Weiterhin glauben die neueren Kabbalisten, daß die göttliche Gnade uns in der eigentlichen Metempsychose ein Mittel zur Wiedererlangung des Himmels darbietet. Sie geben an, daß, wenn zwei Seelen die Kraft fehlt, – jede für sich die Vorschriften des Gesetzes zu erfüllen, Gott sie beide in einem einzigen Körper und zu einem Leben verbindet, damit eine die andere ergänze, wie der Blinde den Lahmen. Manchmal hat eine dieser beiden Seelen die Ergänzung einer Tugend nötig, welche in der andern besser und stärker entwickelt ist. Diese wird alsdann gewissermaßen die Mutter der ersteren; sie trägt dieselbe alsdann in ihrem Schoß und ernährt sie wie die Mutter ihr Kind. Dies ist der kabbalistische Sinn der Worte „Trächtigkeit“ oder „Schwangerschaft“, mit welchen diese merkwürdige Verbindung bezeichnet wird, deren philosophischer Sinn sehr schwer zu begreifen ist. Aber lassen wir hier diese Träumereien oder unwichtigen Allegorien und halten wir uns weiter an den Text des Sohar.
Wir wissen bereits, daß die Rückkehr der Seele in den Schoß der Gottheit stets das Ende und die Belohnung aller Proben ist, von denen wir sprachen.[497] Jedoch haben die Autoren des Sohar dabei nicht Halt machen wollen: diese Verbindung, aus welcher für den Schöpfer sowohl als für das Geschöpf unaussprechliche Freuden hervorgehen, schien ihnen eine natürliche Thatsache, deren Prinzip in der Natur des Geistes selbst begründet ist; mit einem Wort, sie wollten es durch ein psychologisches System erklären, welches man ohne Ausnahme in allen dem Mysticismus entsprungenen Theorien wiederfindet. Nachdem der Sohar von der menschlichen Natur die blinde Kraft getrennt hat, welche dem tierischen Leben vorsteht, das nie die Erde verläßt und infolgedessen keine Rolle in der Bestimmung der Seele spielt, unterscheidet der Sohar noch zwei Arten des Empfindens und Erkennens. Die beiden ersten sind die Furcht und die Liebe: das direkte und reflektierte Licht, oder das innere und äußere Gesicht; dieses sind die Ausdrücke, welche gewöhnlich zur Bezeichnung der beiden letzteren angewendet werden. Der Text sagt:
„Das innere Gesicht empfängt sein Licht von der höchsten Flamme, welche in Ewigkeit leuchtet, und deren Geheimniß nie entschleiert werden wird, es ist innerlich, weil es von einer verborgenen Quelle stammt; es ist auch erhaben, weil es von oben kommt. Das äußere Gesicht ist nur ein Reflex dieses Lichtes, welches direkt von oben emanirt.“[498]
Als Gott zu Moses sagte, daß er ihn nie von Angesicht, sondern nur von hinten sehen werde, spielt er auf diese beiden Weisen des Erkennens an, welche außerdem noch durch den Baum des Lebens dargestellt werden, welcher die Erkenntnis des Guten und Bösen giebt. Es ist mit einem Wort das, was wir heute die Intuition und die Reflexion nennen. Die Liebe und die Furcht, vom religiösen Standpunkt aus betrachtet, werden in einer sehr bemerkenswerten Weise in folgendem Satz definiert:
„Durch die Furcht wird der Mensch zur Liebe geführt. Ohne Zweifel ist der Mensch, welcher Gott aus Liebe gehorcht, auf der erhabensten Stufe angekommen, und ihm gebührt schon in Folge seiner Heiligkeit das zukünftige Leben; aber man darf nicht glauben, daß Gott aus Furcht dienen, Gott nicht dienen sei. Es ist im Gegentheil eine sehr wichtige Ehrerbietung gegen Gott, daß die Furcht vor Gott zwischen diesem und einer weniger fortgeschrittenen Seele ein gewisses Band herstellt. Es giebt nur eine über die Furcht erhabene Stufe, nämlich die Liebe. In der Liebe ist das Geheimniß der Einheit verborgen. Sie ist es, welche die Einen zu den obern Stufen hinauf und die Andern zu den untern hinabzieht. Sie ist es, welche alles Seiende auf die höchste Stufe erhebt, wo Alles nothwendiger Weise vereinigt werden muß. Dies ist der geheimnisvolle Sinn der Worte: Höre, Israel, der Herr, dein Gott, ist ein einiger Gott.“[499]
Wir begreifen auf der Stelle, wenn wir einmal auf diesem höchsten Grad der Vollkommenheit angelangt sind, daß der Geist weder Reflexion noch Furcht mehr kennt, daß vielmehr seine in die Intuition und Liebe eingeschlossene glückliche Existenz ihren individuellen Charakter verloren hat; ohne Interesse, ohne Handlung, ohne Rückkehr zu sich selbst kann sie sich nicht mehr von der göttlichen Wesenheit trennen. Hier möge folgen, wie sie sich zunächst unter dem Gesichtspunkt der Intelligenz darstellt:
„Kommet und sehet: wenn die Seelen an den Ort gekommen sind, welche man den Schatz des Lebens nennt, so erfreuen sie sich jenes glänzenden Lichtes, dessen Herd im höchsten Himmel ist: und so groß ist der von ihm ausgehende Glanz, daß ihn die Seelen nicht würden ertragen können, wenn sie nicht mit einer Lichthülle bekleidet wären. Dank dieser Hülle können sie Angesichts dieses blendenden Herdes bestehen, welcher den Aufenthaltsort des Lebens verklärt. Moses selbst konnte sich ihm nur nähern, um ihn zu betrachten, nachdem er seine irdische Hülle abgelegt hatte.“[500]
Wenn wir nun wissen wollen, wie sich Gott aus Liebe mit der Seele vereinigt, so müssen wir die Worte jenes Greises hören, welchen der Sohar nächst Simon ben Jochai die größte Rolle spielen läßt:
„In einem der geheimsten und erhabensten Orte des Himmels steht ein Palast, welchen man den Palast der Liebe nennt. Von ihm gehen die tiefsten Geheimnisse aus; in ihm sind alle vom himmlischen König geliebten Seelen versammelt; in ihm wohnt der himmlische König, der Heilige, gelobt sei er, mit den heiligen Seelen und vereinigt sich mit ihnen durch Küsse der Liebe.“[501]