Ohne der Sache zu viel Gewicht beizulegen, sei noch bemerkt, daß die Kabbalisten ihre Zuflucht zu wenig rationellen Mitteln nahmen, um zu ihren Zwecken zu gelangen und ihre eigenen Ideen in die göttliche Offenbarung einzuführen. Eines dieser Mittel bestand in der Bildung eines neuen Alphabets, wobei man die Buchstaben nach ihrem Zahlenwert betrachtete oder sie vielmehr nach einer durch denselben gegebenen Ordnung vertauschte. Diese Methode wird häufig im Talmud angewendet, wurde aber schon weit früher in der chaldäischen Paraphrase des Jonathan ben Usiel gebraucht, eines Schülers und Zeitgenossen von Hillel dem Älteren, welcher während der ersten Regierungsjahre des Herodes in hohem Ansehen stand. Es ist richtig, daß ähnliche Prozeduren unterschiedslos den verschiedensten Ideen dienen können, aber man findet nicht leicht eine künstliche Sprache, deren Schlüssel man sowohl nach seinem Willen verbergen kann, wenn man entschlossen ist, seine Gedanken der großen Menge zu verbergen. Aber, obschon der Talmud oft analoge und weit ältere ähnliche Methoden anwendet, auf welche wir zurückkommen werden, so ist diese doch die seltsamste. Vergleicht man alle zusammen, so kommt man zu dem Schluß, daß vor dem Ende des ersten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung sich geheimnisvoll unter den Juden eine hochverehrte Wissenschaft sich verbreitete, welche von der Mischna, dem Talmud und der heiligen Schrift sehr verschieden ist, eine mystische Lehre, welche von dem Bedürfnis der Reflexion und Selbständigkeit, besser gesagt, der Philosophie, erzeugt wurde, und in welcher man mit Vorliebe die Autorität der Tradition und der heiligen Schrift vereinigt sah.

Die Urheber dieser Lehre, welche man jetzt Kabbalisten nennt, dürfen nicht mit den Essäern verwechselt werden, welche schon bedeutend früher bekannt waren und ihre Gebräuche wie ihren Glauben bis in das Zeitalter Justinians erhielten. Wenn wir Philo und Josephus, den einzigen vertrauenswürdigen Berichterstattern über dieselben Glauben schenken[359], so war der Zweck dieser Sekte lediglich ein moralischer und praktischer; sie strebten die Herrschaft des Geistes der Gleichheit und Brüderlichkeit unter den Menschen an, also das Gleiche, was Christus und die Apostel wollten. Die Kabbala aber ist im Gegenteil nach den uns überlieferten alten Zeugnissen eine durchaus spekulative Wissenschaft, welche die Geheimnisse der Gottheit und der Schöpfung entschleiern will. Die Essäer hingegen bildeten eine organisierte Gesellschaft, welche mit den religiösen Bruderschaften des Mittelalters vergleichbar ist; ihre Anschauungen wie ihre Ideen reflektierten sich in ihrem äußern Leben, und sie nahmen alle in ihre Gemeinschaft auf, welche ein reines Leben führten, selbst Frauen und Kinder. Die Kabbalisten waren im Gegensatz zu den Essäern von ihrem ersten Auftreten an in Geheimnisse gehüllt. Erst nach und nach öffneten sie unter tausend Vorsichtsmaßregeln einem neuaufgenommenen Adepten die Thüre ihres Sanktuarium ein wenig, bei dessen Auswahl sie jedoch nur die Elite des Geistes berücksichtigten und darauf sahen, daß sein Alter wie seine Weisheit Garantien für seine Verschwiegenheit boten. Die Essäer scheuten sich ungeachtet der pharisäischen Strenge, mit welcher sie den Sabbath feierten, nicht, öffentlich die Traditionen zu verwerfen und zuzugestehen, daß die Moral weit über dem Kultus stehe, und waren sogar bezüglich desselben weit entfernt, die vom Pentateuch vorgeschriebenen Opfer darzubringen und die anbefohlenen Ceremonien auszuüben. Aber die Adepten der Kabbala banden sich wie die Karmaten unter den Mohammedanern und die meisten christlichen Mystiker streng an die äußerlichen Gebräuche; sie hielten sich genau an die Tradition, welche sie zu ihren Gunsten auslegten, und mehrere von ihnen waren – wie schon gesagt – berühmte Mischnagelehrte, und auch noch in den späteren Zeiten wurden sie selten diesen Geboten der Klugheit untreu.

[Zweites Kapitel.]
Die kabbalistischen Bücher. Die Authenticität des Sepher Jezirah.

Wir kommen jetzt zu den Originalschriften, in welchen nach der allgemein verbreiteten Meinung das kabbalistische System seit seiner Entstehung niedergelegt ist. Nach den uns erhaltenen Titeln scheinen sie sehr zahlreich gewesen zu sein, allein wir beschäftigen uns hier nur mit denjenigen, welche vollständig erhalten geblieben sind und unsere Aufmerksamkeit sowohl durch ihre Wichtigkeit als durch ihr Alter fesseln. Dieselben entsprechen also der Überlieferung des Talmud, daß die Kabbala in die Geschichte der Schöpfung und die heilige Merkaba zerfällt. Das eine ist betitelt: „Buch der Schöpfung“ (ספר יצירה) und enthält, ich will nicht sagen ein physikalisches, wohl aber ein kosmologisches System, welches einer Epoche und einem Land entspricht, wo der Geist gewohnt war, alle Naturvorgänge aus einem unmittelbaren Eingreifen der Gottheit zu erklären, und in welcher demgemäß allgemeine Beziehungen und oberflächliche Beobachtungen für Naturwissenschaft galten. Das andere Buch ist „Sohar“ (זהר) „Licht“ genannt nach den Worten des Propheten Daniel[360]: „Die Lehrer aber werden leuchten wie des Himmels Glanz.“ Der Sohar beschäftigt sich ausschließlich mit Gott, den Geistern und der menschlichen Seele, mit einem Wort, mit der intellektuellen Welt. Wir sind weit von der Annahme entfernt, daß beide Bücher von gleichem Wert und gleicher Wichtigkeit sind. Das zweite ist viel umfangreicher, viel reichhaltiger, aber auch viel schwieriger als das erste und verdient eine weit eingehendere Behandlung. Jedoch müssen wir uns zunächst mit dem ersten als dem älteren beschäftigen.

Man hat sich zu Gunsten des Alters des Sepher Jezirah auf den Talmud berufen und dabei viel Scharfsinn vergeblich verschwendet. Wir übergehen also die diesbezüglichen umlaufenden Legenden und Kontroversen mit Stillschweigen und suchen nur den Inhalt des Buches kennen zu lernen. Dies wird genügen, seinen Charakter zu taxieren und seinen frühen Ursprung kennen zu lernen.

1. Das System, welches das Buch Jezirah enthält, entspricht genau den Begriffen, welche man sich nach seinem Titel von ihm machen muß, und wir können zunächst folgenden Satz aufstellen:

„Der Ewige, der Herr der Heerscharen, der Gott Israels, der lebende, allmächtige, allerhöchste Gott, der von Ewigkeit ist, und dessen Name hehr und heilig ist, schuf die Welt durch zweiunddreißig Wege der Weisheit.“

2. Die zur Erklärung des Werks der Schöpfung angewandten Mittel, die den Zahlen und Buchstaben beigelegte Wichtigkeit machen es begreiflich, wie Unwissenheit und Aberglaube in späterer Zeit das angewandte Prinzip mißbrauchten, wie sich die bekannten über die Kabbala umlaufenden Fabeln verbreiteten, und wie die sogenannte praktische Kabbala entstehen konnte, welche durch die Kraft der Buchstaben und Zahlen den Lauf der Natur verändern zu können glaubt.

Die Darstellungsweise des Jezirah ist einfach und schwerfällig, und man findet nicht das Geringste, was einem Beweis oder einer Begründung gleicht; es enthält nur in eine ziemlich regelmäßige Ordnung getheilte Aphorismen, welche ungefähr die gleiche Bündigkeit wie die alten Orakel besitzen. Eine Thatsache ist frappant, daß nämlich das in späterer Zeit ausschließlich für „Seele“ gebrauchte Wort[361] gerade wie im Pentateuch und im ganzen alten Testament überhaupt für den lebenden, von der Seele noch nicht verlassenen Leib gebraucht wird. Außerdem finden sich mehrere Worte fremden Ursprungs. So gehören z. B. die Namen der Planeten und des himmlischen Drachens[362] der Sprache der Chaldäer an, welche zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft einen fast allmächtigen Einfluß auf die Juden ausübten. Hingegen wird man keinem der vielen griechischen und arabischen Ausdrücke begegnen, wie sie im Talmud oder in den Werken einer Zeit vorkommen, in welcher die hebräische Sprache bereits in den Dienst der Wissenschaft und Philosophie getreten war. Wir kommen also zu dem Schluß, daß das Buch Jezirah zu einer Zeit, wo die jüdische Civilisation noch nicht an der griechischen und arabischen teilnahm, ja vielleicht schon vor der Entstehung des Christentums abgefaßt wurde. Wir müssen jedoch zugestehen, daß es nicht schwer ist, in dem uns beschäftigenden Werk Spuren der Sprache und Philosophie des Aristoteles nachzuweisen. Nach dem oben citierten Satz, laut welchem der Ewige die Welt auf zweiunddreißig wunderbaren Wegen der Weisheit schuf, gebraucht das Buch Jezirah noch die Ausdrücke: „der, welcher zählt, das Gezählte und die Handlung des Zählens“, was schon die ältesten Kommentatoren durch „Subjekt, Objekt und die Handlung der Reflexion oder das Denken“ auslegen. Es ist unmöglich, sich dabei nicht an den berühmten Satz des zwölften Buches der Metaphysik des Aristoteles zu erinnern: „Die Intelligenz begreift sich selbst, indem sie das Intelligible wahrnimmt, und sie wird selbst intelligibel durch den Akt des Begreifens und Einsehens, insofern nämlich die Intelligenz und das Intelligible identisch sind.“ Jedoch liegt es auf der Hand, daß obige Worte später hinzugesetzt sind, insofern sie weder mit dem Satz selbst, noch im Vorausgehenden und Folgenden; sie kommen überhaupt im ganzen Verlauf des Werkes nicht wieder zum Vorschein, obgleich in demselben in der umfangreichsten Weise von dem Gebrauch der zehn Zahlen und zweiundzwanzig Buchstaben die Rede ist, welche die zweiunddreißig Wege bilden, deren sich die Gottheit bei der Schöpfung bediente. Man begreift endlich kaum, wie sie ihren Platz in einem Werk finden konnten, in welchem nur die Rede von den verschiedenen Beziehungen der verschiedenen Teile der materiellen Welt ist. Was nun die Abweichungen der beiden Manuskripte der Mantuaer Ausgabe[363] anlangt, von denen das eine am Schluß des Bandes, das andere inmitten anderer Traktate abgedruckt ist, so sind dieselben nicht im Entferntesten so bedeutend, als manche moderne Kritiker annehmen wollen. Bei einer unparteiischen und eingehenden Vergleichung findet man nur einige unbedeutende Varianten, welche sich bei dem hohen Alter des Sepher Jezirah im Laufe der Jahrhunderte sehr leicht durch die Unaufmerksamkeit der Abschreiber und Kommentatoren einschleichen konnten. Andererseits behandeln die beiden Manuskripte nicht nur denselben Stoff, dasselbe von einem allgemeinen Standpunkt aus betrachtete System, sondern sie haben auch die gleiche Einteilung, die gleiche Kapitelzahl und den gleichen Inhalt der Kapitel; endlich aber sind die gleichen Gedanken mit den gleichen Ausdrücken dargestellt. Aber man findet nicht die gleiche Übereinstimmung in der Zahl und Stellung derjenigen Sätze, welche unter dem Namen Mischna hier und da eingestreut sind. Hier hat man sich nicht vor überflüssigen Wiederholungen gehütet, an der einen Stelle die Sätze unnötig zusammengehäuft und an der andern ungerechtfertigt getrennt und vereinzelt. Endlich erscheint ein Satz klarer als der andere, weniger bezüglich des Wortlautes als hinsichtlich des Gedankenganges. Wir wollen nur eine einzige Stelle anführen, bei welcher dieser letztere Unterschied auffällig hervortritt. Das eine Manuskript sagt ganz einfach, daß der Urbeginn des Alls der Geist des lebendigen Gottes sei; das andere Manuskript fügt hinzu, daß dieser Geist Gottes der heilige Geist sei, welcher gleichzeitig Geist, Stimme und Wort sei. Ohne Zweifel ist dieser Gedanke von hoher Wichtigkeit, aber er fehlt auch nicht in dem Manuskript, wo er weniger klar dargestellt ist, und er bildet, wie wir bald sehen werden, die Grundlage und das Schlußergebnis des ganzen Systems. Übrigens wurde „das Buch der Schöpfung“ zu Anfang des zehnten Jahrhunderts ins Arabische übersetzt und kommentiert von Rabbi Saadiah, einem großen Geist und methodischen, klugen Kopf; derselbe hält es für eines der ältesten und frühesten Denkmäler des menschlichen Geistes. Wir fügen, ohne diesem Zeugnis einen zu großen Wert beizulegen, hinzu, daß die ihm während des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts folgenden Kommentatoren der gleichen Meinung sind.