Auf dem hellenischen Boden beginnt, was auf dem Titel des Gesamtwerkes, dessen letzten Band ich hiermit beginne, als „Occultismus“ bezeichnet ist, in die Philosophie einzumünden. Philosophie ist nicht nur dem Namen, sondern auch der Sache nach erst eine Erfindung des griechischen Geistes. Der „Occultismus“ der Griechen fällt daher in gewissem Grade mit einer Geschichte der griechischen Philosophie zusammen, und die folgende Darstellung der letzteren wird sich nur insofern von den gewöhnlichen Darstellungen der griechischen Philosophie unterscheiden, als sie den mystischen Elementen derselben eine größere Beachtung schenkt. Wir treten zwar aus dem Nebel der orientalisch wüsten Phantastik heraus in eine reinere und freiere Atmosphäre. Allein wir werden finden, daß selbst die rationellsten Denker des begabtesten aller antiken Völker von mystischen und transcendentalen Voraussetzungen noch nicht ganz frei waren, und daß mit der Auflösung der griechischen Kraft auch die Philosophie im Neu-Pythagoräerismus und Neu-Platonismus nach dem anfangs so verheißungsvollen Erwachen einer nüchternen, wissenschaftlichen Naturbetrachtung wieder in die Träume und Superstitionen des Asiatismus und zu jenem Mysticismus herabsinkt, der dann auch bei dem Wiedererwachen des wissenschaftlichen Geistes gegen Ausgang des Mittelalters noch einen störenden Einfluß auf den Anfang der neueren Philosophie ausgeübt hat. So z. B. wird Giordano Bruno nur als Neu-Platoniker ganz verständlich.

Erst die moderne Naturwissenschaft hat, beginnend mit Galilei, in stetigem Kampfe gegen die metaphysischen Vorurteile unsere positivistische rein wissenschaftliche Denkweise gereift, für welche die Philosophie nichts anderes mehr ist, als Centralisation und denkende Verarbeitung und Verknüpfung aller Erfahrungs-Wissenschaften. Vergl. Comte, Cours de philosophie positive.

[I.]
Thales von Milet.

Das erste Erwähnen des natur-philosophischen Bewußtseins hat auf jonischem Boden stattgefunden. Hier zum ersten Male wurde in besonnener und verstandesklarer Gedankenhaltung die Frage gestellt nach dem Grunde oder Anfange, aus welchem sich das Vorhandene gestaltet habe, oder auch, wenn man will nach dem „Ding an Sich“ oder dem „reinen Sein“.

Den Zug der ersten Philosophenschule, der sog. jonischen Physiologen oder Physiker, eröffnet Thales von Milet.

Über das Leben dieses Vaters der griechischen Philosophie sind wir wenig, aber doch immer noch verhältnismäßig besser unterrichtet, als über dasjenige mancher späterer, durch unkritische Sagenbildung umwölkter Philosophen, z. B. des Pythagoras. Er entstammt einem thebanischen Geschlecht und ist wahrscheinlich um 640 v. Chr. geboren; jedenfalls war er ein Zeitgenosse des Solon und Crösus. Er war ein Bürger von Milet, sei es, daß er selbst erst dort eingewandert und unter die Bürger aufgenommen war, oder daß bereits sein Vater Examios das Bürgerrecht erlangt hatte. Es steht fest, daß er auch an den politischen Angelegenheiten Milets Anteil genommen hat.

Nach Herodot I., 170, riet er den Joniern vor ihrer Unterwerfung durch die Perser, sich zur Abwehr derselben zu einem Bundesstaat mit einheitlicher Centralregierung zu vereinigen. Er erlangte früh in ganz Griechenland den Ruf großer Kenntnisse und wurde unter die sog. sieben Weisen eingereiht. Eine Anekdote erzählt, daß er anfangs über seinen naturphilosophischen Spekulationen sein Vermögen vernachlässigt habe, dann aber, als ihm dieserhalb Vorwürfe gemacht wurden, um zu beweisen, daß einem Philosophen, wenn er nur wolle, auch die praktische Erwerbsthätigkeit eine Kleinigkeit sei, binnen kurzer Zeit durch finanzielle Spekulationen mit Ölpressen sich gewaltige Reichtümer erworben habe.

Zunächst scheint er sich dem bis dahin bei den Griechen noch sehr rückständigen Studium der Mathematik und Astronomie zugewandt zu haben. Diogenes giebt an, er habe zuerst bewiesen, daß die Dreiecke auf dem Kreisdurchmesser rechtwinklig sind; Plinius, er habe zuerst die Höhe der Pyramide aus ihrem Schatten berechnet; Proklus, er habe zuerst bewiesen, daß die Scheitelwinkel einander gleich sind, daß Dreiecke sich gleich sind, wenn sie je zwei Winkel und eine Seite gleich haben, und daß man mittels dieses Satzes die Entfernung von Schiffen auf dem Meere messen könne, auch habe er den in Euklid 440 gegebenen Beweis dafür entdeckt, daß der Durchmesser den Kreis halbiert. Im Altertum kursierte eine Schrift über nautische Astronomie unter seinem Namen, die jedoch Diogenes Laertius einem Samier Phocus zuschreibt. Möglich ist, daß er diese geometrischen und astronomischen Kenntnisse sich bei einer Anwesenheit in Egypten angeeignet hat.[508]

Am berühmtesten ist seine Vorausbestimmung einer zur Zeit des lydischen Königs Alyattes eingetretenen Sonnenfinsternis. Nach Zech's astronomischen Untersuchungen (vgl. Ueberweg's Geschichte der Philosophie I, § 12), hat diese Finsternis am 30. September 161 v. Chr. stattgefunden.

Möglicherweise hat er dabei den Saros, d. h. die von den Chaldäern durch fortgesetzte Beobachtung aufgefundene Periode der Verfinsterungen benutzt, welche 223 synodische Monate oder 6585⅓ Tage umfaßt.