Kraft dieser Idee wird der Tod des Gerechten ein Kuß Gottes genannt. Der Text sagt ausdrücklich:

„Dieser Kuß ist die Vereinigung der Seele mit der Substanz, woraus sie entsprungen ist.“[502]

Das gleiche Prinzip macht uns begreiflich, warum die Interpreten des Mysticismus den zärtlichen, aber oft sehr profanen Ausdrücken des Hohenliedes eine so große Verehrung entgegen bringen.

„Mein Geliebter gehört mir, und ich gehöre meinem Geliebten“, sagte Simon ben Jochai vor seinem Tod, und es verdient als wichtig bemerkt zu werden, daß dieser Ausdruck auch die Abhandlung Gersons über die mystische Theologie schließt. Ungeachtet der Überraschung, welche der eben genannte berühmte Name und der große Name Fenelons in Verbindung mit dem Sohar hervorrufen könnte, würden wir keine Mühe haben, darzulegen, daß in den „Betrachtungen über die mystische Theologie“ und in der „Auseinandersetzung der Grundsätze der Heiligen“ es unmöglich ist, etwas anderes zu finden, als diese Theorie der Liebe und Betrachtung, deren Grundzüge wir darlegten. Ihre letzte Konsequenz hat endlich niemand mit solchem Freimut dargestellt wie die Kabbalisten. Unter den verschiedenen Stufen der Existenz, welche man auch die sieben Tabernakel nennt, giebt es eine, welche der Heiligste der Heiligen genannt wird, auf welcher alle Seelen sich mit der höchsten Seele vereinigen und einander ergänzen. Hier kehrt alles zur Einheit und Vollkommenheit zurück; alles verbindet sich zu einem einzigen Gedanken, welcher sich über das Weltall ausdehnt und dasselbe völlig erfüllt. Aber der Grund dieses Gedankens, das Licht, welches sich verbirgt, und das nie verlöscht oder erkannt werden kann, wird nur sichtbar durch den von ihm ausgehenden Gedanken. In diesem Zustand endlich kann die Kreatur nicht mehr vom Schöpfer unterschieden werden; derselbe Gedanke erleuchtet sie, derselbe Wille beseelt sie; die Seele sowohl sich selbst als Gott befehlend und dem Weltall, und was sie befiehlt führt Gott aus.[503]

Es bleibt uns noch zum Beschluß dieser Untersuchung übrig, mit wenig Worten die Meinung der Kabbalisten über ein traditionelles Dogma kennen zu lernen, welches in ihrem System zwar eine sehr untergeordnete Rolle spielt, das aber für die Religionsgeschichte von der höchsten Wichtigkeit ist. Der Sohar erwähnt öfter den Abfall und den Fluch, welchen der Ungehorsam unserer ersten Eltern in die menschliche Natur brachte. Er lehrt uns, daß Adam, indem er der Schlange nachgab, in Wirklichkeit den Tod auf sich, seine Nachkommenschaft und die ganze Natur herab beschwor. Vor seinem Fall war er von größerer Schönheit und Stärke als die Engel. Wenn er einen Körper hatte, so war er nicht von gemeinem Stoff wie der unsere, er hatte keine Bedürfnisse und sinnliche Wünsche. Er wurde durch die höchste Weisheit verklärt, durch diejenige der Boten Gottes von der höchsten Ordnung, welche ihn später aus dem Paradies vertreiben mußten. Man kann jedoch nicht sagen, daß dieses Dogma das nämliche sei, wie das vom Sündenfall. In Wirklichkeit handelt es sich hier, wenn man nur die Nachkommenschaft Adams im Auge hat, weder um ein Verbrechen noch um eine menschliche Tugend, wohl aber um ein erbliches Übel, um eine schreckliche Strafe, welche sich sowohl über die Zukunft als über die Gegenwart erstreckt. Der Text sagt:

„Der reine Mensch ist an sich selbst ein wahres Opfer, welches zur Heilung dienen kann; deshalb werden auch die Gerechten die Reinigungsopfer des Weltalls genannt.“[504]

Die Kabbalisten gehen sogar so weit, den Todesengel als den größten Wohlthäter des Weltalls hinzustellen; denn, sagen sie, er beschützt uns gegen das gegebene Gesetz, er ist die Ursache, daß die Gerechten die erhabenen Schätze erben, welche ihnen für das zukünftige Leben vorbehalten sind.[505] Schließlich ist dieser alte, in der Genesis so positiv ausgedrückte Glaube an den Sündenfall des Menschen in der Kabbala mit großer Geschicklichkeit als eine natürliche Thatsache, als eine Schöpfung der menschlichen Seele dargestellt, welche folgendermaßen erklärt wird:

„Bevor Adam gesündigt hatte, wußte er noch nicht, daß die Weisheit des Lichtes von oben kommt; er war noch nicht vom Baum des Lebens getrennt. Aber als er dem Verlangen nachgab, die unteren Dinge kennen zu lernen und in ihre Mitte herabzusteigen, alsdann wurde er verführt, er erkannte das Böse und vergaß das Gute; er trennte sich vom Baume des Lebens. Bevor er dieses gethan hatte, hörte er eine Stimme von oben; er besaß noch die höhere Weisheit und bewahrte noch ihre lichtartige Natur. Aber nach seinem Fall hörte er die Stimme nicht mehr.“[506]

Wie könnte man die Meinung nicht erkennen, welche wir eben darstellten, wenn man uns lehrt, daß Adam und Eva, bevor sie durch die Einflüsterungen der Schlange betrogen wurden, nicht allein von den Bedürfnissen des Körpers befreit waren, sondern sogar nicht einmal einen Körper besaßen; daß sie also sozusagen der Erde gar nicht angehörten? Sie waren beide reine Intelligenzen, glückliche Geister, wie diejenigen, welche den Aufenthaltsort der Gerechten bewohnen. Dies bedeutet die Nacktheit, unter welcher sie uns die heilige Schrift im Stande ihrer Unschuld darstellt. Und wenn der heilige Geschichtsschreiber erzählt, daß ihm der Herr ein Kleid von Fellen anzog, so will dies sagen, daß die Erlaubnis diese Welt zu bewohnen, eine unvorsichtige Neugierde von ihnen war oder vielmehr der Wunsch, das Gute und Böse kennen zu lernen. Gott gab ihnen einen Körper und Sinne. Hier möge eine der zahlreichen Stellen folgen, worin diese auch von Philo und Origenes angenommene Idee in ziemlich klarer Weise dargestellt wird: