Der Verfasser dieser Zeilen ignoriert den Namen des Sohar, welcher auch nicht ein einziges Mal in seinem Werk genannt wird. Auf der anderen Seite nennt er aber eine große Anzahl sehr alter dem Orient angehöriger Schriftsteller, wie Rabbi Saadiah, Rabbi Hai und Rabbi Aron, das Oberhaupt der Schule von Babylon. Manchmal spricht er auch davon, daß er seine Weisheit aus dem Munde seines Meisters habe, weshalb nicht anzunehmen ist, daß er seine kabbalistischen Kenntnisse aus den von Nachmanides und Moses von Leon veröffentlichten Manuskripten geschöpft habe. Das System des Simon ben Jochai ist aber vor Anfang des 13. Jahrhunderts der berühmteste Vertreter der kabbalistischen Philosophie, das treu aufbewahrt und in einer Menge von Traditionen fortgepflanzt wurde, welche die Einen niederschrieben, während die andern nach dem Brauch ihrer Väter vorzogen, es in ihrem Gedächtnis zu behalten. Im Sohar selbst finden sich nur die Traditionen, welche dem ersten bis siebenten christlichen Jahrhundert entstammen, ohne daß wir jedoch dadurch genötigt würden, die Abfassung des Sohars in jene Zeit zurückzuversetzen. Wohl aber entstammen ihr die einander so ähnlichen und durch den gleichen Geist verbundenen Traditionen, denn damals kannte man schon, wie wir bereits sahen, die Merkaba, d. h. den Teil der Kabbala, mit welchem sich der Sohar ganz besonders beschäftigt; und Simon ben Jochai hatte, wie er selbst sagt, Vorläufer. Wir können unmöglich die Entstehung dieser Traditionen in eine uns nahe liegende Zeit verlegen, da kein einziger Umstand dafür spricht; im Gegenteil stehen den der unsern entgegengesetzten Meinungen unüberwindliche Hindernisse entgegen, unter welchen die von uns angeführten Gründe nicht die geringsten sein dürften.
Es bleiben nun noch zwei Einwürfe zu widerlegen. Man hat eingewendet, daß man während eines so frühen Zeitalters, in welchem unserer Ansicht nach das Hauptmonument des kabbalistischen Systems entstanden ist, unmöglich das Copernikanische System, die Grundlage unserer Weltanschauung, gekannt haben könne, welche Kenntnis zweifelsohne aus der von uns oben citierten Stelle hervorgeht. Wir entgegnen darauf, daß auf alle Fälle, selbst wenn der Sohar eine am Schluß des 13. Jahrhunderts begangene Fälschung wäre, die betreffende Stelle doch lange vor der Geburt des großen preußischen Astronomen bekannt gewesen ist. Auch war diese Weltanschauung schon im klassischen Altertum bekannt, weil Aristoteles dieselbe der pythagoräischen Schule zuschreibt. Er sagt[386]:
„Fast Alle, die den Lauf des Himmels erforscht zu haben, versichern, nehmen an, daß sich die Erde im Mittelpunkt desselben befindet; aber die Philosophen der italischen Schule oder die Pythagoräer lehren gerade das Gegentheil davon. Nach ihrer Meinung nimmt das Feuer die Mitte ein, und die Bewegung der Erde um dasselbe bringt Tag und Nacht hervor.“
Die ersten Kirchenväter haben in ihren Angriffen gegen die heidnische Philosophie diese mit der Genesis unvereinbare Weltanschauung widerlegen zu müssen geglaubt, und Lactanz sagt über dieselbe:
„Ineptum credere esse homines quorum vestigia sint superiora quam capita, aut ibi quae apud nos jacent inversa pendere; fruges et arbores deorsum versus crescere. – Hujus erroris origenem philosophis fuisse quod existimarint rotundum esse mundum.“[387]
Der heilige Augustin drückt sich über denselben Gegenstand mit ähnlichen Worten aus.[388] Endlich aber hatten die ältesten Autoren der Gemara Kenntnis von den Antipoden und der sphärischen Form der Erde, denn man liest im jerusalemitischen Talmud[389], daß Alexander der Große auf seinem Eroberungszug gelernt habe, die Erde sei rund, und daß sie recht gut mit einem Ball verglichen werden könne. Der gegen uns sprechen sollende Umstand spricht also thatsächlich für uns, denn im Mittelalter war das wahre Weltsystem nur sehr wenigen bekannt, während das falsche des Ptolemäus unbeschränkt herrschte.
Man könnte sich auch darüber wundern, daß in dem von uns für den ältesten gehaltenen Teil des Sohar, der Idra Rabba oder großen Versammlung, medizinische Kenntnisse anzutreffen sind, die einer sehr vorgeschrittenen Civilisation anzugehören scheinen. Hier findet sich z. B. folgende bemerkenswerte Stelle, welche einem modernen Lehrbuch der Anatomie entnommen sein könnte[390]:
„Das Hirn inmitten des Schädels wird in drei Theile getheilt, deren jeder einen gesonderten Platz einnimmt. Zu äußerst ist es mit einer sehr zarten Haut bedeckt, auf welche eine harte Haut folgt. Aus der Mitte dieser drei Theile des Gehirns verbreiten sich zweiunddreißig Kanäle auf beiden Seiten durch den ganzen Körper, so daß sie den Körper in allen Punkten umfassen und sich durch alle Theile erstrecken.“
Es ist unmöglich, in diesen Worten sowohl die Hirnhäute mit der Marksubstanz als die zweiunddreißig Nervenpaare zu verkennen, welche sich symmetrisch durch den Körper verteilen, um dem ganzen animalischen Haushalt Leben und Empfindung zuzuführen. Dabei ist jedoch zu bemerken, daß der religiöse Zwang der Speisegesetze und die Furcht, etwas Unreines zu genießen, die Juden schon sehr früh zum Studium der Naturgeschichte und Anatomie führen mußte. So giebt es im Talmud eine Vorschrift, daß der Genuß des Fleisches derjenigen Tiere verboten sei, deren Gehirnhäute durchbohrt sind. Jedoch sind die Meinungen über diese Vorschrift geteilt. Einige nehmen an, daß das Verbot nur dann gelte, wenn beide Häute, andere dagegen, wenn nur die dura mater verletzt sei. Wieder andern genügt schon eine Trennung des Zusammenhangs der beiden Häute.[391] In demselben Traktat ist auch vom Rückenmark und seinen Häuten die Rede, wozu bemerkt sei, daß es um die Mitte des zweiten Jahrhunderts unter den Juden bereits Ärzte von Beruf gab, denn im Talmud wird erzählt[392], daß Judas, der Verfasser der Mischna, während dreizehn Jahre an einer Augenkrankheit litt, und daß sein Arzt Rabbi Samuel, einer der eifrigsten Verteidiger der Tradition war, welcher außer der Medizin noch das Studium der Astronomie und Mathematik betrieb, und von dem man zu sagen pflegte, daß er die Bahnen des Himmels gleich den Straßen von Nehardea, seiner Vaterstadt, kannte.