Wie alle Werke einer weit zurückliegenden Zeit ist auch das uns beschäftigende ohne Titel und Namen des Verfassers; jedoch schließt es mit folgenden merkwürdigen Worten:
„Und als Abraham, unser Vater, alle diese Dinge betrachtet, untersucht, ergründet und erforscht hatte, offenbarte sich ihm der Herr der Welt und nannte ihn seinen Freund und machte ein ewiges Bündnis mit ihm und seiner Nachkommenschaft. Und Abraham glaubte an Gott, und dies ward ihm als ein Werk der Gerechtigkeit angerechnet, und der Glanz Gottes fiel auf ihn, denn von ihm sind die Worte gesprochen: Siehe, ich habe dich gekannt, ehe du im Mutterleib gebildet wurdest.“
Diese Stelle kann nicht als eine neue Erfindung gelten, denn sie findet sich in den beiden mantuanischen Texten und den meisten alten Kommentaren. Wahrscheinlich wurde sie im Interesse des „Buches der Schöpfung“ untergeschoben, damit es scheine, als ob der Stammvater der Hebräer der Verfasser dieses Buches sei und durch dasselbe zu dem Gedanken eines einzigen und allmächtigen Gottes gelangt sei. Ferner existiert unter den Juden eine Tradition, nach welcher Abraham große astronomische Kenntnisse besaß und sich allein durch die Betrachtung der Natur zu der Idee des wahren Gottes emporgeschwungen habe. Nichtsdestoweniger hat man bis heute obige Worte auf eine grobmaterielle Weise interpretiert. Man glaubte nämlich, daß Abraham der Verfasser sei und nannte seinen Namen mit einer religiösen Scheu. Folgendes sind die Ausdrücke, mit denen Moses Botril seinen Kommentar des Sepher Jezirah beginnt:
„Unser Vater Abraham, Friede sei mit ihm, schrieb gegen die Weisen seiner Zeit, welche nicht an das Prinzip der Einheit glaubten. Wenigstens sagt so Rabbi Saadiah – das Andenken dieses Gerechten sei gesegnet! – im ersten Kapitel seines Buches, welches den Titel führt: der Stein der Weisen.[364] Ich führe seine eigenen Worte an: Die chaldäischen Weisen bekämpften unsern Vater Abraham um seines Glaubens willen. Die chaldäischen Weisen aber zerfielen in drei Sekten. Die erste glaubte, daß das Weltall zwei in der Art ihrer Thätigkeit durchaus verschiedenen Grundursachen unterworfen sei, von denen die eine zu zerstören versuche, was die andere geschaffen habe. Es ist dies die Anschauung der Dualisten, die sich auf ein System stützen, welches auf die Urheber des Guten und des Bösen gegründet ist. Die zweite Sekte nimmt drei Grundprinzipien an, nämlich die eben genannten, welche sich gegenseitig aufheben, und das aus dieser Aufhebung entspringende Nichts. Die dritte Sekte endlich erkennt keinen anderen Gott als die Sonne an, welche sie als das Grundprinzip des Werdens und Vergehens betrachtet.“
Ungeachtet der großen und allgemein respektierten Autorität des Moses Botril können wir seine Meinung nur als eine ganz vereinzelte betrachten, denn an die Stelle des Namens von Abraham ist längst der des Ben Akiba getreten, eines der fanatischsten Träger der Tradition und eines der vielen Märtyrer der Freiheit seines Landes, welcher verdient, zu den bewundernswertesten Helden gezählt zu werden, wie sie je in Athen und Rom eine Rolle spielten. Uns erscheint jedoch diese letztere Annahme ebenso unwahrscheinlich und nicht besser begründet als die erstere. Überall, wo der Talmud Akiba erwähnt, erscheint er als ein fast göttliches, selbst über Moses hinausragendes Wesen, jedoch repräsentiert er sich in keiner Weise als eine der Leuchten der Merkaba oder der Weisheit der Genesis, nichts läßt vermuten, daß er das „Buch der Schöpfung“ geschrieben habe oder irgend ein Buch von ähnlicher Beschaffenheit, und im Gegenteil tadelt man ganz positiv an ihm, daß er von der Gottheit gerade keine sehr erhabenen Anschauungen gehabt habe. So sagt z. B. Rabbi Joseph von Galiläa: „O Akiba, wie sehr vermischest du Gewöhnliches mit der göttlichen Majestät.“ Nur die Begeisterung, welche er einflößte, die Geduld, mit welcher er Regeln für alle Lebenslagen aufstellte, der von ihm vierzig Jahre lang gezeigte religiöse Eifer und endlich der Heroismus seines Todes haben der Tradition ein gewisses Gewicht gegeben; hingegen stimmen die ihm zugeschriebenen vierundzwanzigtausend Schüler durchaus nicht mit dem Verbot der Mischna überein, auch nur das geringste Geheimnis der Kabbala bekannt zu machen.
Einige neuere Kritiker haben geglaubt, es hätten zwei verschiedene Bücher unter dem Titel Sepher Jezirah existiert, von denen das dem Abraham zugeschriebene und im Talmud erwähnte längst verloren gegangen und nur das neuere uns erhalten geblieben sei. Morin, der Verfasser der Exercitationes biblicae, entnimmt einem Chronisten des 16. Jahrhunderts folgende Stelle, an welcher sich derselbe über Akiba äußert: „Derselbe hat das Buch der Schöpfung zu Ehren der Kabbala geschrieben; es existierte aber noch ein anderes von Abraham geschriebenes Buch der Schöpfung, über welches Rabbi Moses ben Nachman (abgekürzt Ramban genannt[365]), einen großen und wunderbaren Kommentar schrieb.“ Dieser zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts geschriebene und in der Mantuaer Ausgabe einige Jahre nach der erwähnten Chronik gedruckte Kommentar entspricht auf das Genaueste dem Buche Jezirah, wie wir es noch heute besitzen. Die meisten seiner Ausdrücke sind genau hinübergenommen, und es liegt auf der Hand, daß der von uns genannte Chronist den Kommentar nicht gelesen hat. Endlich ist der erste, welcher an die Stelle des Namens von Abraham den des Akiba setzte, ein Kabbalist des 16. Jahrhunderts, Isaak Delares, welcher in seiner Vorrede zum Sohar fragt: „Wer hat Rabbi Akiba erlaubt, unter dem Namen Mischna das Buch Jezirah zu schreiben, da dasselbe ein Buch ist, welches seit Abraham mündlich überliefert wurde?“ Allerdings ist dieser Ausspruch der Fiktion, welche wir zerstören wollen, entgegenstehend; aber nichtsdestoweniger beruht dieselbe auf der eben genannten Autorität. Der Verfasser des „Buches der Schöpfung“ ist noch nicht entdeckt, und es ist nicht unsere Sache, den über seinem Namen liegenden Schleier zu lüften; ja wir glauben sogar, daß dies bei dem geringen vorliegenden Material unmöglich ist. Diese Ungewißheit kann sich aber nicht auf die im Sepher Jezirah demonstrierten Lehrsätze erstrecken, welche das philosophische Interesse erwecken müssen, das dieser Stoff beanspruchen kann.
[Drittes Kapitel.]
Die Authenticität des Sohar.
Ein lebhaftes Interesse, aber auch große Schwierigkeiten sind mit dem jetzt zu besprechenden litterarischen Denkmal, dem Sohar oder „Buch des Lichtes“, dem Universalkodex der Kabbala verbunden. In der bescheidenen Form eines Kommentars zum Pentateuch berührt er mit großer Unabhängigkeit alle geistigen Fragen und erhebt sich manchmal zu Lehren, welche dem größten Genie unserer Zeit zur Ehre gereichen würden. Aber er ist weit entfernt, sich beständig auf dieser Höhe zu erhalten, sondern steigt oft zu einer Sprache, zu Ausdrücken und Ideen herab, welche den äußersten Grad von Unwissenheit und Aberglauben verraten. Man findet in ihm einerseits die Einfachheit und den naiven Enthusiasmus der biblischen Zeit, andererseits Namen, Thatsachen, Kenntnisse und Gebräuche, welche auf eine ziemlich vorgerückte Epoche des Mittelalters deuten. Diese Ungleichheit der Form wie des Inhalts, die bizarre, die verschiedensten Zeiten ineinander werfende Mischung des Charakters, das fast völlige Schweigen der beiden Talmud und endlich das Fehlen positiver Dokumente bis zum Schluß des 13. Jahrhunderts haben die verschiedensten Meinungen über den Ursprung und den Verfasser dieses Buches aufkommen lassen. Wir wollen zunächst die ältesten und zuverlässigsten Zeugnisse beibringen und sprechen lassen, bevor wir unsere eigene Meinung über diese schwierige Frage kund thun.
Alles, was man über die Entstehung und das Alter der Sohar sagt und vermutet, ist in einer durchaus unparteiischen Weise zwei Schriftstellern entnommen. Der erste derselben, Abraham ben Zakuth (um 1492) sagt in seinem „Buch der Genealogien“: