Diese drei durch große Zwischenräume in der ungeheuren Sammlung getrennten Werke bilden jedoch ein zusammengehöriges Ganzes sowohl was die Thatsachen, als auch was den Gedankengang des Inhalts anlangt. Man findet darin bald in allegorischer Form, bald in durchaus metaphysischer Sprache eine fortlaufende und glänzende Beschreibung der göttlichen Attribute, ihrer verschiedenen Attribute, der Art und Weise der Schöpfung und der Beziehungen zwischen Gott und dem Menschen. Jedoch verläßt der Sohar nicht selten diese Höhen der Spekulation, um zu dem äußern und praktischen Leben herabzusteigen und die Beobachtung des Gesetzes und der religiösen Gebräuche zu empfehlen. Häufig begegnet man auch einem Namen, einer Thatsache oder einem Ausdruck, welcher uns die Authenticität dieser Blätter bezweifeln lassen könnte, auf denen die Originalität der Form dem Fluge des Gedankens preisgegeben wird. Das Wort führt immer der Meister, welcher seine Zuhörer nicht mit logischen Gründen, sondern nur durch die Macht seiner Autorität überzeugt. Er demonstriert nicht, er erklärt nicht, er wiederholt nicht, was er von andern gelernt hat, sondern er versichert, und ein jedes seiner Worte wird als ein heiliger Glaubensartikel betrachtet. Diesen Charakter trägt besonders „das Buch des Geheimnisses“, ein sehr ausführliches, aber auch sehr dunkles Resumé des ganzen Werkes. Man könnte von ihm sagen: docebat quasi auctoritatem habens. Im übrigen enthält das Buch anstatt einer fortlaufenden Exposition eine Menge ungeregelter Ideen; anstatt eines festen, konsequent verfolgten Planes, wobei die vom Autor als Belege seiner eigenen Ideen herangezogenen Schriftstellen sich dem Gedankengang anschmiegen müßten, ist der Verlauf des Kommentars untergeordnet und ohne Zusammenhang. Jedoch ist, wie wir bereits bemerkten, die Auslegung der Schrift nur ein Vorwand, und wir werden, ohne den Bannkreis ihrer Ideen zu verlassen, durch den Text von einem Gegenstand zum andern geführt, womit sich die Traditionen der Schule des Simon ben Jochai beschäftigte, der, anstatt ein logisch geordnetes System aufzustellen, dem Zeitgeschmack folgend, seine Ideen den Hauptstellen des Pentateuch anpaßte. Diese Ansicht wird noch durch den Umstand bestärkt, daß oft nicht die mindesten Beziehungen zwischen dem betreffenden biblischen Text und den Stellen des Sohar bestehen, welche ihm als Kommentar dienen sollen. Dieselbe Zusammenhangslosigkeit und Unordnung herrscht in der Anordnung des Stoffes, und es finden sich nur eine kleine Anzahl von Stellen, die einen gleichförmigen Charakter zur Schau tragen. Hier herrscht die metaphysische Theologie völlig souverän; aber ungeachtet der kühnsten und hochfliegendsten Theorien begegnet man sehr häufig den materiellsten Details des äußern Kultus oder kindischen Fragen, mit welchen die Gemaristen gleich den Kasuisten anderer Religionen Zeit und Papier zu verschwenden pflegten. Und hierin sind alle Argumente aufgehäuft, deren sich die neueren Kritiker zur Stütze ihrer Anschauungen bedient haben, und wovon wir die Falschheit nachgewiesen zu haben hoffen. Dieser letztere Teil des Sohars endlich weist nach Form und Inhalt die Spuren einer ziemlich neuen Zeit auf, während die Einfachheit wie der gläubige und naive Enthusiasmus der andern Teile an die Zeit und Sprache der Bibel erinnert. Wir wollen als Beispiel nur die Erzählung vom Tode des Simon ben Jochai von Rabbi Aba anführen, welcher derjenige Schüler Simons war, den er mit der Niederschrift seiner Lehren beauftragt hatte:
„Die heilige Leuchte (so wurde nämlich Simon ben Jochai von seinen Schülern genannt) hatte den letzten Satz noch nicht beendet, als seine Worte stockten, während ich dennoch weiter schrieb; ich schrieb noch eine Zeit lang, obschon ich nichts mehr hörte. Ich erhob mein Haupt nicht, denn das Licht war zu hell, als daß ich es hätte betrachten dürfen. Auf einmal vernahm ich eine Stimme, welche sprach: Lange Tage und Jahre des Glücks stehen dir bevor. – Darauf hörte ich eine andere Stimme, welche sprach: Er verlangt dein Leben, und du giebst ihm die Jahre der Ewigkeit. Während des ganzen Tages wird das Feuer nicht vom Hause weichen, und Niemand wird sich ihm wegen des Feuers und Glanzes zu nähern wagen. – Ich habe den ganzen Tag auf der Erde gelegen und meinen Klagen freien Lauf gelassen. Als das Feuer verschwunden war, sah ich, daß die heilige Leuchte, der Heiligste der Heiligen, die Erde verlassen hatte. Er lag auf seiner rechten Seite, und sein Antlitz lächelte. Sein Sohn Eleazar stand auf, ergriff seine Hände mit Küssen, und ich hätte gern den Staub gegessen, den seine Füße berührt hatten. Alsdann kamen alle seine Freunde, um ihn zu beklagen; aber keiner von ihnen konnte das Schweigen brechen. Aber endlich flossen ihre Thränen. Rabbi Eleazar warf sich dreimal auf die Erde und konnte nur die Worte hervorbringen: Ach, mein Vater! mein Vater! Rabbi Hiah, der erste seiner Schüler, setzte sich zu seinen Füßen und sprach: Bis heute hat die heilige Leuchte nicht aufgehört uns zu erleuchten und über uns zu wachen, und jetzt können wir nichts weiter thun, als ihm die letzten Ehren zu erzeigen. Rabbi Eleazar und Rabbi Aba standen auf, um ihm sein Sterbekleid anzulegen; alsdann versammelten sich seine Freunde klagend um ihn, und Wohlgerüche durchdufteten das ganze Haus. Er wurde auf die Bahre gelegt, und Rabbi Eleazar verrichtete mit Rabbi Aba dies traurige Geschäft. Als die Bahre aufgehoben wurde, sah man über Simons Antlitz einen feurigen Glanz in der Luft. Darauf hörte man eine Stimme, welche sprach: Kommt und feiert die Hochzeit des Rabbi Simon! – So wurde Rabbi Simon, der Sohn des Jochai, jeden Tag von dem Herrn geehrt, und sein Loos war glücklich in dieser und der andern Welt. Er ist es, von dem gesagt wurde: Ruhe in Frieden nach deinem Ende und erwarte deinen Gewinn am jüngsten Tage!“[383]
Mag man nun auch über den Wert dieser Stelle denken, wie man will, so giebt sie uns doch einen Begriff von dem Ansehen, in welchem Simon ben Jochai bei seinen Schülern stand, und von dem wahrhaft religiösen Kultus, den die ganze kabbalistische Schule mit seinem Namen trieb.
Zweifelsohne aber wird man in dem folgenden Text einen schlagenden Beweis für die von uns vertretene Meinung finden, obschon dieser Text noch nie, weder in älterer noch in neuerer Zeit citiert wurde. Er sagt, nachdem er zwei Klassen von Gelehrten, die der Mischna (מארי משנה), und die der Kabbala (מארי קבלה) unterschieden hat:
„Er gehört zu denen, von welchen der Prophet Daniel sagt: Die weisen Männer leuchten wie das Licht des Himmels. Es sind das diejenigen, welche sich mit dem „Buch des Lichtes“ beschäftigen, das gleich der Arche Noah zwei aus einer Stadt und sieben aus einem Königreich in sich vereinigt. Aber manchmal vereinigt sie weder zwei aus einer Stadt, noch zwei aus einer Familie. Auf diese sind die Worte anwendbar: Der ganze Mensch wird in einen Fluß geworfen werden. Dieser Fluß aber ist das Licht dieses Buches.“[384]
Diese Worte erwähnen den Sohar, welcher demnach zu jener Zeit bereits geschrieben und unter demselben Namen wie heute bekannt war. Wir sind also zu dem Schluß gezwungen, daß der Sohar während des Verlaufs mehrerer Jahrhunderte durch die Arbeit verschiedener Generationen von Kabbalisten entstand.
Es möge hier nicht in wörtlicher Übersetzung, die zu viel Raum beanspruchen würde, wohl aber dem Inhalt nach eine durch ihre Beziehungen sehr wertvolle Stelle folgen, welche beweist, daß die Lehren Simon ben Jochais lange Zeit nach seinem Tod in Palästina, wo er gelebt und gelehrt hatte, in Umlauf waren, und daß sogar von Babylon Abgesandte kamen, um seine Worte zu sammeln. Rabbi Joseph und Rabbi Hesekiel waren eines Tages zusammen unterwegs, als die Rede auf den Vers des Predigers Salomonis kam[385]: „Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh.“ Die beiden Weisen konnten nicht begreifen, daß Salomo, der weiseste der Menschen, diese Worte geschrieben hätte, welche, um mich des Originalausdrucks zu bedienen, eine offene Thür für die Ungläubigen bilden. Indem sie also sprachen, begegnete ihnen ein Mann, welcher – von den Anstrengungen des langen Weges und dem Sonnenbrand erschöpft – zu trinken begehrte. Sie gaben ihm Wasser und führten ihn zu einer Quelle. Als sich der Fremde gelabt hatte, teilte er ihnen mit, daß er ihr Glaubensgenosse sei, und daß er durch die Vermittelung eines seiner Söhne, der das Gesetz studiert habe, in ihre Wissenschaft eingeweiht worden sei. Darauf legten sie ihm die Frage vor, mit welcher sie sich vor seiner Ankunft beschäftigt hatten. Für den von uns hier verfolgten Zweck ist die Mitteilung, wie er sie auflöste, überflüssig; es genüge, daß er großen Beifall fand, und die Rabbinen ihn nicht von sich lassen wollten. Kurze Zeit darauf hatten die beiden Kabbalisten Gelegenheit sich zu überzeugen, daß dieser Mann den „Freunden“ angehörte, mit welchem Namen der Sohar die Adepten der Kabbala bezeichnet, und daß er, obschon einer der größten Gelehrten seiner Zeit, aus Demut seinem Sohn die Ehren zukommen ließ, welche ihm allein gebührten. Er war von den „Freunden“ zu Babylon abgesandt worden, um die Aussprüche des Simon ben Jochai und seiner Schüler zu sammeln. – Alle andern in diesem Buch mitgeteilten Dinge tragen dieselbe Farbe und bewegen sich auf dem gleichen Schauplatz. Noch wollen wir erwähnen, daß auch oft andere orientalische Glaubenssätze, wie solche des Sabäismus und Islam erwähnt werden, daß sich aber nicht die geringste Erwähnung des Christentums findet, und es somit wahrscheinlich wird, daß der Sohar in der gegenwärtig vorliegenden Gestalt erst zu Ende des 13. Jahrhunderts nach Europa kam. Einige der im Sohar enthaltenen Lehren waren, wie das Beispiel des Saadiah beweist, schon lange bekannt, aber es scheint eine Thatsache zu sein, daß vor der Zeit des Moses von Leon und der Reise des Nachmanides nach dem heiligen Land, kein vollständiges Exemplar desselben nach Europa gekommen ist. Was nun den Gedankeninhalt anlangt, so belehrt uns Simon ben Jochai selbst, daß derselbe nicht ihm entstammt, sondern daß er seinen Schülern nur lehrte, was die „Freunde“ in alten Büchern niedergeschrieben hatten. Er citiert hauptsächlich Jeba den Älteren und Hamnuna den Älteren. Er hofft, daß in dem Augenblick, wo er die tiefsten Geheimnisse der Kabbala enthüllen will, ihm der Schatten des Hamnuna von sechzig Gerechten begleitet zuhören werde. Ich bin von der Annahme weit entfernt, daß diese Bücher und Personen in der That ein so hohes Alter repräsentieren, sondern will nur darthun, daß die Verfasser des Sohar den Simon ben Jochai niemals als den Erfinder der kabbalistischen Wissenschaft hinstellen wollten.
Eine andere Thatsache verdient jedoch unsere größte Aufmerksamkeit. Es gab nämlich noch über hundert Jahre nach dem Bekanntwerden des Sohars in Spanien immer noch Leute, welche die kabbalistischen Lehren durch mündliche Tradition überlieferten und überliefert erhalten hatten, wie z. B. Rabbi Moses Botril, welcher sich im Jahre 1409 über die Kabbala und die Vorsichtsmaßregeln, unter denen sie zu lehren sei, folgendermaßen äußert:
„Die Kabbala ist nichts als die reinste und heiligste Philosophie; aber die Sprache der Philosophie ist nicht die der Kabbala. Dieselbe trägt ihren Namen, nicht weil sie von Vernunftschlüssen ausgeht, sondern weil sie durch die Tradition überliefert wird. Und wenn ein Lehrer ihren Inhalt seinem Schüler überliefert hat und nicht das genügende Vertrauen in dessen Weisheit setzt, so wird diesem nicht eher erlaubt, von dieser Wissenschaft zu sprechen, als bis er von seinem Meister dazu autorisiert worden ist. Dieses Recht wird ihm gewährt, d. h. er darf über die Merkaba sprechen, wenn er genügende Proben seiner Intelligenz gegeben hat, und wenn die in seinen Busen gestreuten Samenkörner Frucht getragen haben. Man muß ihm aber Stillschweigen auferlegen, wenn man in ihm nur einen profanen Menschen erkannt hat, welcher noch nicht zu denjenigen gehört, die sich durch ihre Meditationen auszeichnen.“