen Palast am Strome, links von der berühmten Moschee Aurengzebs, anwies.
Es ist nicht selten, daß indische Große ihre letzten Jahre in Benares, zurückgezogen von der Welt, hinbringen, und unter den Pilgern giebt es solche, welche in kleinen Säcken die nach der Leichenverbrennung gesammelten Knochenreste der Bagahs oder reicher Personen mitbringen, welche die Reise bezahlen können, beauftragt, sie in den heiligen Strom zu werfen; denn die letzte Hoffnung des Hindu ist, an den Ufern des Ganges zu sterben, oder seine Reste dahin bringen zu lassen. Diesem Umstand verdankt Jacolliot die Bekanntschaft vielleicht des außerordentlichsten Fakirs, den er in Indien getroffen, Covindasamy mit Namen. Er kam von Trivanderam, nicht weit von Kap Comorin, der Südspitze Hindostans, mit dem Auftrage, die Leichenreste eines reichen Malabaren, aus der Kaste der Kaufleute, Commutys, nach Benares zu bringen. Der Fürst, dessen Familie aus dem Süden stammte, war gewöhnt, in den Nebengebäuden seines Palastes die Pilger von Travancor, Maisur, Tandjaor und der alten Mahrattenlande aufzunehmen und hatte Covindasamy, der schon 14 Tage da war, eine kleine Strohhütte am Ufer angewiesen, wo er während einundzwanzig Tagen zu Ehren des Toten jeden Tag morgens und abends seine Waschungen machen sollte. Nachdem sich Jacolliot von seinem guten Willen überzeugt hatte, ließ er ihn eines Tages um die Mittagsstunde, wo Alles im Palast wegen der Hitze Siesta hielt, zu sich in ein Zimmer führen, vor welchem eine Terrasse mit der Aussicht auf den Ganges sich befand, in welcher ein Springbrunnen höchst angenehme Kühlung verbreitete. Nachdem sich der Fakir mit gekreuzten Beinen auf den Boden gekauert, sprach Jacolliot zu ihm, ob er wohl eine Frage an ihn richten könne? – Ich höre, war die Antwort. – Weißt Du, fuhr Jacolliot fort, ob in Dir eine Kraft sich entwickelt, wenn Du die Phänomene hervorbringst, und hast Du nie in Deinem Gehirn oder Deinen Muskeln eine besondere Empfindung erhalten? – Es ist nicht eine natürliche Kraft, die wirkt, antwortete Covindasamy, sondern ich rufe die Seelen der Vorfahren an, und sie sind es, welche ihre Macht zeigen, deren Werkzeug ich nur bin. – Eine Menge Fakirs, welche Jacolliot über den gleichen Punkt befragt hatte, gaben fast die gleiche Antwort, und er ließ nun Covindasamy seine Wirksamkeit beginnen. Derselbe hatte schon Stellung genommen und streckte seine Hände in der Richtung gegen eine große, mit Wasser gefüllte Bronzevase aus. Kaum nach 5 Minuten begann die Vase an ihrem Grunde in Schwingungen zu geraten und sich ohne sichtbare Rucke unmerklich dem Zauberer zu nähern, und im Maße wie ihre Entfernung von ihm abnahm, hörte man mehr und mehr metallische Töne aus ihr, als wenn mit einem Stahlstab auf sie geschlagen würde, und diese Töne wurden in einem gegebenen Moment so zahlreich und folgten sich so rasch, als wenn ein Hagelschauer auf ein Zinkdach fiele. Jacolliot verlangte, die Operation leiten zu dürfen, was der Fakir ohne weiteres zugab, und die Vase, stets von ihm beeinflußt, rückte vor oder wieder zurück, oder blieb ruhig, und die Töne stellten ein ununterbrochenes Rollen dar, oder folgten sich langsam und regelmäßig, wie die Stundenschläge einer Uhr, je nach dem Verlangen, welches Jacolliot äußerte; auch geschah eine bestimmte Zahl von Schlägen in einer gegebenen Zeit, und es wurde das Spiel einer Musikdose, welche sich im Palast befand, für die die Hindus so große Liebhaberei hegen, und welche zuerst den Walzer aus dem Freischütz, dann den Marsch aus dem Propheten spielte, im Takt von den Schlägen begleitet. Alles geschah ohne Apparat auf einer Terrasse von einigen Quadratmetern, und die, wie angegeben, bewegte Vase, breit ausgeschweift wie eine Schale und bestimmt, das Wasser des Springbrunnens aufzunehmen, das zu den morgendlichen Waschungen diente, die in Indien ein wahres Bad sind, hatte, wenn ganz leer, ein solches Gewicht, daß kaum zwei Männer sie bewegen konnten. Der Fakir, bis dahin unbeweglich kauernd, erhob sich nun und stützte seine Fingerspitzen auf den Rand der Vase, die nach einigen Augenblicken immer schneller hin und her zu schwanken begann, ohne daß ihr Fuß, der bald die eine, bald die andere Seite auf den Stuckboden setzte, das geringste Geräusch machte. Dabei blieb, was Jacolliot am meisten in Erstaunen setzte, das Wasser in der Vase unbeweglich, als wenn ein starker Druck es hinderte, seinem durch die Bewegung des Behälters fortwährend geänderten Schwerpunkt zu folgen. Dreimal während dieser Schwankungen erhob sich die Vase ganz über den Boden, 7–8 Zoll hoch, und wenn sie auf diesen wieder zurück ging, geschah es ohne wahrnehmbaren Stoß. Die sich gegen den Horizont neigende Sonne mahnte Jacolliot, seine Exkursionen durch die Monumente und Ruinen des alten Kassy, des Mittelpunktes geistlicher Macht zu unternehmen, nachdem die Brahminen im Kampf mit den Rajahs ihre weltliche verloren hatten, – und den Fakir, sich im Sivatempel durch die üblichen Gebete auf die Waschungen und Trauerceremonien vorzubereiten, die er jeden Abend am Ufer des heiligen Stromes zu erfüllen hatte. Er versprach, jeden der wenigen Tage seines Bleibens in Benares noch zu kommen, denn Jacolliot hatte sein Herz gewonnen, da er, so lange Jahre im Süden Indiens lebend, das sanfte und wohlklingende Tamul sprach, was in Benares nicht verstanden wurde, der Fakir daher mit ihm sich über sein wunderbares Heimatsland voll alter Denkmäler und herrlicher Vegetation, und über die geheimnisvollen Krypten der Pagode von Trivanderam unterhalten konnte, in welchem er von den Brahminen in die Kunst der Anrufung eingeweiht worden war.
Nachdem dies auch bei der Zusammenkunft am nächsten Tage geschehen, und hierauf Covindasamy sinnend mit gekreuzten Beinen verharrt hatte, stand er plötzlich auf, näherte sich der Bronzevase, die bis zum Rand mit Wasser gefüllt war, hielt seine Hände über dieses, ohne es zu berühren, und blieb unbeweglich. Vielleicht weil seine Kraft heute schwächer war, verfloß eine Stunde ohne alle sichtbare Wirkung, bis endlich das Wasser wie unter einem leichten Luftzug sich zu runzeln begann; Jacolliot, der seine Hände auf den Rand des Gefäßes gelegt hatte, empfand einen Hauch von Frische, und ein auf das Wasser geworfenes Rosenblatt trieb gegen den Rand. Eigen war dabei, daß die kleinen Wellen sich an der dem Fakir entgegengesetzten Seite bildeten und gegen den Rand, an dem er stand, anschlugen. Nach und nach geriet die Wassermasse wie bei starker Erhitzung in eine sprudelnde Bewegung, überflutete die Hände des Zauberers und manche Wasserstrahlen schossen ein bis zwei Fuß hoch empor. Bat Jacolliot den Fakir, seine Hände vom Wasser zurückzuziehen, so ließ dessen Bewegung allmählich nach, näherte er sie wieder, so nahm sie aufs neue zu.
Der Hindu bat um ein kleines Stäbchen, und Jacolliot gab ihm einen noch nicht angeschnittenen Bleistift, den Covindasamy auf das Wasser legte und der nach einigen Minuten den Händen des Fakirs folgte, wie man eine Magnetnadel durch vorgehaltenes Eisen in allen Richtungen zu führen vermag. Dann legte er äußerst leise die Spitze seines Zeigefingers auf die Mitte des Bleistiftes und dieser sank nach wenig Augenblicken unter das Wasser bis auf den Grund der Vase. Jacolliot hatte schon bei manchen Fakirs Erhebungen vom Boden gesehen und bat auch Covindasamy um eine solche. Dieser ergriff ein Rohr von Eisenholz, welches Jacolliot von Ceylon gebracht hatte, stützte die rechte Hand auf den Kopf, schlug die Augen zur Erde und begann seine Evokationen zu sprechen, worauf er sich allmählich, die eine Hand auf den Kopf gestützt, mit nach orientalischer Weise gekreuzten Beinen bis etwa zwei Fuß über den Boden erhob, dabei unbeweglich bleibend in einer Stellung, ähnlich den bronzenen Buddhas, welche jetzt alle Touristen aus dem äußersten Orient mitbringen, während die meisten dieser Statuetten in den Schmelzereien von London angefertigt wurden. Jacolliot vermochte schlechterdings nicht zu begreifen, wie der Fakir über 20 Minuten lang in einer dem Gesetze der Schwere gänzlich widersprechenden Stellung verharren konnte. Als er an diesem Tage Abschied nahm, kündigte er Jacolliot an, daß in dem Augenblick, wo die heiligen Elephanten auf den kupfernen Becken in Sivas Pagode die Mitternachtsstunde schlagen würden, er die Familiengeister der Franguys (Franzosen) anrufen wolle, welche im Schlafzimmer Jacolliots dann ihre Gegenwart anzeigen würden. Um gegen alle Täuschung gesichert zu sein, schickte Jacolliot die beiden Diener auf das Dingui, um dort mit dem Cercar (Bootsführer) und seinen Leuten die Nacht zuzubringen. Der Palast des Peischwa hat Fenster nur nach dem Ganges hin und besteht aus sieben übereinander gebauten Stockwerken, deren Zimmer sich gegen bedeckte Gallerien und Terrassen öffnen. Die Stockwerke sind auf sonderbare Weise untereinander in Verbindung gesetzt; vom untersten führt nämlich eine einzige Freitreppe (Perron) in das nächste obere, und am andern äußersten Ende von diesem wieder ein Perron nach dem dritten Stockwerk und so fort bis zum sechsten, von welchem ein beweglicher Perron durch Ketten, nach Art einer Zugbrücke aufhebbar, in das siebente Stockwerk führt, welches letztere, halb orientalisch und halb europäisch möbliert, der Peischwa seinen fremden Gästen anzuweisen pflegt. Nachdem Jacolliot die Zimmer genau untersucht, die Zugbrücke aufgehoben hatte, war alle Verbindung nach außen abgeschnitten. Da schien es ihm um die angegebene Stunde, er höre deutlich zwei Schläge gegen die Mauer seines Zimmers, und als er gegen die Stelle zuging, einen schwachen Schlag, der aus der Glasglocke zu kommen schien, welche die Hängelampe gegen die Mücken und Nachtschmetterlinge schützte, dann noch Geräusch in den Cedernbalken der Decke, worauf alles still war. Er ging dann an das Ende der Terrasse, es war eine der Silbernächte, die man in unserem Klima nicht kennt, der Ganges breitete seinen ungeheuren Teppich zu Füßen der schlafenden Stadt aus, und auf einem der Tritte war eine dunkle Gestalt sichtbar: Der Fakir von Trivanderam, welcher für die Ruhe der Toten betete.
Jacolliot konnte sich nicht überzeugen, daß für die Hervorbringung der so oft von ihm gesehenen Phänomene die Theorie der Hindus, nach welcher die Geister der Vorfahren sie erzeugen, erwiesen sei, versichert aber wiederholt, daß niemand in Hindostan die von den Zauberern angewandten Mittel kennt; die Hindus trennen die materiellen Phänomene nicht von ihrem religiösen Glauben. Jawohl, sagte er zum Fakir, als dieser am nächsten Abend wieder erschien, die Geräusche, welche Du angezeigt hast, haben sich vernehmen lassen, der Fakir ist sehr geschickt. – Der Fakir ist nichts, antwortete Covindasamy höchst kaltblütig, er spricht die Mentrams und die Geister hören ihn. Es waren die Manen Deiner französischen Vorfahren, welche Dich besucht haben. – Du hast also Macht auch über fremde Geister? – Niemand kann den Geistern gebieten. – Ich meine, wie können die Seelen der Franguys die Bitten eines Hindu erhören, sie sind ja nicht von Deiner Kaste? – Es giebt keine Kaste in der obern Welt. – Es war diesmal so wenig als ein andermal möglich, Covindasamys Überzeugung wankend zu machen; er ergriff, ohne weiteres abzuwarten, einen kleinen Schemel von Bambus und setzte sich darauf, die Beine nach Moslimweise gekreuzt, die Arme über die Brust gelegt. Der Kammerdiener (Cansama in Hindustani, das Gleiche was Dobaschy im Tamul) hatte die Terrasse taghell erleuchtet, und so sah auch Jacolliot nach einigen Augenblicken der Willenskonzentration des ganz unbeweglichen Fakirs, den Bambusschemel geräuschlos in kleinen Rucken von etwa 10 Centimeter über den Boden gleiten und in etwa 10 Minuten an das Ende der sieben Meter langen Terrasse gelangen, dann sich wieder rückwärts bis zum alten Platz bewegen. Dreimal erfolgte auf Jacolliots Wunsch das gleiche; die Beine des Fakirs waren um die ganze Höhe des Schemels über dem Boden. Die Hitze war an diesem Tag außerordentlich, die kühlende Brise, jeden Abend vom Himalaya kommend, noch nicht eingetreten und der Koch bewegte zur Abkühlung nach Leibeskräften über den mittelst eines Strickes aus Kokosfasern einen enormen Pankah, eine Art beweglichen Fächer, der an einer der mittleren Eisenstangen der Terrasse aufgehängt war. Der Fakir ließ sich den Strick geben, stützte beide Hände auf die Stirne und kauerte sich unter dem Pankah nieder, der bald, ohne daß Covindasamy eine Bewegung gemacht hatte, zuerst sanft, dann immer schneller, wie von Menschenhand bewegt, zu schwingen anfing. Ließ der Zauberer den Strick fahren, so bewegte sich der Pankah langsamer und langsamer, bis er zuletzt still stand. Von drei Blumentöpfen auf der Terrasse, so schwer, daß Manneskraft zur Hebung von einem erforderlich war, wählte Covindasamy einen, legte seine Fingerspitzen auf dessen Rand und bewirkte damit ein regelmäßiges, pendelartiges Hin- und Herbewegen auf seiner Basis und zuletzt schien Jacolliot der Topf sich über den Boden zu erheben und nach dem Willen des Fakirs hin und her zu gehen, ein Phänomen, was Jacolliot auch sehr oft am hellen Tag gesehen hatte.
Derselbe hatte dem Fakir auch so gut als möglich den Lebensmagnetismus und Somnambulismus erklärt, die nach des letzteren Meinung ebenfalls durch Geisterwirkung zustande kommen; er konnte aber keine Zeit finden, hierüber Versuche anzustellen. Er hatte manchmal Gegenstände durch Zauberer fest an den Boden heften sehen, entweder, wie ein englischer Mayor meinte, indem sie durch ihr Fluidum deren spezifisches Gewicht ungemein vermehrten, oder auf unbekannte Weise. Jacolliot, willens den Versuch zu wiederholen, nahm einen kleinen Leuchterstuhl von Teakholz, den er leicht mit Daumen und Zeigefinger aufheben konnte, setzte ihn in die Mitte der Terrasse und fragte den Fakir, ob er ihn hier nicht so befestigen könne, daß er nicht anderswo hin zu bringen sei? Der Malabare, seine beiden Hände auf die obere Platte legend, blieb fast eine Viertelstunde in dieser Stellung, worauf er lächelnd sprach: Die Geister sind gekommen, und niemand kann diesen Gueridon ohne ihren Willen verrücken. Jacolliot versuchte dieses, aber das Möbel verrückte sich so wenig, als wenn es durch Klammern am Boden befestigt wäre, und als er seine Anstrengungen verdoppelte, blieb ihm die obere zerbrechliche Platte in den Händen. Als er mit den ein Kreuz bildenden Füßen auch nichts machen konnte, dachte er, wenn das Geräte durch die Hände des Zauberers mit einer Kraft geladen worden sei und diese nicht mehr erneuert werde, so müsse nach einiger Zeit der Gegenstand bewegt werden können. Er bat daher den Fakir, an das Ende der Terrasse zu gehen, und in der That konnte nach einigen Minuten Jacolliot das Möbel verrücken, was Covindasamy damit erklärte, daß die Geister abgegangen seien. „Aber höre, sie kehren wieder zurück.“ Mit diesen Worten legte er seine Hände auf eine der gewaltig großen silberplattierten Kupferplatten, welche die reichen Eingeborenen zu einem gewissen Spiel brauchen, und fast augenblicklich hörte man eine gewaltige Menge starker Laute, als wie von Hagel auf ein Metalldach, und Jacolliot glaubte, ungeachtet es Tag war, eine Anzahl die Platte in allen Richtungen durchkreuzender Flämmchen zu sehen. Nach dem Willen des Fakirs verschwand die Erscheinung und kehrte wieder zurück.
Auf den Gestellen dieser halb europäisch, halb orientalisch möblierten Zimmer standen eine Menge Nippsachen: kleine Windmühlen, welche Schmiedehämmer bewegten, Bleisoldaten, Tierchen in Holz mit grünen Bäumchen, ein frühes Spielzeug der Kinder, und andere Nürnberger Waren, dazwischen wieder wertvolle und künstliche Dinge, alles durcheinander. Jacolliot nahm eine kleine Mühle, die, durch Blasen in Bewegung gesetzt, diese einigen Persönchen mitteilte, und ersuchte Covindasamy, sie ohne Berührung in Bewegung zu setzen. Dies geschah durch bloßes Darüberhalten seiner Hände, und die Bewegung wurde immer schneller, je mehr er die Hände näherte. Jacolliot hing eine Harmonika an einer dünnen Schnur an einen der eisernen Griffe der Terrasse auf, so daß sie etwa zwei Fuß über dem Boden schwebte, und bat den Zauberer, Töne aus ihr zu ziehen, ohne sie zu berühren. Dieser ergriff mit Daumen und Zeigefinger beider Hände die Schnur, an welcher das Instrument schwebte, und ging dann, völlig unbeweglich werdend, in sich selbst ein. Bald regte sich das Instrument, das Pfeifenwerk erhielt eine Bewegung von unsichtbarer Hand und man hörte langgezogene reine Töne, doch keine Akkorde. Könntest Du nicht eine Arie erhalten? fragte Jacolliot. – Ich will den Geist eines alten Musikers der Pagoden anrufen, erwiderte dieser höchst kaltblütig. Das Instrument hatte nach Jacolliots Frage sogleich geschwiegen; nach langer Stille regte es sich, gab zuerst wie präludierend, eine Reihe von Akkorden und dann ganz entschieden eine der populärsten Arien der Malabarküste, deren Anfangsworte lauten: Bringe Kleinodien für die Jungfrau von Aruna. Der Fakir, ganz unbeweglich bleibend, hielt nur die Schnur zwischen seinen Fingern; Jacolliot, der beim Instrument niederkniete, sah die Griffe nach Bedürfnis sich auf- und niederbewegen.
Es war für Covindasamy der einundzwanzigste Tag seiner Anwesenheit in Benares gekommen, wo er 24 Stunden lang von einem Sonnenaufgang zum andern im Gebet verharren mußte, um dann nach Trivandaram zurückzukehren. Aber zuvor, sprach er zu Jacolliot, werde ich Dir noch einen Tag und eine Nacht widmen, denn Du warst gut mit mir, und ich, dessen Mund lange verschlossen war, habe in der Sprache mit Dir reden können, die meine Mutter brauchte, als sie mich in einem Bananenblatt in Schlaf wiegte. Alle Indier sprechen nie ohne Bewegung von ihrer Mutter. Als am Vorabend des langen Gebetstages Covindasamy die Terrasse verließ und in einem Gefäß vielfarbige Federn der merkwürdigsten indischen Vögel sah, ergriff er davon eine Hand voll und warf sie so hoch als möglich über seinen Kopf, und als sie herab kommen wollten, machte er mit den Händen Luftstriche unter ihnen, und sowie letzteren eine Feder nahe kam, so drehte sie sich leicht um sich selbst und stieg in Spiralen bis zum Zeltdach der Terrasse empor. Alle folgten der gleichen Richtung, aber einen Augenblick später wollten sie, der Schwere folgend, zu Boden sinken, stiegen aber, kaum auf der Hälfte des Weges angelangt, wieder auf und setzten sich an der Decke fest. Noch einmal erzitterten sie und zeigten eine schwache Neigung zum Herabsinken, aber bald blieben sie vollkommen unbeweglich hängen und gewährten durch ihre Anordnung auf dem Goldgelb der Strohmatte der Decke und ihre bunten Farben einen angenehmen Anblick. Kaum aber war der Fakir abgegangen, so fielen sie träg zu Boden, wo sie Jacolliot längere Zeit liegen ließ, um sich zu überzeugen, daß er beim Anblick dieser unbegreiflichen Phänomene nicht das Opfer einer Hallucination geworden sei.