Aristoteles sagt Metaph. I, 3: „Von denen, welche zuerst philosophiert haben, haben die meisten bloß materielle Urgründe angenommen, und zwar Thales, der Urheber dieser Richtung das Wasser. Er schöpfte diese Meinung wahrscheinlich aus der Beobachtung, daß die Nahrung von allem feucht sei, und daß das Warme selbst hieraus werde und das lebende Wesen hierdurch sich erhalte; das, woraus ein anderes wird, ist aber für dieses das Prinzip; – ferner aus der Beobachtung, daß der Same seiner Natur nach feucht sei; das Prinzip aber, vermöge dessen das Feuchte feucht sei, sei das Wasser.“
Dazu bemerkt Dühring in seiner kritischen Geschichte der Philosophie (S. 20 u. 22): „Mit vollem Rechte werden die ursprünglichen flüssigen oder gasförmigen Zustände der Natur als Totalitäten gedacht, in denen alles der Anlage nach enthalten war, was in der gegebenen in festen Formen gestalteten Welt anzutreffen ist.“ „Stand es einmal für den Verstand fest, daß das Gegebene seine gegenwärtige Gestalt einem Bildungshergang verdanke und nicht etwa jederzeit ebenso bestanden habe, wie jetzt, so war die nächste Konsequenz des Vorstellens offenbar die, sich nach einem wirklich bildsamen Stoff umzusehen, auf welchen gestaltende Kräfte mit Leichtigkeit wirken können. Das Feste ist erfahrungsmäßig wenig bildsam. Es mußte daher eine der Bethätigung des Kräftespiels günstigere Urbeschaffenheit angenommen werden. Die einzelnen Beobachtungen der natürlichen Gestaltungshergänge mögen das Flüssige als Ausgangspunkt des Festwerdens sowie auch der Verdunstung besonders empfohlen haben. Das Thaletische Wasser erscheint auf diese Weise gar nicht als ein willkürliches Prinzip, sondern als eine für den damaligen Stand des Naturwissens verhältnismäßig gelungene Idee.“
Ich selbst habe in meiner Einleitung zu Brunos Dialogen „Vom Unendlichen“ daran erinnert, daß Thales zu Milet am Strande des Meeres lebte, daß daher sein Grundprinzip aller Dinge der sinnlichen Anschauung seine Anregung verdankt. Denn mehr fast, als selbst der als abgeschlossene Wölbung erscheinende Luftraum vermag das Meer einen gefühlsmäßigen Antrieb zur Unendlichkeits-Idee zu erwecken, wie dies Byron in den schönen Versen seines Childe Harold ausdrückt:
„Glorreicher Spiegel, wo im Wettersausen
Blickt des Allmächt'gen Bild! Zu allen Zeiten,
Still und bewegt, im Sturm, im Brausen,
Am eis'gen Pol, in glutdurchflammten Weiten,
Nachtdunkel, endlos, hehr, – der Ewigkeiten
Erhab'nes Bild, des Unsichtbaren Schrein!
Des Abgrunds Ungeheuer selbst entgleiten
Bloß deinem Schleim entsproßt! Allwärts herrscht dein
Gesetz! So wogst du fort, hehr, bodenlos, allein!“
Wir dürfen bei Wasser nur nicht an unser chemisches H2O, sondern an den flüssigen Aggregatzustand denken, um das Grundprinzip des Thales nicht für eine so kindische Vorstellung gelten zu lassen, wie es vielleicht manchem oberflächlichen modernen Beurteiler auf den ersten Blick erscheint.
Ob Thales vom Wasser, als dem Urstoff, die Gottheit oder den Geist unterschieden habe, oder ob er, wie Zeller[509] meint, der Urheber des sog. Hylozoismus war, „sich alle Dinge lebendig gedacht, alle wirkenden Kräfte nach Analogie der menschlichen Seele personifiziert hat“, ist sehr zweifelhaft. Aristoteles bemerkt zwar, er habe gelehrt, daß alles voll von Göttern sei. Ich möchte dem Urteil Dührings den Vorzug geben, wonach eine Unterscheidung des rein Materiellen von affizierenden Kräften oder gar geistigen Potenzen nicht auf dem Wege einer so einfachen Rechenschaft lag, wie sie von den jonischen Naturdenkern ins Auge gefaßt worden ist. Man thut ihnen daher, und insbesondere dem Thales, wohl Unrecht, wenn man ihnen mit Zeller eine unberechtigte Belebung der Materie unterschiebt. Ebenso ist es schlecht beglaubigt, daß er zuerst die Unsterblichkeit der Seelen gelehrt habe. Ebenso unverbürgt und unwahrscheinlich sind folgende Aussprüche, die Diogenes Laertius ihm beilegt: Gott ist das älteste aller Wesen; denn er ist unentstanden. Das Schönste ist das Weltall; denn es ist von Gott erschaffen. Das Größte ist der Raum; denn er umfaßt alles. Das Schnellste ist der Geist; denn er durcheilt das Weltall. Das Stärkste ist die Notwendigkeit; denn sie überwindet alles. Das Weiseste die Zeit; denn sie entdeckt alles. Der Tod unterscheidet sich nicht vom Leben. Als ihn mit Hinweis auf diesen Ausspruch jemand gefragt haben soll: „Warum stirbst du denn nicht?“ soll er geantwortet haben: „Weil es keinen Unterschied ausmacht.“ Auf die Frage, was schwer sei, erwiderte er: Sich selbst zu kennen; auf die Frage, was leicht: Einem andern gute Ratschläge zu erteilen; auf die Frage, wie man die harten Schläge des Schicksals am leichtesten ertragen könne, antwortete er: Wenn man sehe, daß es unseren Feinden noch schlechter gehe; und auf die Frage, wie man sein Leben am besten und richtigsten einrichte, wenn man die Fehler, die man an anderen tadelnswert finde, selber vermeide.
Einst sollen Milesische Fischer mit ihrem Netz einen Dreifuß von bewundernswerter Arbeit, ein Werk des Vulkan, aus dem Meere gezogen haben. Um den unter ihnen über das Eigentum entbrannten Streit zu schlichten, sandte man zum Delphischen Orakel. Die Pythia gab zur Antwort:
Über den Dreifuß befragst den Gott du, Milesische Jugend:
Der gehöret dem Mann, deß Weisheit unübertroffen.
Man gab daher den Dreifuß dem Thales. Thales gab ihn weiter und so gelangte er schließlich an Solon, der ihn dann mit der Erklärung, daß der Gott der Weiseste sei, nach Delphi geschickt haben soll.